Göttingen: Ovationen für „König Ödipus“

Bodo Wartke gibt ein Gastspiel zum Auftakt des Göttinger Kultursommers

Kabarettist und Schauspieler Bodo Wartke trat zum Auftakt des Kultursommers auf.
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Überzeugte bei seinem Gastspiel in Göttingen auf ganzer Linie: Kabarettist und Schauspieler Bodo Wartke trat zum Auftakt des Kultursommers auf.

Wer glaubt, dass man mit antiken Stoffen heute niemanden mehr begeistern könne, sollte sich Bodo Wartkes „König Ödipus“ ansehen.

Wer glaubt, dass man mit antiken Stoffen heute niemanden mehr begeistern könne, sollte sich Bodo Wartkes „König Ödipus“ ansehen. Zum Auftakt des Kultursommers zeigte der Schauspieler und Kabarettist seine Version im Deutschen Theater und erntete dafür Standing Ovations.

Göttingen – Der Zuschauerraum füllt sich. Aus dem Gemurmel sind bei der spärlichen Besetzung zu Corona-Zeiten immer wieder Stimmen herauszuhören, die das Besondere beschreiben: „Endlich habe ich mal keinen vor mir“ oder „Die können froh sein, dass sie überhaupt spielen dürfen.“

Am Flügel beginnt Wartke seine Version des bekannten Ödipus-Mythos. Und nun beginnt ein Galopp durch die Zeit. In einer knappen halben Stunden erzählt Wartke Ödipus‘ Vorgeschichte: König Laios von Theben und seine Frau Iokaste wollen ein Kind. Doch das Orakel sagt dem König voraus, dass sein Sohn ihn töten und seine Mutter heiraten werde. Um diesem Schicksal zu entgehen, lässt der König das Baby aussetzen und rechnet mit dessen sicherem Tod. Doch der Hirte, der den Jungen aussetzen sollte, übergibt ihn einem Freund. So landet er bei (Pflege-)Eltern. Als er – herangewachsen - von dem Orakelspruch hört, nimmt die Geschichte ihren Verlauf. Ödipus erschlägt den ihm unbekannten Vater und wird Gemahl der Mutter. An ihrer Seite regiert er als König von Theben.

In beigem Leinen mit Weste und Krawatte schlüpft Bodo Wartke schlangengleich von Rolle zu Rolle. Dabei helfen ihm Positionswechsel oder auch nur eine Drehung seiner Kappe. In den Armen des Hirten kann die Kopfbedeckung auch zum schutzlosen Neugeborenen werden. Wunderbar gelingen Wartke handgreifliche Auseinandersetzungen. Nur durch Drehung der Hand gelingt es ihm blitzschnell, vom Austeilenden zum Getroffenen zu werden. Um die antiken Texte verdaulicher zu machen, hat er sie mit ungeheurem Wortwitz mit moderner Alltagssprache kombiniert. Er spielt nicht nur Klavier und Mundharmonika, er rappt und trommelt, macht die Tragödie erfahrbar.

Das alles geschieht ohne Bühnenbild mit nur einer Handvoll Requisiten. Wenn Wartke sich der Textpassagen aus der antiken Vorlage bedient, zieht er sein gelbes Reklamheftchen. Stift und Block kennzeichnen ihn als Therapeuten. Seine Krawatte verwandelt er in den Strick, mit dem er sich als Mutter Iokaste aufhängt.

Angesichts seiner Dynamik ist es für die Zuschauer kein Problem die knapp zwei Stunden, die die Vorstellung dauert, entsprechend der Corona-Vorgaben ohne Pause durchzuhalten. Geduldig warten sie ein paar Minuten, die Wartke braucht, um sich für die zweite Runde fit zu machen.

Dass die Vorstellung kein Schnellwurf ist, können Interessierte aus dem – in Corona-Zeiten kostenfreien - Programmheft erfahren. In fast 15 Jahren habe der Musikkabarettist, Liedermacher und Schauspieler Szene für Szene geschrieben bis zur ersten Textfassung vor zwölf Jahren, beschreibt Mitautor und Regisseur Sven Schütze. Im Diskurs mit ersten Zuschauern sei der Text-Corpus zu dem geworden, was die Zuschauer im Deutschen Theater sahen.

Göttingen: Wartke besingt das Nicht-Happy-End

Am Flügel besingt Wartke das Nicht-Happy-End. Das Publikum spendet Applaus und Getrommel, das übergeht in Standing Ovations. Das klingt nicht nur in Wartkes Ohren, „als wäre das Theater [wie in normalen Zeiten] restlos ausverkauft.“ Egal, ob vor 99 oder 9000 Menschen – ihm sei es wichtig, auftreten zu können, betont der Künstler, der nach eigener Auskunft in diesem Monat nur im Deutschen Theater für Stimmung sorgen konnte.

In der Hoffnung auf weitere Auftritte geht er, nicht ohne einen Vorgeschmack auf mehr zu geben. Es sei wie bei „Starwars“ - „König Ödipus“ sei ein Teil einer Trilogie. Und wieder mit begeistertem Applaus kann der Künstler seinen „Trailer“ für die nächste Folge, „Antigone“, zeigen.

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