Wissenschaftler: Europa braucht gemeinsame Corona-Strategie

Niedrige Inzidenz bleibt das Erfolgsrezept gegen Covid-19

Pandemieforscherin Dr. Viola Priesemann aus Göttingen im Porträt
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Dr. Viola Priesemann vom MPI für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen ist eine europaweit geschätzte Pandemieforscherin.

Die Göttinger Pandemie-Forscherin Viola Priesemann und internationale Experten fordern eine gemeinsame Strategie gegen Covid-19 in Europa. Eine Verlaufsprognose fällt zurzeit schwer.

Göttingen - Nach einem deutlichen Rückgang der Covid-19-Inzidenz im Frühjahr in ganz Europa, haben viele Länder ihre Eindämmungs-Maßnahmen gelockert oder aufgehoben. In Kombination mit der Ausbreitung der neuen Delta-Variante führte das aber zum erneuten Anstieg der Inzidenz – fast überall.

„Eine Prognose über den Verlauf fällt im Moment äußerst schwer“, sagt Dr. Viola Priesemann. Sie und ein Verbund von Wissenschaftlern aus europäischen Ländern ist aber dennoch vorsichtig optimistisch, was den Verlauf der Pandemie angeht. Sie warnt: „Viele Menschen unterschätzen noch immer die Verbreitung und Gefährlichkeit von Covid, weil sie in ihrem Bekanntenkreis oft keine schwer Erkrankten oder gar Gestorbene hatten.“

Die Physikerin und Pandemie-Forscherin am Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) sagt auch: „Hätten wir die Pandemie so durchlaufen lassen, ohne strenge Restriktionen, hätten wir bis zu zehn Mal so viele Betroffene gehabt.“ Sie und die anderen Experten haben zwei gegensätzliche Strategien analysiert: Erstens eine rasche Aufhebung der Beschränkungen in der Annahme, dass eine mögliche hohe Inzidenz dank Immunisierung nicht zur Überlastung der Gesundheitssysteme führt. Zum anderen eine schrittweise Aufhebung der Beschränkungen im Tempo des Impffortschritts mit dem Ziel, eine niedrige Inzidenz beizubehalten. „Eine niedrige Inzidenz erleichtern die Eindämmung durch Testen und Kontaktnachverfolgung“, wie es in der Studie heißt.

Beim aktuellen Impfstand könne die erste Strategie zu einer Inzidenz von mehreren hundert Infektionen pro 100 000 Menschen und Woche führen, während die zweite Strategie auf Kontaktnachverfolgung basiert und eine Inzidenz von deutlich unter 100 zur Pandemiekontrolle erfordern würde. Wählen Länder in Europa unterschiedliche Strategien, führt das zu Problemen: Eine hohe Inzidenz in einem Land kann sich auf ein Nachbarland mit niedrigen Infektionszahlen ausweiten. Deshalb wurden Test- und Quarantäneauflagen für Reisende und Pendler erlassen. Diese Einschränkungen aber bremsen die Wirtschaft und beeinträchtigen das soziale Zusammenleben.

„Gleich welche der Strategien man wählt: Sie sind nur dann effektiv, wenn die europäischen Länder sich auf eine gemeinsame Strategie einigen, wofür es höchste Zeit ist. Das Virus macht nicht an Grenzen halt, und kein Land kann die Pandemie alleine effektiv bekämpfen“, so Priesemann. Sie und die Experten setzen weiter für alle europäischen Länder auf das Ziel niedrige Inzidenz – zumindest, bis alle Menschen die Möglichkeit hatten, sich impfen zu lassen. Das verhindere auch das Volllaufen der Kliniken. So bleibt für die Forscher die Inzidenzzahl der maßgebliche Wert, um Entwicklungen abzulesen, besonders aber, um schnell Maßnahmen ergreifen zu können.

Unsicherheitsfaktor ist das Auftreten weiterer Virus-Mutationen und die Wirksamkeit der Impfungen. „Reduziert sich der Schutz gegen einen schweren Verlauf von rund 95 Prozent auf 80 Prozent oder weniger, dann ist das Risiko für die Geimpften wieder relativ hoch.“ Und dann sei man wieder in einem Bereich, in dem die Krankenhäuser volllaufen.

Priesemann vergleicht Covid-19 nicht gerne mit einer Grippe, um die Situation zu beschreiben, tut sie es aber: „Die Sterblichkeit bei Covid- 19 ist bei Geimpften etwa so hoch wie bei einer Grippe. Wenn wir aber eine neue Virus-Variante haben, die Wirkung der Impfung geringer ist, dann ist Covid nicht mehr wie eine Grippe, sondern gefährlicher – und das ohne Betrachtung der Langzeitfolgen.

Die Wissenschaft, so Priesemann, wisse momentan nicht, was die Covid-Varianten noch zu bieten haben. „Da sind wir in zwei, drei Monaten weiter.“ Dann sei eine Prognose über den Pandemieverlauf klarer zu formulieren. Die Pandemie sei zwar noch nicht überwunden, aber ihr Ende sei vorstellbar.

Restriktionen könnten aufgehoben werden, sobald eine hohe Durchimpfungsrate in Europa erreicht ist und feststeht, dass die Impfstoffe weiter hochwirksam gegen schwere Verläufe sind. Höchste Priorität hat für Priesemann, dass die Schulen im Winter offen bleiben. „Dafür sind niedrige Inzidenzen der beste Garant.“ (Thomas Kopietz)

Göttinger Pandemie-Forscherin Viola Priesemann nennt als wichtigste Ziel, die Schulen offen zu halten.

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