43 Stücke werden in der neuen Spielzeit in Göttingen gestemmt

"Nicht immer die Welt verändern wollen" - Deutsches Theater will sich räumlich und thematisch öffnen

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Vorzeigbares Programmheft: Erich Sidler, Intendant am Deutschen Theater in Göttingen, zeigt es. 

Erich Sidler steuert seit der Spielzeit 14/15 als Intendant das Deutsche Theater in Göttingen und verfolgt einen klaren Kurs. In der Spielzeit 19/20 soll das nicht anders sein. 

Als Göttinger Stadttheater relevant, am Puls der Zeit und der Menschen sein, keine Kunst fernab des Publikums machen, dieses aber stets fordern. Das ist der Weg für das Deutsche Theater (DT) von Intendant Sidler.  

Nicht nur Theater

So ist es nicht verwunderlich, wenn Sidler sagt: „Wir wollen unsere Schwelle weiter senken.“ Für eine breite Publikumsschicht und nicht nur durch und mit Theaterproduktionen. Das DT will für eine kulturelle Vielfalt stehen, auch mit Politik und Musik. 

„Wir müssen aber nicht immer die Welt verändern wollen, sondern auch mal nur eine Party feiern“, sagt Sidler. Die DT-Party ist mittlerweile zu einem Gassenhauer geworden, mit endlosen Warteschlagen vor dem Eingang.

Göttinger Themen

Gleichwohl werde das Deutsche Theater seine gesellschaftspolitische Aufgabe nicht minder ernst nehmen. Die Stückauswahl für die neue Spielzeit steht dafür: Klassiker mit Bezug auf die Aktualität finden sich darin ebenso, wie moderne Stoffe und Bücher. 

Ein Beispiel wird das Stück „Bombe!“ sein, an dem auch ein Göttinger maßgeblich beteiligt ist: Abdul Abbasi, gebürtiger Syrer, der in Göttingen Zahnmedizin studiert, ist ein YouTuber. In seinem Kanal lässt er in Beiträgen deutsch und syrische Eigenheiten aufeinanderprallen, das ist hoch amüsant. 

Mit Philipp Löhle wird er „Bombe“ auf die Bühne bringen. Plot: Ein syrischer Asylbewerber verliebt sich in eine Mitarbeiterin des BAMF.

Politische Themen der Jetztzeit in speziellen Ansätzen und Formaten zu präsentieren, das ist ebenfalls Credo des Intendanten Sidler, wie auch Klassiker jenseits der vorgeprägten Zuschauererwartung zu präsentieren. 

Dafür stehen im – in der In-Farbe „Korall“ – gehaltenen Programmheft auch „Woyzeck von Georg Büchner als Musikstück mit Texten von Tom Waits und Kathleen Brenan.

Klassiker anders

Klassiker sind auch das den Materialismus hinterfragende „Warten auf Godot“ und „Was ihr wollt“ von William Shakespeare, wo es letztlich um die heutige Me-Too-Debatte geht.

Aktuell ist auch das Stück zum Roman von Robert Menasse „Die Hauptstadt“ – ein Stoff, der letztlich übertragbar sei von Brüssels Metropole auf andere Städte, wie auch Göttingen, sagt Sidler.

Apropos Göttingen: Ein direktes Göttingen-Stück ist diesmal nicht im Portfolio. „Es hat sich nichts aufgedrängt“, sagt Sidler. Aber letztlich wolle man immer relevant sein für Themen, die Göttingen und die Menschen hier betreffen.

Schulen und Theater

Nah an den Menschen sein – dazu trägt auch die Theaterpädagogik um Leiterin Gabriele Michel-Frei kräftig bei: Sie berichtet von mittlerweile 34 Kooperationen mit Schulen, 15 davon im Landkreis. 

3000 bis 5000 Schüler kommen so laut Michel-Frei pro Saison ins DT, um Stücke zu schauen oder auch bei Workshops mitzumachen. Rührig sind auch die Spielklubs mit Laien-Schauspielern, die sich und ihre Werke beim Festival „DT am Puls“ präsentieren. 

„Jeder der mitmachen will, ist bei uns willkommen“, gleich welcher Herkunft und welcher Vorerfahrung, sagt Michel-Frei.

Zuschauerzahlen

Erich Sidler freut sich aber auch, dass die Zuschauerzahlen in der laufenden Saison die Zielsetzung bestätigen, genaue Zahlen nennt er noch nicht. Sie seien aber gut.

Dass viel gearbeitet wird sagen andere Zahlen: Das Ensemble wird 2019/2020 insgesamt 43 Stücke stemmen. Die 22 Wiederaufnahmen darunter würde die Belastung für die Mitarbeiter ein wenig reduzieren, wie Chefdramaturg Matthias Heid sagt, ebenso Stücke mit Gastakteuren. 

Man habe organisatorisch umgebaut, sodass mehr Freiraum für die Ensemble-Mitglieder entstanden sei – nicht aber für den Intendanten. Gute Zahlen bringen wird sicher auch das gute alte „Weihnachtsstück“: Diesmal wird „Jim Knopf“ fortgesetzt, nun mit der Wilden 13. Das Bühnenbild gibt es ja schon. 

Lummerland wird also wieder aus dem Archiv geholt.

Spielort Nansen-Haus

Die Tiefgarage wird diesmal übrigens nicht wie in den vergangenen zwei Spielzeiten Ort für einen Frühstart in die Saison sein. Das DT geht raus – ins ehemalige Goethe-Institut an der Merkelstraße. 

Dort wird ab 24. August „Philoktet“ von Heiner Müller gespielt. Das Fridjof-Nansen-Haus liegt direkt am Naherholungsgebiet Schillerwiesen – die Schwelle zum Reingehen dort ist also niedrig, ganz im Sinne des Intendanten. 

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