Frauen sind stärker gefährdet

Neue Medizin-Studie aus Göttingen: Gewöhnung an den Pandemie-Stress

Die Universitätsmedizin: Hier entstand die Studie.
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Die Universitätsmedizin: Hier entstand die Studie.

Menschen mit psychischen Vorerkrankungen wie Depressionen und Angststörungen reagieren während der Corona-Pandemie mit Be- und Entlastung – abhängig von Beschränkungen („Lockdown“) und Lockerungen.

Göttingen – Und sie gewöhnen sich an dieses Auf und Ab. Das ist, verglichen mit Studien aus der Allgemeinbevölkerung, eine normale Stressreaktion samt Gewöhnung danach.

Das bedeutet aber keine Entwarnung für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen, die den Stress in der Pandemie besonders stark erleben, wie eine neue Studie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ergab.

Für alle psychiatrischen Krankheitsbilder ergab sich nach den Befragungen ein ähnliches Muster: Die psychosoziale Belastung stieg in der Frühphase der Pandemie an, nahm dann aber über die zwei Lockdowns hinweg stetig ab und erreichte Ende 2020 schließlich wieder ein ähnliches Niveau wie vor der Pandemie.

Bisher nahm man an, dass Menschen mit psychischen Vorerkrankungen während der Pandemie verstärkt Stress erleben und sich so ihre Symptome verschlechtern, es möglicherweise sogar zu massiven Rückfällen kommen kann. Das hieße: Sie würden durch die auferlegten Corona-Regeln wie Kontaktbeschränkungen besonders belastet – und sie wären eine Risikogruppe mit besonderem Behandlungsbedarf.

Nun also die Erkenntnis: Sie reagieren in der Tendenz wie normale, nicht vorerkrankte Menschen. „Trotz dieser positiven Ergebnisse sollte der Langzeitverlauf der psychischen Belastung weiter kontinuierlich beobachtet werden, um eine Verschlechterung rechtzeitig zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern“, sagt Priv.-Doz. Dr. Claudia Bartels, Erstautorin der Studie und Leitende Psychologin an der UMG-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Dr. Claus Wolff-Mentzler

Im zweiten Lockdown stellten die Wissenschaftler eine Abnahme an Schutzfaktoren bei den Studienteilnehmern fest, die sich nach und nach weiter erschöpfen könnten. „Insbesondere Frauen, Patientinnen mit mehreren psychischen Erkrankungen sowie Patientinnen, die initial stark auf Stresssituationen reagieren, zeigen einen ungünstigen Verlauf und haben daher ein besonderes Risiko für einen erhöhten Behandlungsbedarf“, sagt Claudia Bartels.

Für die Datenerhebung wurden 213 Patienten zwischen 18 und 95 Jahren mit einem breiten Spektrum an psychischen Erkrankungen im Verlauf der Pandemie telefonisch interviewt. Die Erkrankungen umfassten auch Depression, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und Autismusspektrum-Störungen.

Dr. Claudia Bartels, Erstautorin der Studie

Die Wissenschaftler fragten auch nach psychosozialer Belastung, Symptomveränderungen sowie Risiko- und Schutzfaktoren. Die Teilnehmenden wurden gegen Ende des ersten Lockdowns im April/Mai 2020 in einem 30-minütigen Telefoninterview befragt und sollten eine Einschätzung zu ihrer psychosozialen Belastung, zu psychischen Symptomen und Schutzfaktoren abgeben.

159 der Patienten wurde während des zweiten Lockdowns im November/Dezember 2020 erneut interviewt. Zum Einsatz kam dabei das an der UMG neu entwickelte Göttinger Belastungs- und Symptominventar (Gö-BSI), eine Befragungsmethode basierend auf 77 Fragen.

Diese Methode ermöglichte sowohl eine aktuelle Einschätzung der psychosozialen Belastung während der Lockdowns, als auch eine rückblickende Einschätzung für Zeitpunkte vor Beginn der Pandemie (Anfang 2020) und in den ersten Wochen des ersten Lockdowns (Mitte März 2020). (Thomas Kopietz)

Nationales Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin zu Covid-19

Das Nationale Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin zu Covid-19, kurz Netzwerk Universitätsmedizin (NUM), bündelt und stärkt Forschungsaktivitäten zur Bewältigung der aktuellen Lage. Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, koordiniert durch die Charité Berlin, arbeitet das Forschungsnetzwerk unter Beteiligung aller deutschen Universitätsklinika und weiterer Netzwerke an Lösungen für eine bestmögliche Patientenversorgung in der Pandemie. 13 Verbundprojekte mit Leitungen an den verschiedenen Standorten sind konzipiert worden. Das Programm ist auf schnelle, unmittelbare Unterstützung ausgerichtet. Ein Akzent liegt auf der kliniknahen Forschung und Versorgungsforschung, deren Ergebnisse direkt in Versorgung und das Krisenmanagement einfließen. Dem Forschungsnetzwerk und den beteiligten Einrichtungen stehen 150 Millionen Euro im ersten Jahr bereit, ab 2021 soll das Netzwerk bis 2024 mit weiteren 80 Millionen Euro jährlich und zusätzlichen 240 Millionen Euro gefördert werden. (tko)

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