Neuer Uni-Chef über Professoren, Studium und Offenheit

Neuer Uni-Präsident Metin Tolan: „Jedes zweite Wort war Göttingen“

Metin Tolan, neuer Präsident der Uni Göttingen
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Metin Tolan, neuer Präsident der Uni Göttingen

Seinen Amtsantritt in Göttingen sehnen viele – nicht nur an der Georg-August-Universität – herbei: Professor Metin Tolan wird am Donnerstag, 1. April, in sein Amt eingeführt.

Göttingen – Ohne Brimborium, virtuelle, wie es die Pandemie diktiert. Seine Antrittsrede wird dennoch mit Spannung erwartet. Wir haben mit Metin Tolan gesprochen.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Tolan, Sie werden neuer Präsident der Georg-August-Universität.
Ja, das freut mich sehr. Ich musste meine Wahl aber auch erst einmal verdauen.
Der Vorschlag der Findungskommission fokussierte sich nur auf Sie.
Da haben Sie Recht – es lief alles auf mich zu, das habe ich dann auch gemerkt. Damit hatte ich nicht gerechnet, es hat mich überrascht, aber natürlich auch gefreut.
Was hat Sie dazu bewogen, sich an der altehrwürdigen Uni Göttingen zu bewerben, oder wurden sie, wie im Fußball, gescoutet und angeboten?
Es sind keine Ablösesummen gezahlt worden. Ich bin Physiker, und für uns Physiker ist Göttingen immer noch quasi das Mekka, denn hier ist die Quantentheorie entwickelt worden, die Theorie, auf der alles basiert, was wir an technischem Fortschritt heutzutage in der Informationstechnologie sehen. Wenn sie weltweit als Physiker den Namen Göttingen erwähnen, dann weiß jeder, wo das ist.
Das hat Sie gereizt.
Das ist eine Hausnummer für jemanden wie mich: Der wird dann schwach. Anfällig war ich auch, weil während meiner Studienzeit ein Professor faszinierend erklärte, wie man in der Physik zu bestimmten Erkenntnissen gekommen ist – und ehrlich: Jedes zweite Wort von ihm war Göttingen. Das hat mich geprägt. Göttingen hat noch eine ausgezeichnete Physik von Weltrang – neben vielen anderen starken Bereichen am Forschungscampus.
Wollten Sie schon immer Uni-Präsident werden?
Nein. Sie werden keine andere Bewerbung von mir auf eine solche Position bei einer anderen Universität finden.
Die Uni Göttingen hatte in den vergangenen Jahren massive interne Probleme, die zum Imageverlust führten. Wussten Sie das?
Das konnte man nicht überlesen. Eine Uni, die wirklich ruhig ist, wo sich alle in den Armen liegen und schunkeln, die ist mir nicht bekannt. Das Wesen einer Uni, wo viele Top-Leute aus unterschiedlichen Bereichen aufeinandertreffen, ist nun einmal, dass dort Reibung herrscht. Manchmal eskaliert es ein bisschen stärker. Das ist nichts Ungewöhnliches. Auch die Wahl von Präsidenten, wie zuvor in Göttingen, läuft nicht immer glatt. Die Situation hier war vielleicht gar nicht so herausragend kritisch. Es passiert und man muss versuchen, alles wieder einzufangen, zu reparieren. Tragisch war, dass der Streit so nach außen gedrungen ist.
Welcher Fähigkeiten bedarf es, die Uni auf Kurs Zukunft zu lenken, als Teamchef ein Wir-Gefühl zu erzeugen?
Man benötigt unbedingt viel Transparenz, muss dass, was in der Uni, im Präsidium läuft, verständlich für viele machen – es nach draußen kommunizieren. Dabei darf nicht der Eindruck entstehen, dass gemauschelt wird, was oft Präsidien unterstellt wird. Man muss auch offen über die Verteilung von Budgets, von Ressourcen reden und transparente Regeln dafür aufstellen. Bei uns in Dortmund ist das gut gelungen. Ich denke, das kann auch hier gelingen.
Die Uni wurde durch das zweimalige Aus in der Exzellenz-Initiative zurückgeworfen – ein Makel?
Die Uni Göttingen leidet sicher darunter. Wir werden einen Prozess aufsetzen, um uns für die nächste Förderphase 2026 zu bewerben, das hat Reinhard Jahn schon wunderbar vorbereitet. Dabei muss man aus der Uni so viele Menschen wie irgend möglich mitnehmen, daran werde ich hart arbeiten. Denn letztlich steht in der Exzellenz die ganze Uni unter dem Brennglas. Es darf nicht sein, dass bestimmte Bereiche ausgeklammert werden. Der Wettbewerb ist hart, kleinste Schwächen führen zum Aus. Ich kann nur davor warnen, zu glauben, dass man nur einzelne Teile der Uni weiterentwickeln muss, damit es mit der Exzellenz funktioniert.
Also weniger Forschungsverbünde in einer Exzellenz-Bewerbung?
In manchen Forschungsbereichen ist die Arbeit so komplex geworden, dass es ohne Verbünde nicht geht. Für manche Forscherinnen und Forscher aber ist dieser Zusammenschluss in Verbünden nicht der richtige Weg, dann leuchtet es gar nicht ein, warum sich plötzlich 20 Leute an einem langjährigen Forschungsprojekt beteiligen sollen. Auch das ist Wissenschaft. Es kommt eben auch auf die einzelnen an, ebenso wie auf Verbünde.
Sind Sie dann eher Moderator oder Teamchef?
Moderation ist eine große Aufgabe eines Präsidenten. Aber er muss natürlich auch Entscheidungen treffen. Das führt zu Konflikten. Ich bin ja einstimmig gewählt worden, was sehr schön und ein Zeichen ist. Dabei wird es aber nicht bleiben. Ich hoffe auf eine Diskussionskultur, in der man zumindest bereit ist, demjenigen, der eine andere Meinung vertritt, hehre Motive zu unterstellen. Es muss darum gehen, die ganze Uni nach vorne zu bringen. Dennoch: Es wird Entscheidungen geben, die bestimmten Personen nicht gefallen werden. So kommt es auch zu Turbulenzen, die wir ja bereits angesprochen haben. Als Präsidium müssen wir die Entscheidungen noch besser erklären und vermitteln.
Die Corona-Krise hat viel verändert, auch für Forschung und Lehre. Was resultiert daraus?
Ja, Corona hat die Uni-Kultur in kurzer Zeit massiv verändert. Eine Zeit nach Corona wird es nicht geben, wenn damit gemeint ist, dass dann alles wieder so aussehen wird wie vor Corona. Durch die Angebote, die wir in ganz kurzer Zeit aus der Not heraus geschaffen haben, ist auch etwas Positives entstanden, nicht nur zur Überbrückung der Notsituation, sondern auch für die Zukunft.
Was meinen sie konkret?
Vorher standen wir im Hörsaal und dozierten vor den Studierenden. Heute zeichne ich eine Vorlesung auf und stelle sie ins Netz, dort ist sie jederzeit online verfügbar. Wenn ich die Klausurergebnisse vergleiche und feststelle: Sie sind nach Online-Vorlesungen nicht schlechter – was vorkam –, dann ist das der Beweis dafür, dass eine Vorlesung mit 400 Menschen im Hörsaal nicht das optimale Medium ist, Wissen zu vermitteln. Als Hochschullehrer verklärt man diese althergebrachte Vorlesungszeremonie etwas (lacht).
Also keine Vorlesungen in Präsenz mehr?
Zumindest nicht wie bisher. Die Vorlesung in Präsenz hat trotzdem ihren Sinn, den sozialen Sinn. Man sitzt nebeneinander, tauscht sich aus, lernt sich kennen. Und man kann, wenn man die Art des Vermittelns verändert, die Zeit in der Vorlesung besser nutzen: über das online bereitstehende Material sprechen, diskutieren und so das Wissen vertiefen. Wir sind gefordert, das, was wir jetzt für das Home-Learning entwickelt haben, zu verfeinern und als Gewinn für die Zukunft anzusehen. Das wird gelingen. Weiterer Vorteil: Im Chat kommen Leute auf mich zu, fragen, die sich das vor 400 im Hörsaal nicht trauen würden. Im Chat sieht das ganz anders aus – auch wenn manchmal ‘Mickymouse 95‘ anonym fragt. Ich sehe sehr viel Potenzial.
Sie haben populärwissenschaftliche Bücher geschrieben und darüber unterhaltsam referiert - werden Sie das weiterhin tun?
Vorträge werde ich weiter halten, ein Buch nebenbei zu schreiben ist sicher schwierig. Ich betrachte das als Hobby: Andere züchten Rosen, ich halte gerne populärwissenschaftliche Vorträge, wie über die Physik bei James Bond. Wenn das gewünscht ist, dann kann ich das auch gerne in Göttingen machen. Die Zeit dafür werde ich mir nehmen. Andere Anfragen für Vorträge werde ich aber wohl nicht mehr in der großen Zahl wie früher bedienen können. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Prof. Metin Tolan

Prof. Metin Tolan (56), geboren Oldenburg in Holstein, Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters, studierte in Kiel Physik und Mathematik. Er promovierte im Bereich Röntgenstreuung, forschte in den USa und habilitierte in Kiel. 2001 übernahm er den Lehrstuhl „Experimentelle Physik 1“ an der TU Dortmund. Bekannt ist Tolan auch als Wissenschaftskabarettist und Buchautor zur Physik der Star Trek-Filme. Er betrachtete die Berechenbarkeit und Physik des Fußballspiels („Manchmal gewinnt der Bessere“ sowie in James-Bond-Filmen (Gechüttelt, nicht gerührt“). So Er erhielt er 2013 auch den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). (tko)

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