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Nicht endender Applaus für Engelke und Emcke

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Von: Ute Lawrenz

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Göttinger Literaturherbst 2022: Carolin Emcke (links) und Anke Engelke begeisterten eine vollbesetzte Sheddachhalle in Göttingen.
Verstehen sich: Carolin Emcke (links) und Anke Engelke begeisterten eine vollbesetzte Sheddachhalle beim Literaturherbst in Göttingen. © Ute Lawrenz

Wenn diese beiden nicht über Frauen reden können - wer dann? Anke Engelke und Carolin Emcke taten das beim Göttinger Literaturherbst.

Einen Abend voll geballter Frauenpower erlebten die Besucher mit Carolin Emcke und Anke Engelke beim Göttinger Literaturherbst. Auf ihrem Ritt durch die Literatur unter dem Titel „obstinate, headstrong girl“, mit eigensinnigen, starken Frauen eben, beschrieben und kommentierten sie die Stellung der Frau in der sich wandelnden Gesellschaft vom frühen 19. Jahrhundert bis heute.

Eine lange Schlange hatte sich schon eine Stunde vor der mit mehr als 500 Besuchern ausverkauften Lesung in der Göttinger Sheddachhalle im Sartorius-Quartier gebildet. Das Publikum wurde nicht enttäuscht. Eindrucksvoll begann Engelke, Komikerin, Schauspielerin, Sängerin und mehr, mit einem Auszug aus Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ (1813).

Aus dem Klassiker, der davon erzählt, wie Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy sich trotz äußerer und innerer Widerstände finden, hat sie die Szene ausgewählt, in der Darcys Tante, Lady Catherine, Elizabeth auffordert, Darcy für immer zu entsagen. Doch Elizabeth verteidigt selbstbewusst den Anspruch auf individuelles Glück, ohne ihre Gefühle für Darcy auszusprechen. In der Art, wie Engelke die Szene liest, erwachen die Figuren förmlich zum Leben, wird Lady Catherines Forderung der Lächerlichkeit preisgegeben.

Emcke/Engelke: Auch mitgebrachte Männer im Publikum

Das Publikum, in dem auch - offensichtlich nicht nur als Begleitung mitgebrachte - Männer saßen, goutierte ihre Vorstellung mit vielen Lachern. Bei Grimms Märchen „Das eigensinnige Kind“ (1812), das die Autorin und Publizistin Carolin Emcke dann las, blieb vielen das Lachen im Halse stecken, als die Mutter das Ärmchen des verstorbenen Kindes mit ihrer Rute schlägt, damit es schließlich doch zur ewigen Ruhe findet.

Hier zeigt sich das Prinzip der Lesung. Emcke und Engelke präsentieren ihre Texte von und über Frauen in ihrer Art zu leben und zu lieben mit solcher Intensität und Direktheit, dass die Wörter, so scheint es, lebendig werden. Lebendig hören sie einander zu, kommentieren Passagen mit starker Mimik.

Lesebeiträge auch aus Büchern von de Beauvoir und Bachmann

Die Auszüge, so erzählen sie, haben sie gemeinsam zusammengestellt, essayistische wie literarische Passagen zum Frausein von Sara Ahmed, Simon de Beauvoir, Jeanette Winterson, Ingeborg Bachmann und mehr. Eins ist klar: Wie Mely Kiyak - „Es ist schön, eine Frau zu sein.“ - bekennen Emcke und Engelke sich klar zum Frau sein.

Der Applaus für ihre Vorstellung wollte nicht aufhören und hätte die beiden wohl zu einer Zugabe verleitet, hätte nicht die nächste Lesung gedrängt. In dem klug zusammengestellten Literaturherbst-Programm am Samstagabend ging es mit Hendrik Bolz und Drangsal im Anschluss um die Männlichkeitsbilder in unserer Gesellschaft. (Ute Lawrenz)

Das Programm des Literaturherbsts ist zu finden unter www.literaturherbst.com

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