Weiter Ärger über Impfstoffmangel

Niedersachsen will sich weiter lockern - aber wohl erst ab 25. Juni

Ministerpräsident Stephan Weil erhielt die Spritze mit dem Impfstoff Astrazeneca von Rettungsassistent Joachim Gerhardy im Impfzentrum Hannover, auf dem Messegelände. Weil bereitet weitere Lockerungen vor, will aber Vorsicht walten lassen.
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Wurde Ende April mit „Astra“ geimpft: Ministerpräsident Stephan Weil erhielt die Spritze von Joachim Gerhardy in Hannover. Weil bereitet jetzt weitere Lockerungen vor, will aber Vorsicht walten lassen.

Die Landesregierung in Hannover plant schon die nächste Lockerung der Corona-Regelungen. in Kraft treten könnte diese aber nur bei weiter niedrigen Neuinfektionszahlen.

Göttingen/Hannover - Unwahrscheinlich aber ist, dass die Lockerungen noch vor Auslaufen der gültigen Corona-Verordnung des Landes am 24. Juni starten. Auch sei nicht klar, wie sich die jüngsten Lockerungen auf die Infektionszahlen auswirken würden, hieß es in Hannover.

Auch wegen möglicher Ausbreitung von Virusmutationen und einer vierten Welle im Herbst wolle man aber weiter vorsichtig bleiben und nicht gänzlich lockerlassen, wie Ministerpräsident Stephan Weil und Gesundheitsministerin Daniela Behrens (beide SPD) am Dienstag in Hannover sagten.

Die Infektions- und Inzidenzzahlen jedenfalls machen Mut, sinken weiter: Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz sank am Dienstag auf 15,7. In 16 der 45 Landkreise und Großstädte liegt sie Inzidenz inzwischen unter dem Wert von Zehn – in den Kreisen Goslar und Friesland sogar bei Null.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) jedenfalls kündigte in einem TV-Interview an, mit der nächsten Verordung für Kommunen mit Inzidenzen unter 10 „deutliche Lockerungen vorzusehen“. Das könne neben den Kontaktbeschränkungen auch für die Beschränkung und Obergrenzen von Besucherzahlen bei Veranstaltungen gehen.

Laut Weil sei ein Wegfall aller Beschränkungen auch bei Inzidenz null nicht geplant. Man wolle einen „Jo-Jo-Effekt“ vermeiden – auch mit Blick auf die Gefahr durch neue Virusmutationen. Weil sagte: „Wir müssen uns im Sommer so verhalten, dass wir nicht nur einen schönen Sommer haben, sondern auch einen schönen Herbst.“

Als maßgeblich für eine gute Entwicklung, also einen guten Sommer und Herbst, hält Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens das weitere Voranschreiten der Impfkampagne. Knackpunkt sei aber immer noch die Versorgung mit Impfstoff – und die ist schwankend. So monierten am Montag erneut die Hausärzte, aber auch die Betriebsärzte, dass es starke Schwankungen bei den Lieferungen gebe, grundsätzlich aber ein Mangel herrsche. So kommen teilweise weniger Dosen an, teilweise verschieben sich Liefertermine oder die Vakzin-Pakete der Hersteller werden nicht im für Zweitimpfungen nötigen Umfang geliefert.

Die Folge: Bereits vereinbarte Impftermine mussten wieder abgesagt werden, wie die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen monierte. Das führt zu Verärgerung bei den Impfwilligen, die auf das Serum hoffen, ja sehnlichst darauf warten. Ausbaden müssen das die Häusärzte und Mitarbeiterinnen in den Praxen.

Und davon gibt es stetig mehr: Mit Aufhebung der Impfpriorisierung setzten sich allein am Montag 123 000 Niedersachsen auf die Warteliste für einen Termin im Impfzentrum. 640 000 Menschen stehen dort auf den Wartelisten. Darunter sind 18 900 Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren. Außerdem ließen sich am Montag 9800 Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 15 auf die Liste setzen.

In den Arztpraxen wurden seit dem Start dort vor rund zwei Monaten etwa 1,7 Millionen Dosen Corona-Impstoffe gespritzt. „Wir waren gut vorbereitet, haben uns gut abgestimmt, aber der Impfstoff war nicht da“, bilanziert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Mark Barjenbruch.

Derweil lobt Sozialministerin Daniela Behrens die Ärzte: Die große Impfbereitschaft der niedersächsischen Haus- und Fachärzte habe der Impfkampagne „einen großen Schub verliehen“. Mehr als 4200 niedergelassene Mediziner beteiligten sich seit Anfang April an der Kampagne, sagte Behrens. Inzwischen seien mehr als 5,24 Millionen Impfungen in Niedersachsen vorgenommen worden, davon 1,71 Millionen in den Praxen.

„Die Zahlen sind ein eindrucksvoller Beleg für die große Impfleistung der Ärztinnen und Ärzte in Niedersachsen“, sagte Mark Barjenbruch. Er fügte hinzu, dass es für den Impfstoff von AstraZeneca einen erhöhten Beratungsaufwand in den Praxen gebe, der das Impftempo bremse.

„Viele über 60jährige lehnen den Impfstoff ab. Die Ärztinnen und Ärzte müssen viel Überzeugungsarbeit für die Impfung mit AstraZeneca leisten“, erklärte Barjenbruch. Im Gegensatz dazu verlangten immer mehr jüngere Menschen diesen Impfstoff, um mehr Freiheiten genießen zu können. Auch hier belaste der Aufklärungsaufwand über die möglichen Nebenwirkungen die Praxen

46,7 Prozent der Niedersachsen haben inzwischen eine Erstimpfung erhalten, 20,5 Prozent schon den vollen Impfschutz.  (Thomas Kopietz, mit dpa/epd)

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