Marburger Bund fordert Entlastung

Ärzte schlagen Alarm: Tausende Mediziner fehlen - System wegen Corona kurz vor dem Zusammenbruch

Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG)
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Dem Gesundheitssystem in Niedersachsen droht der Kollaps: tausende Mediziner fehlen - und das auch schon vor der Corona-Krise.

Schon vor der Corona-Krise war die Gesundheitsversorgung in Niedersachsen überlastet. Tausende Ärzte fehlen. Jetzt warnt der Ärzteverband Marbuger Bund.

  • Die Gesundheitsversorgung in Niedersachsen ist aufgrund der Corona-Pandemie überlastet: In niedersächsischen Krankenhäusern fehlen bis zu 2500 Ärzte.
  • Der Ärzteverband Marburger Bund legt eine Liste von Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung vor und fordert unter anderem eine Untergrenze an Patienten für Ärzte und Therapeuten.
  • An den Hochschulen müssten mehr Medizinstudienplätze geschaffen und adäquat finanziert werden, fordert der Landeschef des Marburger Bundes, Hans Martin Wollenberg.

Hannover/Göttingen – Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen, höhere Bezahlung, neue Medizinstudienplätze: Der Ärzteverband Marburger Bund fordert einen massiven Ausbau der Gesundheitsversorgung in Niedersachsen.

„Der Druck muss raus“, erklärte Landeschef Hans Martin Wollenberg. „Wir brauchen dringend mehr Ärztinnen und Ärzte“, sagte „Vize“ Andreas Hammerschmidt. „Schon in Normalzeiten war das System auf Kante genäht.“ Jetzt in der Corona-Krise seien die Grenzen der Belastbarkeit weit überschritten.

So fehlten laut Hammerschmidt allein in den Krankenhäusern in Niedersachsen mindestens 2000 bis 2500 Ärzte. Auf einen Arzt kämen hier 250 Einwohner. „Das ist die schlechteste Quote nach Brandenburg.“ Man müsse rechtzeitig die Lehren aus der Corona-Pandemie ziehen, um für künftige Massen-Infektionen gewappnet zu ein, betonte der Marburger Bund, der 23 Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung die Organisation auflistete.

Dazu zählen verbindliche Untergrenzen, die es bereits für Pflegekräfte gebe, auch für Ärzte und Therapeuten. Das diene nicht nur der Entlastung des Personals, sondern schaffe auch Zeit für die Zuwendung für Patienten.

Niedersachsen: Fehlende Ärzte wähernd Corona-Krise

Die Arbeitszeiten seien so zu regeln, dass ein vernünftiges Familienleben nicht nur bei Teilzeitjobs möglich werde, meinte Wollenberg. Fusionen oder gar Schließungen von Kliniken seien falsch, man brauche vielmehr „zumutbare Erreichbarkeiten“ für die Menschen gerade in einem Flächenland. Die Gesundheitsämter müssten deutlich besser aufgestellt werden – auch mit einer besseren Bezahlung der dortigen Ärzte. Diese würden rund 1500 Euro weniger als die Kollegen in den Krankenhäusern verdienen.

Insgesamt sei für all diese Maßnahmen ein zweistelliger Milliardenbetrag erforderlich, gab Hammerschmidt zu. Aber: „Medizin geht vor Ökonomie.“ Die Versorgung müsse sich an den Interessen der Patienten orientieren und nicht an den kommerziellen Interessen der Gesundheitswirtschaft. Die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen hat in Niedersachsen einen Rekordwert erreicht.

Corona-Krise bringt Gesundheitssystem in Niedersachsen an die Belastbarkeitsgrenze

Hans Martin Wollenberg fordert einen massiven Ausbau der Medizinstudienplätze: „Das Land muss die Kapazitäten an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der Universität Oldenburg und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ausbauen und adäquat finanzieren. Wir fordern auch die Gründung einer medizinischen Fakultät in Braunschweig.“ Er kritisierte dabei das Platzen der geplanten Kooperation der UMG mit der TU Braunschweig und dem Städtischen Klinikum Braunschweig bei der praktischen Ausbildung. „Die Beteiligten sind leider nicht mehr an Lösungen interessiert“, schimpfte Wollenberg. „Das Land muss eingreifen.“

Das Wissenschaftsministerium aber sieht dafür keinen Anlass. Die vom Land Niedersachsen vorgegebenen Ausbauziele werde die UMG auch ohne eine Zusammenarbeit mit Braunschweig erreichen. „Das ist für uns die Hauptsache“, erklärte eine Sprecherin von Björn Thümler (CDU).

Corona in Niedersachsen: Gesundheitssystem kurz vor Zusammenbruch

Der Weg dorthin sei der Uni-Medizin Göttingen selbst überlassen. Die Göttinger verwiesen nach Anfrage unserer Zeitung auf eine „rechtlich schwierige Situation einer Verbindung von kommunalem Klinikum mit einer universitären Einrichtung“. Das betreffe auch den hochschulrechtlichen Status der Hochschullehrer und des Klinikums Braunschweig. Auch seien die vom Land Niedersachsen vorgegebenen finanziellen Rahmenbedingungen vonseiten des Klinikums Braunschweig noch zu klären gewesen. Die UMG versucht nun alternativ Partner in umliegenden Lehrkrankenhäusern, die bereits eine akademische Verbindung zur UMG besitzen, für die zusätzliche Ausbildung mit Vollstudienplätzen zu finden. Ein Ziel dabei ist auch, die UMG-nahen Standorte einzubeziehen.

Laut Ministerium liege man im Plan des Koalitionsvertrages, in dem SPD und CDU 200 neue Medizinstudienplätze in Niedersachsen vereinbart hätten. Davon seien 136 erreicht: 50 mehr an der MHH auf 320, 40 mehr an der European Medical School Oldenburg auf 80 sowie in einem ersten Schritt 46 an der UMG, auch durch die Umwandlung von Teil- in Vollstudienplätze. Von diesen sollten 60 in Braunschweig geschaffen werden.

Insgesamt komme Göttingen laut Wissenschaftsministerium damit jetzt auf 338 Voll- und 34 Teilstudienplätze. 2021 würden weitere Umwandlungen folgen. (Peter Mlodoch und Thomas Kopietz)

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