Parodie aufs eigene Leben: Thomas Brussig lässt in Lesung DDR weiterleben

Literarisches Zentrum Göttingen: Thomas Brussig (links) im Gespräch mit Joachim Dicks von NDR-Kultur im Alten Rathaus. Foto: Kopietz

Göttingen. Was wäre, wenn bis 2014 die Mauer gestanden hätte, die DDR ein Land mit Windenergieanlagen und Handys, ureigenem DDR-Internet wäre.

Thomas Brussig hat darüber einen Roman geschrieben und am Donnerstag im Alten Rathaus auf Einladung des Literarischen Zentrums darüber höchst amüsant erzählt.

„Das gibt´s in keinem Russenfilm“ heißt das Buch, in dem Thomas Brussig von Thomas Brussig erzählt, wie der von 1990 bis 2014 in der DDR weiterlebt, ein Feigling, der ungewollt zum Dissidenten wird und als Schriftsteller zu Ruhm und Ehre gelangt.

Auf 384 Seiten konstruiert Brussig diese Fiktion – im Buch manchmal mit Längen für den Leser, weil detailverliebt und ausführlich. Vor etwa 150 Zuhörern im Alten Rathaus und animiert vom locker wie gekonnt agierenden Moderator Joachim Dicks (NDR-Kultur) gibt es keine Längen.

Sympathisch und offen berichtet Brussig auch über die Schwierigkeiten, eine Fiktion für das eigene Leben in einem gestorbenen System zu schildern. „Die Fiktion macht die Biografie angreifbar, sie lässt sich nicht beweisen“, sagt der Autor. Es ist eine Parodie auf die Autobiografie. Allein das klingt spannend. Kein Wunder, dass das Buch gekauft wird.

Seine DDR, sein Lebensumfeld, sein Alltag – alles erfunden. Alles ist möglich und manches doch unmöglich. Da schreibt sich der Autor Thomas Brussig für seinen Roman-Helden Thomas Brussig einen Verriss, eine vernichtende Buchkritik, die ihn dann wiederum berühmt macht, in der DDR – und in der BRD, was ihm Kohle bringt.

Herrlich ist das, manchmal böse und oft verrückt. Wie die Rollen, die die Prominenten im „Russenfilm“ spielen dürfen: Sarah Wagenknecht wird Nachrichtensprecherin der „Aktuellen Kamera“, Lothar Bisky gar ein guter Freund und Berater des Autors. Gregor Gysi und Udo Lindenberg tauchen auf. Und Wolfgang Thierse ist Verleger im „Aufbau-Verlag.“

Und immer wieder ist da der vermeintliche Held Thomas Brussig. „Ein Depp, eine Lusche eigentlich“, wie der Autor Brussig über ihn sagt. Der echte Thomas Brussig kann über sich lachen, und er tut das auch als Vorlesender, Erzählender. Könnte er es nicht, wäre dieses Buch wohl nie entstanden.

Das Finale ist fulminant. Brussig verrät es im Alten Rathaus den Zuhörern. Der Autor liest in dem Buch „Plan D“ von Simon Urban (das gibt es wirklich) wie es mit der wiedervereinten DDR-BRD, dem Deutschland, laufen würde. „So weit so doof“, denkt der fiktionäre Brussig. Und: „Das kann doch nicht wahr sein.“

Thomas Brussig: „Das gibt´s in keinem Russenfilm“, S.Fischer Verlag, 384 S., 19,99 Euro.

• NDR-Kultur sendet die Lesung aus dem Alten Rathaus am Sonntagabend im Radio in der Sendung Sonntagsstudio, Beginn: 20 Uhr.

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