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Für Sie getestet: Mit dem 9-Euro-Ticket von Kassel nach Göttingen pendeln

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Von: Raphael Digiacomo

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Das Neun-Euro-Ticket verspricht eine kostengünstige Art, per Nahverkehr durch die Bundesrepublik zu reisen. Doch ist es auch ein Option für Pendler?

Göttingen – Eigentlich klingt das Konzept des Neun-Euro-Tickets wie ein wahrer Segen für Pendler, die kostengünstig und umweltfreundlich von Kassel nach Göttingen pendeln wollen. Eigentlich. Doch was sich in der Theorie zunächst gut anhört, birgt in der Praxis durchaus Tücken. Wer das Abenteuer an einem Freitag Ende Juni wagt, weiß auch wieso.

Wir haben einen Selbstversuch mit dem Neun-Euro-Ticket gemacht: Einen Tag mit dem Regionalzug von Kassel nach Göttingen pendeln – und zurück. Zur Einordnung: Die dabei entstandenen und in Folge geschilderten Erfahrungen und Eindrücke sind als völlig subjektiv anzusehen.

Selbstversuch: Mit dem 9-Euro-Ticket von Kassel nach Göttingen pendeln

Der Regionalzug, der vom Hauptbahnhof in Kassel nach Göttingen fährt.
Ein Selbstversuch: Mit dem Regionalzug von Kassel nach Göttingen pendeln. © Raphael Digiacomo

Am Hauptbahnhof in Kassel eilen um 8.40 Uhr morgens vereinzelte Passagiere in verschiedene Richtungen; einige von ihnen steuern zielsicher den Regionalzug nach Göttingen an. Im Inneren des Zuges findet man problemlos einen Sitzplatz – Nicht unerheblich bei circa 60 Minuten Fahrzeit.

Voraussetzung für den Sitzplatz ist jedoch, dass man sich am Eingang des Zugs erfolgreich durch einen Pulk gutgelaunter Radler samt Drahtesel kämpft. Diese Menschengruppe in enger Funktionswäsche und mit windschnittigen Sonnenbrillen ausgestattet, stellen ihre sperrigen Räder – gerne elektrisch angetrieben und wuchtig gebaut – anscheinend bevorzugt dahin, wo man den gehetzten Pendler besonders ärgern kann.

Doch soll das Neun-Euro-Ticket natürlich nicht Pendlern vorbehalten sein, anscheinend ist es auch unter Ausflüglern, mit und ohne Rad, durchaus beliebt. Doch wie so oft liegt der Teufel auch im Falle des im Juni eingeführten Tickets im Detail. Und davon gibt es einige für den aufmerksamen Leser der Mitnahme-Bedingungen.

9-Euro-Ticket: Fahrradmitnahme ist nur bedingt möglich

So sieht der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) eine kostenlose Fahrradmitnahme im Cantus vor. Doch was in Hessen gilt, trifft längst nicht in Niedersachsen zu. Hier muss hinter der Landesgrenze ein Extra-Ticket für das Rad erworben werden, manche Bahnanbieter beschränken die Fahrradmitnahme. Vorsicht: Bei Nichtbeachtung drohen Folgen – eine Schwarzfahrt für das Rad geht gut ins Geld.

Dichtes Gedränge am Bahnsteig in Göttingen.
Am Bahnsteig in Göttingen herrscht nachmittags dichtes Gedränge, viele Passagiere wollen in den Regionalzug nach Kassel. © Raphael Digiacomo

An derart kleinkarierte Regeln hält sich augenscheinlich niemand, auch das Aussteigen in Göttingen wird aufgrund der zahlreichen Räder und ihrer drängelnden Besitzer selbst für ambitionierte Hobbysportler zur Herausforderung. Doch ist das alles noch harmlos im Vergleich zu dem, was dem Pendler nachmittags auf seiner Heimreise blüht.

Wer nachmittags mit dem Zug gen Kassel zurückkehren will, muss um einen Sitzplatz kämpfen – schon am Bahnsteig herrscht reges Gedränge. Welch bitteres Los für all die Radler, Platz für sie und ihre geliebten Zweiräder bietet der Zug nun nicht mehr – Ticket hin oder her. Immerhin würde ein Rad in etwa zwei Stehplätze beanspruchen.

9-Euro-Ticket-Selbstversuch: Volle Regionalzüge – mehr Nutzen als Spaß

Vermutlich ist der Ansturm auf den Regionalzug nicht nur der Begeisterung für das Neun-Euro-Ticket geschuldet, unter den Passagieren scheinen viele Studentinnen und Studenten zu sein, dich sich auf ein Wochenende im heimischen Schatten des Herkules freuen. Doch Achtung: Es fährt nicht etwa der gesamte Zug nach Kassel, der vordere Teil trennt sich nach wenigen Haltestellen und biegt nach Eschwege ab.

Dieser Umstand sorgt am Bahnhof in Eichenberg für hektische Sprints zwischen den Abteilen und Schimpftiraden unter einigen Passagieren. Faszinierend, wie abenteuerlich so eine Zugreise selbst im beschaulichen Nordhessen beziehungsweise im angrenzenden Südniedersachsen verlaufen kann.

Das Innere eines Regionalzugs – viele Passagiere müssen stehen.
Im Regionalzug von Göttingen nach Kassel müssen viele Passagiere für die gesamte Fahrzeit stehen – immerhin circa 60 Minuten. © Raphael Digiacomo

Einmal in Kassel angekommen, überwiegt die Freude über die zurückgewonnene Bewegungsfreiheit nach dem Verlassen des Zuges. Das Neun-Euro-Ticket mag eine insgesamt durchaus positive Initiative der Bundesregierung sein – zum regelmäßigen Zug-Pendler und Liebhaber von Regionalzügen wird man jedoch auch durch das neue Reiseangebot wahrscheinlich eher nicht. (Raphael Digiacomo)

Das Neun-Euro-Ticket

Das Neun-Euro-Ticket ist als Teil des Entlastungspakets 2022 am 1. Juni 2022 eingeführt worden. Mit dem neuen Ticket können Reisende für 9 Euro einen Monat bundesweit nahezu den gesamten Nahverkehr nutzen. Das Neun-Euro-Ticket ist bislang für die Monate Juni, Juli und August bestätigt und soll in der aktuellen Krise vor dem Hintergrund steigender Sprit-, Energie- und Lebenshaltungskosten die Bürger entlasten. Außerdem dient das Angebot als Anregung, wenn möglich mal das eigene Auto stehen zu lassen und verstärkt das Angebot des ÖPNV zu nutzen. (rdg)

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