Fachkräftemangel im Friseur-Handwerk

Nicole Broscheit musste einen Salon in Göttingen schließen - es fehlen Fachkräfte

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Musste einen Salon in Nikolausberg schließen: Nicole Broscheit (Mitte) und ihr Team im Friseursalon Haar-Factory im Göttinger Stadtteil Geismar. Es fehlt an Fachkräften.

Göttingen. Der Fachkräftemangel macht es Salon-Besitzern schwer: In Göttingen musste die Friseur-Meisterin Nicole Broscheit nun sogar ein Geschäft schließen.

Es war das Herzstück und eine Herzensangelegenheit von Nicole Broscheit – und doch musste sie es nach zehn Jahren aufgeben: einen Friseursalon im Stadtteil Nikolausberg. Aber nicht weil die Kasse nicht stimmte, sondern weil sie einfach kein qualifiziertes Personal fand, sagt die 45-Jährige. Händeringend habe sie gesucht – vergeblich: Den bundesweiten Fachkräftemangel bekam auch die Göttingerin zu spüren.

Seit Juli stehen nun die Räume ihres ehemaligen Hauptgeschäftes in Nikolausberg leer. Ihre Angestellte nahm die Friseurmeisterin in ihren zweiten Salon „Haar Factory“ nach Göttingen-Geismar mit. Den eröffnete sie 2012 und bietet dort mit 100 Quadratmetern mehr Platz als der Salon in Nikolausberg. „Deshalb ist die Wahl auch auf den Geismarer Salon gefallen“, erklärt sie.

Doch mit der Schließung eines ihrer Salons ist ihr Personalproblem, das auf den Fachkräftemangel in ganz Deutschland zurückzuführen ist, längst nicht behoben: „Zu fünft kümmern wir uns hier täglich um 30 bis 40 Kunden“, sagt die Göttingerin. Dabei kann sie auf einen erfahrenen Stamm bauen: Ihre Mitarbeiter sind alle weitaus länger als sechs, einige sogar länger als zehn Jahre bei ihr angestellt „Es gibt aber Dinge, wie Krankheiten und Schwangerschaften, die man nicht einplanen kann – und dann steht man wieder vor demselben Problem“, beschreibt Broscheit die Schwierigkeit schnell Ersatz zu finden.

Denn: Egal ob ausgelernte Friseure oder angehende Friseure, der Mangel ist groß und besteht etwa seit sechs Jahren, wie Broscheit sagt. Das bestätigen auch die schrumpfenden Bewerbungszahlen. „Wir haben ganz wenige Bewerbungen – und davon muss dann erst mal eine passen“.

Der Trend ist eindeutig: Haben zu Nicole Broscheits Ausbildungszeit noch 90 weitere Auszubildende den Beruf der Friseurin erlernt, seien es heute maximal 20 Leute in einer Klasse. „Das ist traurig.“

Die 45-Jährige, die aus einer Handwerker-Familie stammt, weiß, dass der Friseurberuf nicht zu den beliebtesten Ausbildungsberufen gehört. Die mickrige Vergütung schrecke die meisten Jugendlichen ab. „Immer wieder bekomme ich zu hören: Ach, man verdient da doch nichts“. Und eine Sechs-Tage-Woche lehnen viele Jugendlichen heute auch ab.

Dabei würden viele aber vergessen, dass sie sich als Friseur etwas aufbauen können. „Auch für Friseure gibt es Aufstiegsmöglichkeiten“, sagt Broscheit. Das beginne schon während der Ausbildung: „Man kann sich seinen eigenen Kundenstamm aufbauen und später einen Meister machen – das zahlt sich aus.“ Aber das hänge immer damit zusammen, wie viel man selbst bereit sei, dafür zu geben. Im August wird es für ihre Mitarbeiter eine Lohnerhöhung geben, doch damit steigen logischerweise auch die Preise für den Kunden. Schließlich müssen alle Kosten gedeckt werden. 

Zur Person

Nicole Broscheit (45) ist gebürtige Göttingerin. Sie stammt aus einer Handwerker-Familie. Ihr Großvater Heinz Epler war Steinmetzmeister und Bildhauer. Broscheit machte nach der Friseursausbildung in Göttingen 2001 ihren Meister in Kassel. Zwei Jahre später eröffnete sie ihren ersten Salon in der Geismar Landstraße. Fünf Jahre später kam der Salon in Nikolausberg hinzu. 2012 eröffnete sie dann einen weiteren Salon in Geismar. Nicole hat einen erwachsenen Sohn. 

Obermeisterin: Friseurberuf hat ein Image-Problem 

Der bundesweite Fachkräftemangel schlägt sich mit voller Wucht im Friseurhandwerk nieder. Und: Für Schulabgänger ist der Friseurberuf eine immer „seltenere adäquate Option“, weiß Manuela Härtelt-Dören. Die Göttingerin ist die Obermeisterin der Friseurinnung Südniedersachsen. 2016 haben 2285 Auszubildende in Niedersachsen die Frieseur-Lehre begonnen. „Und die Zahlen sinken immer weiter“, sagt sie. „In den vergangen drei bis vier Jahren hatten wir nur 20 Auszubildenden in einer Klasse, die wir nach drei Jahren freisprechen konnten“, sagt sie. 

In ganz Deutschland haben sich 22.010 Auszubildende 2017 für die Ausbildung zum Friseur entschieden. „Damit sind auch die bundesweiten Ausbildungszahlen auf einem Tiefpunkt“, erklärt Härtelt-Dören. Zehn Jahre zuvor waren es mit 40 454 Friseur-Azubis noch doppelt so viele. Damit nicht genug: Auch die Abbrecherquote mache dem Fachkräftemarkt zu schaffen: „Von den 22.010 Auszubildenden im Jahr 2017 haben bereits 611 die Lehre abgebrochen“, resümiert Härtelt-Dören. Damit sei die Abbrecherquote im Friseurhandwerk relativ hoch. 

Als Gründe für das Desinteresse am Friseurhandwerk nennt sie neben der Ausbildungsvergütung eine mangelnde Imagepflege. „Der Friseurberuf ist gesellschaftlich nicht so anerkannt wie Kfz-Mechaniker .“ Dabei gäbe es einen relativ hohen Anspruch beim Erlernen des Handwerks: „Chemische und biologische Aspekte, räumliches Vorstellungsvermögen, Menschenkenntnis und Allgemeinbildung sind die Pfeiler des Berufs“, erklärt die Obermeisterin. 

Für den Mangel an Auszubildenden seien auch die ruhenden Tarifverhandlungen verantwortlich, so Härtelt-Dören. „Die Tarifverträge stammen noch aus dem Jahr 2000.“ Laut Tarifverträgen bekommen Auszubildende im ersten Jahr 518 Euro, im zweiten 742 Euro und im dritten Lehrjahr 854 Euro. „Jeder weiß, davon kann man nicht leben“, sagt sie. Aber dann müsse man sich auch bewusst machen, dass man bei einem Mindestlohn von 8,84 Euro keinen Haarschnitt für zehn Euro bekommt.

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