Grenzen des Sagbaren verschoben

KZ-Gedenkstätten in Niedersachsen wappnen sich gegen Holocaust-Leugner

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Ein Hakenkreuz und ein durchgestrichener Davidsstern an einer Wand: Neonazi-Schmierereien an einer Gedenkstätte.

Göttingen/Moringen/Bergen. Die europäische Gesellschaft rückt nach rechts – das ist ein eindeutiger politischer Trend. Doch wie gehen Besucher von NS-Gedenkstätten damit um?

Die einen trauen sich plötzlich, rechtsgerichtete Positionen offen zu vertreten, während andere die Notwendigkeit sehen, sich klar gegen geschichtsrevisionistische Aussagen zu stellen.

Die NS-Gedenkstätten stellen sich jedenfalls verstärkt auf Besucher ein, die nationalsozialistische Verbrechen verharmlosen. „Die Grenzen des Sagbaren haben sich in den vergangenen Jahren eindeutig nach rechts verschoben“, sagt Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten. Das bestätigt auch Katrin Unger, Leitung Bildung und Begegnung an der Gedenkstätte Bergen-Belsen (Landkreis Celle): „Wir sind schon besorgt über die aktuelle Situation.“

Gedenkstätten rufen zur "Verteidigung der Demokratie" auf

Auch deshalb haben die Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Deutschland Mitte Dezember eine Resolution verabschiedet, in der sie zur „Verteidigung der Demokratie“ aufrufen. „Immer offener etablieren sich in der Gesellschaft Haltungen, Meinungen und Sprechgewohnheiten, die eine Abkehr von den grundlegenden Lehren aus der NS-Vergangenheit befürchten lassen“, heißt es darin.

Bei den Besuchern in der KZ-Gedenkstätte Moringen (Landkreis Northeim) hat Leiter Dr. Dietmar Sedlaczek diese Tendenzen allerdings noch nicht wahrgenommen: „Unsere Besucher gehen sehr sensibel und empathisch mit dem Thema um. Ich sehe im Moment das Phänomen, dass es mehr Interesse gibt, und dass die Besucher uns sehr positiv und wertschätzend gegenüber treten.“

Noch keine extremen Störungen

Extreme Störungen, wie im Juli 2018 in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen durch eine AfD-Besuchergruppe, habe es in Moringen noch nicht gegeben. Auch volksverhetzende Gästebuch-Einträge seien selten. Sedlaczek betonte aber, dass im Kollegenkreis sehr wohl diskutiert werde, wie man mit Provokationen oder tendenziösen Fragestellungen von rechter Seite umgehen soll.

Die Mitarbeiter in der Gedenkstätte Bergen-Belsen werden sogar explizit geschult, wie sie sich im Umgang mit Neonazis oder Geschichtsrevisionisten verhalten sollen. „Es kommt dann auf die Situation an, ob wir das Gespräch suchen oder, ob wir das einfach ignorieren“, erklärt Katrin Unger.

In der Gedenkstätte Bergen-Belsen hätten Rechte ihre Gesinnung kundgetan – meist durch Eintragungen im Gästebuch. In solchen Fällen würde sofort Anzeige erstattet und die betreffende Seite meist komplett entfernt. Provokationen gab es auch durch die Anwesenheit von Rechten, die durch ihr äußeres Auftreten eindeutig identifizierbar gewesen seien. „Es gab aber keine vernehmbaren Aktionen. In solchen Fällen gibt es die Ansage, dass wir nicht darauf eingehen.“

Unger sieht in der aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklung auch eine Chance für sich und ihre Kollegen: „Es schärft unser Profil: Was ist unsere Aufgabe und wie werden wir wahrgenommen?“ Solche Fragen seien den Besuchern bei der aktuellen Stimmungslage besser zu beantworten.

Neue Gedenkstätte in Wolfenbüttel

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten will in diesem Jahr zwei neue Ausstellungsstätten eröffnen und plant Sonderschauen zur Geschichte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen aus der Perspektive eines Überlebenden. 

„Wir beobachten weiterhin ein besorgniserregendes Abdriften der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung nach rechts“, sagte Stiftungsleiter Jens-Christian Wagner. „Das bedeutet für die Gedenkstätten, dass wir deutlicher Position beziehen müssen.“ Selbst aus der Mitte der Gesellschaft werde gegen Minderheiten wie Geflüchtete, Juden, Muslime oder Sinti und Roma gehetzt. 

„Auch der Grundkonsens der Bundesrepublik, sich kritisch mit den NS-Verbrechen auseinanderzusetzen, wird zunehmend infrage gestellt“, sagte Wagner. Ziel der Gedenkstättenarbeit bleibe es, ein reflektierendes Geschichtsbewusstsein zu fördern und für Diskriminierung zu sensibilisieren. 

Eröffnung Ende August

Ende August wird das neue Dokumentationszentrum in der Gedenkstätte der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel eröffnet. Dort soll die Geschichte der Justiz und des Strafvollzugs in der NS-Zeit sowie die Übergänge nach 1945 dargestellt werden. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen soll erweitert werden. Dafür hat die Stiftung ein Gebäude auf einem früheren Truppenübungsplatz übernommen. Bis der Umbau etwa 2024 komplett abgeschlossen ist, informiert dort eine Werkausstellung über die Geschichte der Kaserne, in der 1945 auch KZ-Gefangene inhaftiert gewesen sind. 

Die Gedenkstätte plant zudem eine Sonderausstellung mit Dokumenten des Bergen-Belsen-Überlebenden Shaul Ladany. Ladany war 1944 in dem Lager interniert, in dem mehr als 52.000 Häftlinge umkamen. 1972 überlebte der Leichtathlet zudem das Massaker palästinensischer Terroristen am israelischen Olympia-Team.

Hintergrund: Würdiges Gedenken

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten wurde 2004 in Celle gegründet. Die vom Land geförderte Stiftung dient zur Erforschung und Verbreitung des Wissens über das historische Geschehen in den Jahren 1933 bis 1945. Sie widmet sich der Erhaltung der dafür in Niedersachsen errichteten Gedenkstätten und ist Trägerin der Gedenkstätten im ehemaligen KZ Bergen-Belsen und in der JVA Wolfenbüttel. Die Arbeit soll dazu dienen, der Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken und eine Beschäftigung mit ihrer Lebensgeschichte zu ermöglichen. Zudem will die Stiftung die historischen Quellen erforschen und zugänglich machen.

Hintergrund: Bürger-Protest

2018 sorgten rechtsextreme Ausfälle in Chemnitz oder Köthen für einen breiten öffentlichen Diskurs über rechte Tendenzen in der deutschen Gesellschaft. Der Ort Bad Nenndorf im Landkreis Schaumburg steht aber auch für einen erfolgreichen Protest breiter Gesellschaftsschichten gegen rechtsextreme Umtriebe. Dort organisierten Neonazis seit 2006 zunächst jährlich einen Aufmarsch mit bis zu 1000 Teilnehmern. Der Verein „Bad Nenndorf ist bunt“ mobilisierte aber immer wieder einen vielfältigen Widerstand unter Einbindung zahlreicher gesellschaftlicher Gruppen. 2016 warfen die Rechten das Handtuch. (mit epd)

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