Nobelpreis öffnete für den Göttinger Wissenschaftler Stefan Hell Türen

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Die Balance bewahren: Stefan Hell beim Gespräch in seinem Büro in Göttingen: „Ich will authentisch bleiben.“

Wäre Stefan Hell Fußball-Profi, dann hätte er in der Saison 2014/15 die Champions-League und den Weltmeistertitel gewonnen. Der Physiker hat den unter Wissenschaftlern hoch angesehenen Kavli-Preis sowie den unsterblich machenden Nobelpreis für Chemie erhalten.

Und als I-Tüpfelchen obendrauf kam im Juni Wolfgang – Kind Nummer vier der Familie Hell – zur Welt. „Es ist viel passiert“, sagt Stefan Hell. „Aber fundamental hat sich nichts verändert.“ Ein knappe Analyse, die für den Naturwissenschaftler typisch ist, denn der 52-Jährige neigt nicht zum Überschwang.

In seinem Büro im Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie, der Göttinger Nobelpreis-Schmiede am Fassberg, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Das Fahrrad-Ergometer ist noch da, die Laufschuhe stehen bereit und auch die Ruhe-Denk-Liege gibt es noch. Aber einige Präsente sind hinzugekommen, auch ein echtes Laser-Schwert von Ex-Kollegen der Uni Turku. Das Schwert bewahrt der vierfache Vater lieber im Büro auf, weil seine Jungs zu Hause damit Unfug anrichten könnten.

Auch die Arbeit sei im Wesentlichen die gleiche, es gibt Teamgespräche mit Mitarbeitern, von denen einige lukrative Jobs angenommen haben. Auch zu Hause hinterlässt der Nobelpreis wenig Wirkung bei den Kindern. „Alles wie immer“, bilanziert Hell.

Wirklich? Nein. Je länger Stefan Hell spricht, desto vielsagender wird er. Er erzählt von Gesprächen mit Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft. Der Doppelpreisträger registriert mit wachen Augen, dass ihm die Entscheider zuhören. „Eine Bereicherung“, sagt Hell. Einladungen und Gespräche nimmt er ernst und überlegt sich, was zu sagen ist, ohne sich dabei zu verstellen. Denn der Professor ist kein Wissenschaftsmanager, kein Lobbyist, stattdessen Forscher, Wissenschaftler mit Haut und – wenn auch wenigen – Haaren. „Ich will weiter forschen und mit gutem Gewissen meinen Erfahrungsschatz weitergeben.“ Dabei hätten die Preise geholfen. Warum? „Der Nobelpreis gibt einem das Gefühl, nicht mehr so abhängig von der Meinung anderer zu sein.“

 „Hell of Fame“ in Stefan Hells Göttinger Büro.

So ist der Forscher von Weltrang, der die Physik des Lichts mit einem simplen wie genialen Trick überlisten konnte und so den nie gesehenen Blick in lebende Zellen ermöglichte, ein Werber für den Forschungsstandort Deutschland. Hells Formulierungen sind griffig, wenn er sagt: „Es ist nicht gerechtfertigt, die Forschung in Deutschland über einen Kamm zu scheren. Es gibt absolute Spitzeneinrichtungen und Labore.“ Das müssten Politiker, aber auch die Bürger wissen. „Wenn man ein MPI in der Nähe hat, dann ist das keine Provinz-, sondern in der Regel Spitzenforschung.“ Göttingen hat vier Max-Planck-Institute.

Dass er die Hände von Königen geschüttelt und mit Prinzessinnen gespeist hat, erzählt der gebürtige Rumäniendeutsche fast beiläufig, auch, dass er während der Nobelpreis-Tage „mit Adjudantin und Fahrer fast wie ein Royal behandelt wurde“.

In Göttingen auf der Straße aber hätte er es lieber normal. „Ja, ich werde häufiger angesprochen, man schaut mir nach.“ Manchmal hört er schnippische Worte. Unangenehm sei das, vor allem wenn er mit seiner Frau Anna, einer Medizin-Professorin, und den Kindern ein Eis essen oder nur mal einkaufen will. Das ist der Preis des Preises. Aus der Bahn werfen wird ihn das nicht.

Der Nobelpreis bringt aber auch Freiheiten. Er ist ein Türöffner. „Dinge kommen schneller in Gang.“ So arbeiten zwei neue Top-Forscher am MPI, das verbessert die Möglichkeiten. Und Ideen hat Stefan Hell noch viele. Ideen, die Lichtmikroskopie weiter voranzutreiben. Also doch: vieles wie gehabt.

Stefan Hell über:

Einladungen: „Ich bekam nach der Preisverleihung täglich zwei bis drei. Heute sind es fünf bis sechs in der Woche. Manche sind von Staatsrepräsentanten oder Mitgliedern von Königshäusern unterschrieben. Da wollen Absagen wohl formuliert sein.“

Göttingen: „Als Forscher bin ich hier nicht isoliert. Ich partizipiere von Aktivitäten der Universität, von anderen Forschern, die meine Mikroskope anwenden. Deshalb ist in meinem Fall auch der Standort Göttingen ausgezeichnet worden.“

Arbeitsalltag: „Ich versuche, Reisen zu bündeln. Generell: Der Arbeitstag ist länger geworden. Aber er ist auch komprimierter. Ich verschwende weniger Zeit mit Dingen, die mich vorher viel Zeit gekostet haben, weil der Nobelpreis auch Freiheiten bringt. Anrufe gehen schneller.“

Öffentliches Gesicht: „Im Urlaub auf Langeoog klingelte der Postbote. Ich öffnete, er schaute mich an und sagte: Oh! Herr Hell, ein bekanntes Gesicht aus der Heimat. Ich komme aus Duderstadt und bin hier Aushilfspostbote.“

Preise und Medien: „Der Nobelpreis ist definitiv zu einem medialen Ereignis geworden. Immer, wenn man irgendwo auftritt, muss man damit rechnen, dass man aufgenommen wird und das am Ende bei YouTube landet.“

 

Zur Person: 

Prof. Dr. Stefan Hell (52) wurde in Arad (Rumänien) geboren, kam 1978 nach Deutschland, studierte ab 1981 Physik in Heidelberg. Nach der Promotion 1990 arbeitete er als Erfinder. Es folgte eine Zeit der Ungewissheit mit Stationen in Turku und Oxford. Nach der Habilitation Anstellung im Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen, wo er seit 2002 Direktor des größten MPI in Deutschland ist. Hell gilt als Erfinder der STED-Mikroskopie, die die Auflösung der Lichtmikroskopie entscheidend verbesserte. Er erhielt mehr als 20 Preise, 2014 den Kavli-Preis und mit den Amerikanern Eric Betzig und William E. Moerne den Chemie-Nobelpreis für die Entwicklung der superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie. Hell ist verheiratet mit der Medizinerin Anna. Das Paar wohnt in Göttingen, hat drei Söhne und eine Tochter. Stefan Hell läuft gerne und spielt Tennis.

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