Vorstellung des Buches "Deutschlandillusion"

Ökonom Fratzscher beim Literaturherbst: "Deutschland nicht krisensicher"

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Marcel Fratzscher: Der Ökonom hat über die „Die Deutschlandillusion“ geschrieben und beim Göttinger Literaturherbst gesprochen.

Göttingen. Wir leben in einem Land der Selbstüberschätzung: Deutschland ist nicht so krisensicher und stark wie viele denken. Marcel Fratzscher hat sein Buch deshalb „Deutschlandillusion“ genannt. Am Sonntag sprach er darüber beim Literaturherbst in der gut besetzten Paulinerkirche.

„Deutschland ohne Europa“ – das geht nach Ansicht von Marcel Fratzscher gar nicht, weil der Großteil der Wirtschaftbeziehungen zu Ländern in Europa besteht und weil die EU einen ganz starker Block im Weltwirtschaftssystem bildet, der sogar gegenüber China die Stirn bieten kann. „Das dürfen wir nicht vergessen, wenn um den Sinn der EU und des Euro diskutiert wird.“

Der Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte lange den Blick von Außen – das spürt der Zuhörer. Bereits in den 90er-Jahren zog es ihn nach England, in die USA und nach Indonesien. Dort hat er auch schlimme Krisen erlebt. Und er weiß, wie die Menschen in der Welt über Deutschland denken. So fällt ihm die klare, schonungslose Diagnose des Patienten Deutschland leicht.

Fast unerklärlich ist für Fratzscher das Ungleichgewicht zwischen Eigenwahrnehmung und tatsächlichem Ist-Zustand. „Deutschland fühlt sich stark und für die Zukunft gewappnet.“ Die Realität sei eine andere: „Wir haben ein Wachstumsproblem, es wird zu wenig investiert und es gibt ein Unterbeschäftigungsproblem.“ Kaum ein Land in Europa investiere so wenig in die Infrastruktur. „Der Wert von Staatseigentum wie Straßen und Gebäude hat massiv abgenommen, weil zu wenig saniert wird.“

Man habe zwar viel Beschäftigung geschaffen, aber vor allem bei unterbezahlten Jobs. „Viele Menschen müssen zum Staat gehen, um sich Geld zum Leben zu holen.“ Für Fratzscher eine prekäre Entwicklung.

Weitere Probleme werden zunehmen: So das Vorsorgeproblem. 20 Millionen Menschen müssen irgendwann ein Renten- und Sozial-System tragen, das dann nicht mehr funktioniert. Die Klippe zwischen Arm und Reich wächst. „Wir haben schon jetzt das höchste Ungleichgewicht in Europa.“ Das schlägt sich auch im Bildungsstatus nieder. Viele junge Menschen haben schlechtere Chancen, das heiße auch, dass sie später nicht am Markt teilnehmen können, dem Wirtschaftssystem verloren gehen.

Und was rät Marcel Fratzscher? Der Staat müsse mehr investieren, auch in die Sachwerte. Die Banken müssen ihre günstigen Kredite, die sie von der Europäischen Zentralbank bekommen, an Unternehmen weitergeben. Die Wirtschaft dürfe nicht abwandern, müsse gute Jobs im Inland schaffen. Junge Menschen müssen hier top-ausgebildet werden. Und: Deutschland muss seine Infrastruktur wie das Breitbandnetz verbessern, die Energiepreise verändern.

Die Zukunft übrigens liege auch in Europa. „Unternehmen sollten nicht nur nach China, Brasilien und Indien schauen, Europa wird weiter sehr wichtig bleiben.“ Der Euro jedenfalls sei jetzt und später ein Stabilitätsfaktor.

Offene Worte eines keineswegs einspurig denkenden Wirtschaftsfachmannes, der den 200 Zuhörern in der Paulinerkirche den Spiegel vorgehalten hat. Einiges haben sie darin wiedererkannt, manches war in der Abbildung drastischer als manch‘ Deutschland-Optimist erwartet hatte.

Von Thomas Kopietz

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