Forschungsergebnisse von Historiker Dr. Sebastian Rick 

Neues Buch: Diktatur nach Kriegsende rigoros durchgesetzt

Forschte vier Jahre zur Diktatur auf dem Land: Historiker Dr. Sebastian Rick.

Göttingen/Duderstadt. Ein neues Buch schildert den Aufbau des kommunistischen Systems nach 1945 auf dem Land. Dafür hat Historiker Dr. Sebastian Rick vier Jahre geforscht.

Im Oktober 1945 wurde für den Kreis Liebenwerda (Brandenburg) eine neue Polizeieinheit aufgestellt. Von 60 Polizisten gehörten 53 der Kommunistischen Partei an. Anzeichen dafür, dass die KPD nach dem Zusammenbruch rigoros in der sowjetisch besetzten Zone am Aufbau eines kommunistischen Systems arbeitete.

Die SED-Diktatur im ländlichen Raum hat der Historiker Dr. Sebastian Rick am Beispiel der Kreise Liebenwerda und Schweinitz erforscht. Sein Buch wird im November im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erscheinen. Einen Einblick gab der Autor bei einer Veranstaltung des Grenzlandmuseums Teistungen. Die Kreise hatten zusammen 120.000 Einwohner, waren also überschaubar.

Bei ihrem rigorosen Vorgehen konnten sich die Kommunisten noch vor der Zwangsvereinigung mit der SPD zur SED 1946 auf die Rote Armee stützen, die das Selbstverständnis von Besatzern hatte. Ein besonderes Dorn im Auge waren ihnen Großgrundbesitzer in der Landwirtschaft, es galt die Devise „Junkerland in Bauernhand“: Vorboten für die Kollektivierung der Landwirtschaft. Großbauern wurden in den Dörfern enteignet, viele flüchteten in den Westen. In einem Dorf wurden 14 Familien um ihren Besitz gebracht.

Rote Armee und deutsche Kommunisten, so Rick, stießen nach Kriegsende auf gute Voraussetzungen für die Pläne für ein kommunistischen Deutschland: Das Land war am Boden, der Kampfgeist längst gebrochen. Die Russen kamen als Befreier, die Übernahme verlief gewaltlos.

Hohe Freitodrate

Auffallend in beiden Landkreisen ist eine unverhältnismäßig hohe Freitodrate: Erwachsene, aber auch Kinder und Jugendliche wählten in einer scheinbar aussichtslosen Situation den Tod. Bei den Frauen grassierte die Angst vor Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten

„Ich selbst war zur Zeit der Wende sieben Jahre alt. Ich habe keine Erinnerungen an die DDR.“

In der ersten Zeit hatte die KPD bei Wahlen keinen leichten Stand, vor allem in den Dörfern tat sie sich schwer. Mit Tricks und Kniffen wurden führende Köpfe der bürgerlichen Parteien und auch der SPD ausgeschaltet. KPD-Mitglieder wurden in Kreis-, Stadt- und Gemeindeverwaltungen lanciert.

Neuerscheinung: „Die Entwicklung der SED-Diktatur auf dem Lande“ von Historiker Dr. Sebastian Rick, ca. 586 Seiten, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, ISBN 978-3-525-36970-8, Preis: ca. 79,99 Euro.

Kriegsende: Bevölkerung kam im Osten von einer in die nächste Diktatur

Nach Kriegsende kam die Bevölkerung im Osten von einer in die nächste Diktatur. Darauf wies Ben Thustek, pädagogischer Leiter des Grenzmuseums, hin.

Mit der Betrachtung ländlicher Kreise habe Autor Dr. Sebastian Rick ein Nischenthema besetzt. Gefragt, ob die Vorgehensweise von Russen und deutschen Kommunisten typisch für die sowjetischen Besatzungszone war, sagte Historiker Rick, im Grunde ja. Dabei hatte das Eichsfeld mit seiner katholischen Tradition eine gewisse Sonderrolle.

Historiker Rick vermutet, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas DDR noch weitere 25 Jahre benötigen wird. Die Popularität aktueller TV-Serien wie „Weißensee“ und „Tannbach“ sei dem Interesse der Jüngeren an einer Gesellschaft geschuldet, die sie allenfalls aus Erzählungen kennt, sagte Rick der HNA.

Von Werner Keller

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