Studienanfänger verhalten sich ruhig

Orientierungsphase in Göttingen: Keine „Erstis“ in der Notaufnahme

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Friedliche Feier: Auch bei den Wirtschaftswissenschaftlern, die sich am Wall versammelt hatten, blieb alles ruhig.

Göttingen. In Göttingen sind die zahlreichen Studienanfänger in das Sommersemester 2018 gestartet. In der Vergangenheit hatten Zwischenfälle während der Orientierungsphase für Unmut gesorgt. Nun hat sich die Lage aber offensichtlich beruhigt.

Mittwochmorgen, kurz nach 10 Uhr. Großdemo vor dem Institut für Anatomie und Zellbiologie am Kreuzbergring. Halt! Das, was im Vorbeifahren nach einer Kundgebung aussieht, hat nichts mit der Forderung nach höheren Löhnen bei weniger Wochenstunden zu tun. Verkleidete Menschen tummeln sich um Bierkästen, Bollerwägen und Lautsprecher-Boxen. Fasching? Längst vorbei. „Medizin-Ersti?!“, fragt eine junge Frau – sichtlich angeheitert. Spätestens jetzt fällt der Groschen: Das Sommersemester beginnt und damit auch die O-Phase genannte Orientierungsphase der insgesamt etwa 600 Erstsemester, die nun anfangen, einen der zehn Bachelor-Studiengänge in Göttingen zu absolvieren.

Verzicht auf Kleiderketten

Für sie – in diesem Fall Humanmediziner – geht es während der Einführungswoche darum, Hörsaal, Grundlagen und die Stadt kennenzulernen. Hand aufs Herz: Der Gedanke daran, dass sie irgendwann mal operieren, sorgt nicht unbedingt für Glücksgefühle.

Doch der aktuelle Eindruck täusche und sei halb so schlimm, versichert Philip Plättner von der Mediziner-Fachschaft. „Wir achten darauf, dass keiner gezwungen wird, Alkohol zu trinken.“ Bei der Stadtrallye werde auch auf die berühmt-berüchtigte Kleiderkette verzichtet, an deren Ende fast blankgezogen wurde.

Vor ein paar Jahren waren diese Veranstaltungen zum Studien-Start mächtig in die Kritik geraten. Im Herbst 2012 kamen beispielsweise 18 Studenten mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus, was den gut gemeinten Hilfsangeboten den Ruf einbrachte, ein kollektives Massenbesäufnis zu sein, das die Innestadt zum Ballermann mache.

Doch das scheint nun vorbei zu sein. Als Philip Plättner am Donnerstag im Hörsaal fragt, wer denn noch verkatert sei, ist der 21-jährige O-Phasen-Organisator der Einzige, der die Hand hebt. Alles gut? Scheint so.

Keine Beschwerden

Denn auch das Ordnungsamt, die Göttinger Uni-Klinik und das Evangelische Krankenhaus Weende haben keinerlei Auffälligkeiten registriert. „Bei uns wurde ein Mann mit Alkoholvergiftung behandelt“, berichtet Klinik-Sprecher Stefan Rampfel nach dem Ende der Mediziner-O-Phase, „aber der war Jahrgang 1941. Jetzt kommen allerdings noch die Wirtschaftswissenschaftler.“

Und die haben in Göttingen einen schweren Stand. Während schon die ersten Vorlesungen laufen, bringen sie ihren Kommilitonen noch bei, was die südniedersächsische Universitätsstadt lebenswert macht. „Wir sind mit diesmal 400 Studien-Anfängern eine der größten O-Phasen“, meint Philip Sokalski von der wirtschaftswissenschaftlichen Fachschaft, „da wird man sehr streng begutachtet, wenn die Göttinger schon vorgewarnt wurden.“

Doch auch die Wirtschafts-Erstsemester kann die mitunter feuchtfröhliche Einstiegs-Party nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Studium hart ist und wegen vieler Verpflichtungen gar nicht so viel Zeit bleibt, um abends am Tresen in der Kneipe ausgiebig „Wirtschaft“ zu studieren.

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