Forschen in Zeiten von Corona

Nobelpreisträger Stefan Hell: Damit Göttingen der Zeit voraus ist

Engagement für den Top-Wissenschaftsstandort Göttingen: Nobelpreisträger Prof. Stefan Hell ist Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie und setzte sich für eine Fusion mit dem MPI für experimentelle Medizin – ebenfalls in Göttingen – ein.
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Engagement für den Top-Wissenschaftsstandort Göttingen: Nobelpreisträger Prof. Stefan Hell ist Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie und setzte sich für eine Fusion mit dem MPI für experimentelle Medizin – ebenfalls in Göttingen – ein.

Stephan Hell bastelt weiter an seinem Lebenswerk. Der Physiker und Nobelpreisträger für Chemie hat mit seinem Team sein revolutionäres STED-Mikroskopierverfahren über die Stufe MINFLUX, das seit fünf Jahren die Beobachtung einzelner Moleküle ermöglichte, jüngst zu MINSTED mit Einsatz besonderer Fluoreszenz-Farbstoffe zu besserer bildhafter Darstellung gebracht.

Göttingen – Wir sprachen mit Hell über das Arbeiten unter Corona-Bedingungen, Entwicklungen und Ziele sowie über den Zusammenschluss zweier Max-Planck-Institute in Göttingen.

Hat sich Ihre Arbeit in der Corona-Zeit verändert?
Ja. Sie wird dadurch schon etwas erschwert. In meiner täglichen Arbeit vermisse ich besonders, dass ich nicht wie in der Vor-Corona-Zeit mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Kantine essen gehen kann. Wir haben dort über fachliche Dinge, aber auch über andere, persönliche Themen gesprochen. Das gemeinsame Mittagessen war wichtig als informeller Austausch, der ganz nebenbei auch geholfen hat, Projekte voranzubringen. Über diese sprechen wir natürlich auch jetzt, aber eben nicht in dieser lockeren Runde. Und es fehlt der Kuchen, der Kaffee, das Anstoßen, wenn jemand Geburtstag hat. All das ist nicht mehr möglich. Fazit: Die Kommunikation ist nicht abgebrochen, aber seit Corona deutlich weniger unvermittelt.
Wie ist es mit der Präsenz in der Abteilung, es wird ja in Laboren an Geräten gearbeitet?
Wir achten auf die Corona-Regeln. Wir hatten hier am MPI auch früh Tests. Ich habe selbst Tests besorgt, sie meinen Mitarbeitern zur Verfügung gestellt. Sie wurden und werden benutzt. Wir hatten in meiner Abteilung zum Glück keinen einzigen Fall einer Corona-Infektion.
Hat Corona Ihnen persönlich auch Gutes gebracht? Manche Führungskräfte, auch im größten heimischen Unternehmen Sartorius, sind weit weniger auf Geschäftsreisen unterwegs, das spart Ressourcen, auch Zeit.
Das ist so. Es ist mittlerweile gut akzeptiert, Vorträge online zu machen. Meine Arbeitszeiten am Institut haben sich während Corona nicht verkürzt, aber viele Besprechungen und Vorträge, für die das Reisen ins In- und Ausland vorher regelrecht eingefordert wurde, konnten jetzt online, und damit fast nebenher, erledigt werden. Das spart Zeit, macht weniger Stress und schont die Umwelt. Das habe ich schon seit geraumer Zeit so gesehen. Deshalb bin ich auch schon vor Corona nicht viel gereist – definitiv weniger als die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen. Man kann effizient Projekte steuern, Entscheidungen treffen und erst recht viele Vorträge halten – gerade auch, weil man nicht Stunden oder Tage in die physische Präsenz investieren muss. Ich hoffe das setzt sich jetzt als Erkenntnis durch und wird auch in Zukunft gut akzeptiert werden. Diese im Wissenschaftsbetrieb unausgesprochene Erwartungshaltung, dass man doch bitte anzureisen hätte, wenn es eine passende Flug- oder Zugverbindung gibt, hatte mich schon immer gestört.
Wie ist es mit dem Anbahnen von Projekten – auch für Sie, die ja weltbekannt und bestens vernetzt sind?
Ich bin nicht in der Wissenschaftspolitik unterwegs, wo Vernetzung wichtig ist. Ich mache ja nur Forschung. Die Sichtbarkeit für gute Ergebnisse kommt, wenn man bekannt ist, von alleine. Sie haben aber Recht: Steht man am Anfang seiner Karriere oder promotet man neue Ideen, von denen die Welt noch nicht überzeugt ist, hilft es sicher, vor Ort zu sein.
Zwei Max-Planck-Institute schließen sich in Göttingen zusammen – muss das sein?
Ich habe mich für die Fusion von MPI für Experimentelle Medizin und MPI für biophysikalische Chemie massiv stark gemacht.
Warum?
Weil ich der Meinung bin, dass der Max-Planck-Standort Göttingen damit besser aufgestellt ist; und zwar in einer zunehmend größer werdenden Konkurrenz mit Standorten wie Berlin und München. Wenn man in Göttingen nicht mehr oder etwas Originelleres bietet als die anderen, hat man einen Standortnachteil. Deshalb ist es wichtig, dass man hier der Zeit voraus ist. Top-Leute müssen einen besonderen Grund haben, zu kommen und nicht nach Berlin oder München zu gehen. Diesen Grund müssen wir bereitstellen.
Sie betonen stets das Netz in Göttingen zwischen Forschungseinrichtungen, die kurzen Wege, die Kooperationen. All das hat sie trotz Offerten bewogen, hierzubleiben. Auch mit dem MPI für experimentelle Medizin gab es einige Schnittstellen.
Ja. Das war aber historisch nicht immer so. Das MPI für biophysikalische Chemie war nach seiner Gründung 1971 immer noch sehr physikalisch-chemisch ausgerichtet. Das MPI für Experimentelle Medizin war in der Anfangszeit auch stärker seinem Namen verschrieben. Seit den 90er-Jahren gibt es in der Tat thematische Schnittstellen der beiden MPI. Das war aber nicht der Hauptgrund.
Welcher war das?
Mir ist klar geworden, dass es für die beiden Institute – wenn sie auch in Zukunft in der obersten Liga spielen wollen – wichtig ist, dass sie thematisch breit angelegt sind: von der Physik, über die Chemie und Biologie bis hin zur Grundlagenforschung in der Medizin. Das geht nur in einem großen Institut. Aufgrund dieser inhaltlichen Breite wird dieses neue MPI einzigartig in der Max-Planck-Landschaft sein. Denn im Gegensatz zu fast allen anderen MPI, wird es nicht gezwungen sein, in bestimmten Feldern zu berufen. Es kann schlicht und ergreifend auf Originalität und Qualität abzielen – also auf Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die weltweit völlig neue Wege gehen. Mit dem neuen Institut steigt die Wahrscheinlichkeit, die besten Köpfe nach Göttingen zu holen. Jetzt müssen wir die Chance ergreifen, und es auch ohne Wenn und Aber umsetzen. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Prof. Dr. Stefan Hell

Prof. Dr. Stefan Hell (57) wurde in Arad (Rumänien) geboren, kam 1978 nach Deutschland, studierte ab 1981 Physik in Heidelberg. Nach der Promotion 1990 arbeitete er als Erfinder. Es folgte eine Zeit der Ungewissheit mit Stationen in Turku und Oxford, nach der Habilitation die Stelle im MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen, wo er seit 2002 Direktor der Abteilung Nanobiophotonik ist. Hell ist Entwickler der hochauflösenden STED-Mikroskopie. Mit dem Verfahren knackte er das Gesetz der Lichtbeugungsgrenze und verfeinerte es jüngst wieder. Er erhielt mehr als 20 Preise, 2014 mit Eric Betzig und William E. Moerner den Chemie-Nobelpreis für die Entwicklung der superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie. Hell ist verheiratet mit der Medizinerin Anna. Das Paar wohnt in Göttingen, hat drei Söhne und eine Tochter. Hell läuft gerne und spielt Tennis. (tko)

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