Den Gangstern „auf den Füßen stehen“

Niedersachsen stellt erstmals öffentliches Lagebild zur Clan-Kriminalität vor

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Einsatz gegen Clan-Kriminalität: Viele Bundesländer setzen auf Razzien, um das Vermögen von kriminellen Clans einziehen zu können.

Einschüchtern, bedrohen, provozieren, eskalieren: Mitglieder krimineller Großfamilien missachten oft bewusst und öffentlichkeitswirksam geltende Regeln und Gesetze. 

Mit einer genaueren, systematischen Erfassung clan-typischer Ereignisse und einer deutlich höheren Polizeipräsenz an Brennpunkten will Niedersachsen nun gegensteuern.

„Wir können Sachverhalte schneller zuordnen und dadurch gezielt reagieren“, erklärte Innenminister Boris Pistorius (SPD) am Freitag in Hannover. Das sei gerade im dynamischen Feld der Clan-Kriminalität enorm wichtig. „Überall da, wo diese Kriminellen meinen, die Straßen gehören ihnen, sie stünden über dem Gesetz, werden wir ihnen auf den Füßen stehen“, kündigte Landespolizeipräsident Axel Brockmann an.

Helfen sollen dabei Bereitschaftspolizei oder mobile Wachen in Stadtteilen, die von Clans dominiert werden. Und: Die Ermittler nehmen verstärkt illegal erlangte Vermögen ins Visier. „Ziel muss es sein, die kriminellen Sümpfe trockenzulegen“, sagte Brockmann. 2019 stellte die Polizei knapp 5,7 Millionen Euro sicher, davon etwa 3,8 Millionen als Bargeld.

Erstmals präsentierte die niedersächsische Polizei ein öffentliches Lagebild zur Clan-Kriminalität. Damit sollen Bürger sensibilisiert und zugleich ermutigt werden, sich nicht einschüchtern zu lassen. Die Zuordnung von Clan-Delikten erfolge nicht mehr nachträglich, sondern sofort bei der Datenerfassung mittels szenetypischer Verhaltensmuster, so Pistorius. „Nicht jede Großfamilie ist ein Clan.“ So gebe es auch beim Corona-Ausbruch in Göttingen keine Hinweise auf kriminelle Aktivitäten.

2019 hat die Polizei laut Bericht 2630 Clan-typische Vorfälle registriert, davon 1585 echte Straftaten wie Körperverletzungen, Diebstahl, Drogenhandel bis hin zu Tötungsdelikten. Die 1646 erfassten Täter waren meist männlich (87 Prozent) und unter 30 Jahren alt (53 Prozent). Jeder Fünfte von ihnen fiel mehrmals negativ auf. Häufigstes Herkunftsland war Deutschland (890 Verdächtige), vor dem Libanon (167) und der Türkei (162). Zu den sonstigen Ereignissen zählen ausufernde Hochzeitskonvois mit Autobahn-Blockaden und Schusswaffengebrauch, Einschüchterung von konkurrierenden Imbissbetreibern und 59 „Tumultlagen“ – wenn rivalisierende Großfamilien feindselig aufeinander zustürmen.

Sorgen bereiten den Behörden Drohungen gegen Polizeibeamte und Amtspersonen. In Peine hatten kürzlich mutmaßliche Clan-Mitglieder das Auto einer Polizistin beschädigt und ihren Kollegen bis nach Hause verfolgt. „Wir werden nicht zulassen, dass diejenigen, die jeden Tag unseren Rechtsstaat verteidigen, von Straftätern drangsaliert oder bedroht werden – noch dazu in ihrem Privatleben“, betonte Pistorius.

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