Untersuchungsprogramm in Niedersachsen soll Keime entlarven

Niedersachsen sucht nach resistenten Erregern in Gewässern

Gewässer-Untersuchung: In Sarstedt hilft Umweltminister Olaf Lies (SPD) Uta Gayer vom Universitätsklinikum Bonn bei einer Wasser-Probenentnahme. Die wird es in Niedersachsen an 80 Stellen geben. Mit dem Messprogramm will das Land die Verbreitung von Keimen und antiobiotika-resistenten Erregern in Gewässern feststellen und Lösungen für das Problem entwickeln. Foto: Peter Steffen/dpa

Göttingen/Hannover. Niedersachsen bereitet seit längerem eine methodische und systematische Untersuchung von Gewässern auf Erreger vor und ist damit Vorreiter in Deutschland.

Als Umweltminister Olaf Lies (SPD)am Montag in Sarstedt zwischen Hildesheim und Hannover-Laatzen aus dem Fluss Innerste eine Wasserprobe schöpft, geht es um mehr als eine schöne mediale Inszenierung. Lies wirbt für ein Programm, mit dem Niedersachsen bundesweit eine Vorreiterrolle einnimmt: Das Land ist antibiotikaresistenen Erregern auf der Spur, nimmt an 80 Stellen etwa 200 Gewässerproben, um die Verbreitung der Keime zu orten und, um harte Daten zu gewinnen.

Wenig bekannt

Prof. Dr. Simone Scheithauer, UMG-Göttingen. Foto: Kopietz

Man wisse zu wenig über die Belastung der Gewässer mit Keimen, sagt Lies. In Niedersachsen jedenfalls wird das Thema und die Untersuchung schon seit 2016 in einem Arbeitskreis mit Experten vorbereitet – und ist auch eine Reaktion auf ein Ereignis im Uni-Klinikum Frankfurt aus dem April 2017, als ein Fall mit multiresistenten Erregern bekannt und medial ausgeschlachtet wurde. Der Auslöser für den „Fall Frankfurt“ war wie gemacht für die Medien: Ein Mann hatte alkoholisiert stundenlang in einer versumpften Pfütze gelegen. Bei Untersuchungen waren multiresistente Erreger in seiner Lunge festgestellt worden. Sie stammten aus dem Rinnsaal.

Medien-Thema

„Daraus wurde: Bäche, Flüsse und Badeseen sind eine Gefahr für die Gesundheit“, bedauert Prof. Simone Scheithauer, Hygiene-Chefin an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Scheithauer, die auch im Landes-Arbeitskreis dabei war, hat das Medien-Echo genau beobachtet und bemängelt eine Unausgewogenheit, die auch Verunsicherung oder gar Ängste schürte. So hatte Dr. Tim Eckmanns (Robert-Koch-Institut) gesagt, „dass diese Keime nun in der Umwelt angekommen sind“.

Scheithauer relativiert: „Erreger finden sich schon 30 000 Jahre nachweislich in der Umwelt.“ In den vergangenen zehn Jahren seien zudem viele Untersuchungen veröffentlicht worden, die resistente Erreger in der Umwelt beschreiben.

Belastung oder Gefahr?

Für Scheithauer müssen deshalb die Untersuchungen folgende Frage beantworten: „Haben wir eine Belastung – oder haben wir eine Gefahr für die Allgemeinheit? Genau darauf zielt das Untersuchungsprogramm des Landes ab.“ Über eine einheitliche Methodik könnten die Ergebnisse „abgeglichen, bewertet und daraus schließlich Maßnahmen entwickelt werden“.

Gülle-Ausbringung

Diese müssten laut Scheithauer darauf abzielen, das Ausbringen von Erregern oder Antibiotika-Rückständen einzudämmen. Ansatzpunkte dafür wären die Gülle von antibiotika-behandelten Tieren und Abwässer. Eventuell sind einige Abwässer stärker belastet, so die von Krankenhäusern, Seniorenheimen und Reha-Kliniken mit Ausscheidungen der Menschen. Den Krankenhäusern aber per se die Schuld für eine Erreger-Belastung der Gewässer zuzuschieben, ist für Scheithauer unzutreffend: „Im Krankenhaus, wo Antibiotikum verabreicht werden muss, gibt es natürlich einen höheren Austrag von Antibiotika-Rückständen als in der Kaufhaustoilette.

Weniger Antibiotika

Sinnvoll wäre es aus der Sicht der Ärztin – neben einer Reduzierung von Antibiotika-Gaben in der Medizin und der Tierhaltung – bevor das Abwasser aus Kliniken in kommunalen Abwasser zugeführt wird, in den Krankenhäusern Machanismen einzubauen, die Antibiotika-Rückstände oder resistente Keime stoppt.

Dass dies einmal passieren wird, davon geht die UMG-Hygiene-Chefin Scheithauer aus. Ebenso davon, dass die laufende Gewässeruntersuchung hilfreich sein wird, um das Problem einzugrenzen und medial korrekter darzustellen zu können.

Erste Ergebnisse werden laut Umweltminister Lies „im Laufe des Sommers“ erwartet.

Hintergrund: Gewässeruntersuchung auf Keime

Das Land nimmt seit Anfang Mai 200 Proben an 80 Stellen, um multiresistente Keime, aber auch Antibiotika-Wirkstoffe festzustellen, die Einfluss auf die Entwicklung resistenter Bakterien haben. Diese liegen in der Nähe von Kläranlagen; in Regionen mit hoher Viehdichte und Gülleausbringung; im Küstenbereich; an Orten wo ständig Proben genommen werden sowie an vermeintlich unbelasteten Standorten. Das angewendete HyReKa-Methodenspektrum entspricht dem aktuellen Stand der Forschung. Beteiligt ist das Uni-Klinikum Bonn mit seinem Institut für Hygiene und öffentliche Gesundheit. Gesteuert wird die Untersuchung vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft Küsten- und Naturschutz (NLWKN). (tko)

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