FDP-Chef begeistert über 400 Zuhörer

Christian Linder - locker, selbstbewusst im Wahlkampf in Göttingen

Gut besuchter Auftritt von FDP-Chef Christian Lindner in Göttingen: Am Johanniskirchof sprach er auch mit Bürgern, von der Bühne zu etwa 500 Zuschauern – hier im Gespräch mit Journalisten mit Konstantin Kuhle.
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Auftritt von FDP-Chef Christian Lindner in Göttingen: Am Johanniskirchof sprach er auch mit Bürgern, von der Bühne zu etwa 500 Zuschauern – hier mit Wahlkreis-Kandidat Konstantin Kuhle.

Bestes Sommerwetter am Freitag und dennoch 400 Menschen – darunter viele FDP-Anhänger - vor der Bühne am Johanniskirchhof, die Christian Lindner ören und erleben wollten.

Göttingen - Wenn Christian Lindner etwas wichtig ist, dann wiederholt er einen Halbsatz oder Wörter: „Solche Veranstaltungen waren lange undenkbar, jetzt sind sie immerhin möglich. Ich genieße das – ich genieße das!“ Gemeint ist der Wahlkampfauftritt des Liberalen-Chefs gemeinsam mit dem Göttinger FDP-Bundestagsabgeordneten Konstantin Kuhle am Freitag in Göttingen.

„Wenn ich sehe, was hier los ist, dann spricht das für Konstantin Kuhle“, strahlte Lindner beim Blick auf die vielen Menschen. Gleich zu Beginn seiner Rede fasst Linder ein heißes Eisen an. Eines, das die Parteikonkurrenten gern und oft genutzt haben, um die FDP hart zu attackieren, weil diese die Pandemiegefahr zeitweise klein geredet habe.

„Covid-19 ist eine gefährliche Erkrankung“, stellt denn Lindner klar. Und: „Wir müssen alles unternehmen, damit es nicht wieder zum Lockdown im Herbst und Winter kommt“, so der 42-Jährige, der bewusst alle Bürger in die Pflicht nimmt: „Jeder kann dazu beitragen. Lassen Sie sich impfen!“, rief er aus. „Lassen Sie sich impfen! Gleichwohl ist er aber gegen eine Impfpflicht. Jeder müsse für sich abwägen. Die Entscheidung müsse man akzeptieren. Sie dürfe nicht zur Ausgrenzung führen. Gesundheitsschutz müsse mit Rechtsstaat und Persönlichkeitsschutz ausbalanciert werden. Aber: Einfach Impftermine nicht wahrzunehmen, das ginge nicht: „Das wirft uns zurück.“

An die Regierung und die Politik in Berlin richtet er den Appell: „Es darf keine Sommerpause für die Politik geben.“ Es gelte, Vorbereitungen für den Schulbetrieb, den Erhalt des öffentlichen Lebens zu treffen, rechtzeitig.

Christian Lindner spricht klar, in kurzen Sätzen. Und er sucht den Blickkontakt, mit den Journalisten, mit den Liberalen, mit den Neutralen. Der Mann mit Verwandtschaft im Hochwassergebiet Ahrtal hat die Katastrophe dort mitgenommen. „Die Flutkatastrophe hat meine und die politische Optik verändert: Wir brauchen nicht immer mehr Subventionen, sondern wir brauchen mehr staatliche Solidargemeinschaft. Wenn Menschen in Not geraten, sind wir gefordert.“

Auch die Corona-Krise habe vieles offenbart: Das (digitale) Bildungssystem in Schule und Universität habe große Schwächen. „Der Missstand in Schulen beginnt bereits in den Toiletten.“ Lindner sieht den Bund stärker in der Pflicht, die Missstände zu beheben, „anstatt sie den wirtschaftlich Schwächsten, den Kommunen, zu überlassen“.

Klimaschutz: Selbst die FDP kann nicht ohne dieses Thema im Wahlkampf, auch Christian Lindner nicht. Aber er geht es anders an. Nicht drohend, warnend. Für Deutschland sei sie keine wirtschaftliche Bedrohung, sondern eine große Chance. „Damit lässt sich viel Geld verdienen.“ Aber Deutschland müsse diese Chance erkennen, anstatt nur von Einschnitten zu reden. Voraussetzung sei eine starke Wirtschaft, über die der Impuls zur Modernisierung des Landes komme. Sie dürfe nicht auf Pump und mehr Verschuldung laufen, „wie es viele fordern“.

Lindner bezeichnet sich nicht als Verbalakrobat, als solchen nennt er Robert Habeck. Aber Wortwitz zeigt auch er: „Wer dauernd rote Zahlen schreibt, wird nie auf den grünen Zweig kommen.“

Ansonsten sagt der FDP-Chef viel von dem, für das die Partei steht - und das wollen die Fans hören wollen: „Wir dürfen keine Moralweltmeister mehr sein, sondern Technologieweltmeister werden.“ Und: „Dieses Land muss wieder mehr Freude am Verdienen lernen, nicht am Verbieten.“ Starker Beifall. Dabei will er den Menschen eine gerechte und gute Bezahlung zukommen lassen.

44 Tage vor der Wahl auf Kilometer fünf im Wahlkampfmarathon wirkt Christian Lindner gelöst, selbstbewusst. Die FDP ist im Umfragehoch, zwölf Prozent würden zurzeit die Liberalen wählen, die so zum Kanzlermacher würden. Lindners Favorit jedenfalls ist Armin Laschet. Olaf Scholz werde es nicht. Annalena Baerbock schon gar nicht. „Ich genieße die Frage, ob wir Mitregieren wollen. Ich genieße sie.“ Und dann würde sich Christian Lindner gern im Wirtschaftsministerium als Minister sehen. Er oder Robert Habeck, das wäre dann die Frage. (Thomas Kopietz)

Drei Fragen

Die FDP ist im Steigflug, erzielt starke Umfrageergebnisse. Wir sprachen darüber mit FDP-Chef Christian Lindner am Rande einer Kundgebung in Göttingen.

Es ist wie immer in der Demokratie, dass Stärken und Schwächen zu Veränderungen führen. Wir freuen uns jetzt über eine gute Ausgangslage für die heiße Wahlkampfphase. Aber noch ist nichts entschieden. Wenn ich aber sehe, wie viele Menschen hier in Göttingen sind, um diese Zeit am Nachmittag, dann ist das ein ermutigendes Signal.

Wir wollen gerne für Deutschland Verantwortung tragen. Wir wollen dafür sorgen, dass unser Land weiter aus der Mitte regiert wird. Deshalb kämpfen wir dafür, so stark zu werden, dass es keine schwarz-grüne und rot-rote Mehrheit gibt. Wir haben 2017 bewiesen, dass wir mutige Entscheidungen treffen, wenn es darum geht, eine weitere Linksverschiebung zu verhindern.

Er ist nicht nur hier vor Ort ein starker Mann, er ist eine echte Stütze und einer der stärksten Köpfe, die wir haben, in Berlin in der FDP-Bundestagsfraktion in der Innenpolitik. Er ist darüber hinaus aber auch multifunktional einsetzbar.. In Berlin nehmen ihn die Medien in einer Rolle wahr, er ist aber – wie er in Niedersachsen beweist, wo man seine Geländegängigkeit erlebt – alles andere als auf eine Rolle, ein Thema, eine Position festgelegt. (Thomas Kopietz)

Zuversichtlich und gut gelaunt: FDP-Chef Christian Lindner beim Wahlkampf-Auftritt am Freitag in Göttingen, zu dem etwa 400 Menschen kamen.

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