Kampfhähne in Kostümgesellschaft

"Operette" von Witold Gombrowicz im Theater im OP in Göttingen

+
Szenenbild aus Operette: (von links) Anisha Blanke als "Marquise", Aaron Tometzek als "General", Denise Frerichs als "Bankier", Christopher Seltmann als "Professor", Matthias Hofmann als "Graf Hufnagel", Tobias Wojcik als "Maestro Fior", Lena Littke als "Prinzessin", Claire Seibt als "Prinz", Georg Rakovszky als "Adalbert" und Aaron Fiees als "Graf Charme" sowie (hockend) Meike Walther, Rebecca Dülfer und Hanna Mohnert als "Lakai".

"Operette" heißt die neue Aufführung im Theater im OP in Göttingen (ThOP). In dem Stück von 1966 macht der Autor Witold Gombrowicz aus Polen den Gegensatz der gesellschaftlichen Schichten zum Thema.

Nicht allein bei der Premiere der Inszenierung von Felix Lentge kommt die karikierende Überzeichnung einer Gesellschaft in Kostümierung beim Publikum gut an.

Eine helle, große Treppe (Bühnenkonzept Johannes Bondes) auf die sonst leere Bühne bietet ideale Auftrittsmöglichkeiten für die operettenhaft zurechtgemachten Figuren. Maskenhaft geschminkt sind die Akteure (Maskenkonzept Orthey Stoll), die sie im Laufe des Abends herunterkommen. Maestro Fior ist der Modeschöpfer, der sie in Zukunft zu gern einkleiden möchte. Auf einer fulminanten Modenschau möchte er seine neuen Entwürfe präsentieren.

„Ich bin der Held der Damenwelt“, brüstet sich der Baron wie ein balzender Storch in roten Strümpfen. Doch Graf Charme denkt das genauso. Momentan ist er im Vorteil: Mit 257 Frauen hat er eine mehr erobert als sein Rivale. So wie Baron Firoulett gern aufholen möchte, strebt Graf Charme danach, den Abstand zu vergrößern. 

Vielleicht angesichts des Sittenverfalls muss sich der Professor immer wieder lautstark übergeben, Graf Hufnagel sprengt die Szene im Galopp. Als Repräsentanten der unteren Schichten wirken die Spitzbuben, die beim Baron und beim Grafen wie Hunde an der Leine mitlaufen müssen, und die Lakaien, die immer wieder wenigstens die Schuhe der Adligen zum Glänzen bringen.

Opfer des Treibens wird Albertinchen. Das erst etwas farblos wirkende Mädchen wächst mit dem Werben der zwei Männer: Sie wehrt sich gegen den Affenzirkus und fordert das Fallenlassen der Kostüme, will Nacktheit. Dass eine oberflächliche Gesellschaft dann scheitern muss, zeigt Gombrowicz unmissverständlich. Unerwartet und mutig ist der klare Schlussstrich.

Aktuellen Bezug soll in der ThOP-Inszenierung - ein wenig zu absichtlich - ein verbaler Streifzug durch die Geschichte schaffen, nach Russland, England, zu Trump und zum Brexit. Mit ihrem schablonenhaften Spiel bleiben die Akteure an der Oberfläche, dringen nicht ein in die Tiefe des durchaus schwierigen Dramas von Gombrowicz. 

Von Operettenmusik ist da übrigens wie vom Autor gewollt kein bisschen zu hören. Die Maskerade, die vorgeführt wird, erinnert in ihrer Theatralik aber dennoch an „die kleine Schwester der Oper“. Im inszenierten Chaos im ThOP hilft schließlich nur noch Bühnennebel.

Weitere Vorstellungen am 20.2., 22.2. und 23.2., jeweils um 20.15 Uhr im Göttinger Theater im OP, Käte-Hamburger-Weg 3. Karten unter Tel. 0551/39 70 77, am Stand des ThOP in der Zentralmensa und unter theaterkarten@gmail.com

www.thop.uni-goettingen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.