Künstler kommt nach Göttingen

Paul Carrack im Interview: Als Musiker lernt man nie aus

+
Tritt am 17. August im Kaiser-Wilhelm-Park in Göttingen auf: Paul Carrack ist eine der wichtigsten Stimmen der vergangenen Jahrzehnte.

Seine Stimme ist eine der wichtigsten Stimmen der vergangenen Jahrzehnte und Aushängeschild des gefühlvollen Rock und Pop - Interview mit Paul Carrack. 

Wir sprachen mit Paul Carrack, der beim Open Air im Kaiser-Wihelm-Park am Samstag, 17. August, in Göttingen auftritt.

Ich sah und hörte Sie bewusst erstmals 1988 in Wembley beim Mandela-Geburtstagskonzert. Wie war es, mit so großen Künstlerinnen und Künstlern im Stadion und vor Millionen Menschen weltweit an den TV-Geräten aufzutreten? Waren Sie sich der Bedeutung der politischen Botschaft – den Appell zur Haftbefreiung von Nelson Mandela bewusst.

Ja, absolut! Es war eine große Ehre für mich bei diesem großen Event mit so vielen großartigen Musikern dabei zu sein. Normalerweise mag ich es nicht, Politik und Musik zu vermischen, weil die Gefahr besteht, als politischer Moralapostel zu gelten. Aber ich war froh, in diesem Fall eine Ausnahme gemacht zu haben.

Auf ihrem aktuellen Album präsentieren Sie Liebeslieder – warum ein solches Love-Song-Album?

Viele unser Fans wünschten sich eine Sammlung der vielen von uns aufgenommenen Balladen. Und während unserer Theaterkonzerte spielten wir viele Balladen. Das ist auf den Festivals aber anders: Dort spielen wir nicht so viele Love-Songs, weil wir es mögen, die Show schneller zu machen.

Wo liegen ihre Musik-Wurzeln – und welche Art von Musik liebten sie bestimmten Phasen Ihres Lebens besonders?

Ich habe einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack. Aber mit zunehmendem Alter habe ich bestimmte Wurzeln entwickelt: Darunter verstehe ich organischen Blues, Soul, Rock‘n‘Roll, Pop, Jazz und Country. Als Kind liebte ich den Liverpool-Sound der Beatles, Searchers und anderen – aber mein älterer Bruder John brachte mich der Musik von Ray Charles, John Lee Hooker, den Everly Brothers, Hank Williams und anderen näher.

Sie haben mit großartigen Musikern wie Mike Rutherford, Brian Ferry, Roger Waters, Elton John und Eric Clapton gearbeitet – was waren für Sie die wichtigsten Eindrücke und Erfahrungen, die sie daraus gezogen haben?

Als Musiker lernt man nie aus und das schöne ist, Du lernst jeden Tag etwas. Und für mich als Autodidakt, der niemals eine Musik-Stunde in seinem Leben hatte, gab und gibt es immer viel zu lernen – das können Sie mir glauben. Aber gerade das ist das Wunderbare daran. Aber es ist sehr schwer zu sagen, was ich von der Arbeit mit anderen Musikern für mich gelernt habe – weil ich das zu den Zeiten nie realisiert habe. In den vergangenen fünf Jahren tourte ich als Teil der Band von Eric Clapton durch die Welt. Das war ein großer Lernprozess für mich – aber dennoch kann ich nicht exakt beschreiben, warum. Eric hat eine so große Integrität als Künstler, der nie Kompromisse mit seiner Kunst macht. Es war eine großartige Erfahrung von ihm und den Weltklasse-Musikern, die er um sich scharrt, akzeptiert und respektiert zu werden. All das hat meinem Selbstbild keinerlei Schaden zugefügt.

Video: Paul Carrack ist die Stimme von "Mike & The Mechaniks"

Produzieren Sie einen Song nach einem Muster, einer Linie, kommt erst der Text, dann die Musik?

Ich habe keine Formel dafür. Aber Schreiben ist normalerweise ein spontanes Ding. Häufig entwickelt sich eine musikalische Idee aus freien Stücken beim Jammen, und ein Hook oder ein Titel kommen dann hinzu. Musikideen entstehen natürlicher als Texte – deshalb schätze ich die Arbeit mit Chris Difford, der mein Lieblingstexter ist. Er arbeitet sehr schnell, was das Leben einfacher macht. Meine Texte sind oft konventionell, aber Chris hat einen anderen Blickwinkel, er kann Situationen wunderbar beschreiben und Bilder im Kopf konstruieren.

Wenn Sie einen Song produzieren, geschieht das nach einer klaren Linie, erst Text, erst Musik?

Ich habe keine Formel dafür. Aber Schreiben ist normalerweise ein spontanes Ding. Häufig geschieht eine musikalische Idee aus freien Stücken beim Jammen, und ein Hook oder ein Titel kommen dabei hinzu. Musikideen entstehen natürlicher als Texte – deshalb liebe ich die Arbeit mit Chris Difford, der mein Lieblingstexter ist. Er arbeitet auch sehr schnell, was das Leben einfacher macht. Meine Texte sind oft sehr konventionell, aber Chris hat einen anderen Blickwinkel, er kann Situationen wunderbar beschreiben und Bilder im Kopf konstruieren.

Produzieren Sie alles selbst?

2000 startete ich als freier und unabhängiger Künstler mein eigenes kleines Label, um meine Solo-Arbeiten zu veröffentlichen. Ich produzierte eigenes Material nur mit Hilfe des guten Freundes Peter Van Hooke. Den hatte ich getroffen, als wir halfen, Mike and the Mechanics in den 80ern aufzubauen. Pete war der Original-Drummer, der davor zehn Jahre für Van Morrison gearbeitet hatte. Er ist mein größter Unterstützer, hat einen großen Glauben in mich selbst dann, wenn wir die ganze Zeit über alles mögliche streiten – das ist von unschätzbarem Wert.

Sie haben auch ein Album mit einer deutschen Band gemacht – noch dazu mit einer Big-Band gemacht, eine irgendwie verrückte Geschichte.

Das Angebot kam aus heiterem Himmel: Sie luden mich ein, mit Ihnen ein Album mit traditionellen Weihnachtsliedern zu machen. So etwas hatte ich nie zuvor versucht. Es war eine große Herausforderung, die ich schnell lieben lernte. Seitdem haben wir einen engen Kontakt, und wir spielen jedes Jahr – meist in Deutschland – mehrere Konzerte. 2018 kam die SWR Big Band sogar nach London – es war großartig. Als Kind mochte ich Big-Band-Musik so gar nicht. Doch diese Kooperation war eine Offenbarung für mich – und nun bin ich sozusagen konvertiert. Der musikalische Standard der Musiker ist wirklich großartig. Und ich selbst mag es, zu denken, sich als natürlicher Musiker an verschiedene musikalische Genres und Situationen anpassen zu können. Ich lerne und komme so mit jedem Schritt voran. Es ist großarti, die Möglichkeit zu haben, so viele verschiedene Dinge zu tun.

Was ist der Lieblingssong von Paul Carrack?

„God only knows“ von den Beach Boys. Ein Meisterwerk. Aber: Es gibt noch so viele andere.

Sie haben einen Song für das Reunion-Album der Eagles gemacht. Entstand dieser im engen Kontakt mit den Band-Mitgliedern?

Ich bekam einen Telefonanruf – wieder aus heiterem Himmel – von Don Felder, dem Gitarristen der Eagles. Das war vor Wiedervereinigung. Und er fragte mich, ob ich bei einem Projekt mitmachen will, das er, Timothy B. Schmitt und Joe Walsh auf die Beine gestellt hatten. Natürlich wollte ich. So verbrachte ich den Sommer 1994 in Kalifornien, schreibend und aufnehmend mit Don und Timothy. Ich brachte einen Song mit: „Love will keep us alive“, der speziell für das Projekt von Pete Vale, Jim Capaldi und mich geschrieben wurde. Als die Eagles wieder zusammen waren, fragte mich Timothy, ob er ihn „Hell Freezes Over“, dem Eagles-Comeback-Album, singen könnte. Und wir alle waren hocherfreut.

Paul, Du tourst durch die Welt, was ist der besondere Charakter der deutschen Publikums? Und: Kennen Sie Göttingen und den wundervollen Kaiser-Wilhelm-Park im Stadtwald, wo sie spielen werden?

Deutsches Publikum ist bekannt für seine Treue zu den Künstlern. Die Deutschen sind zudem sehr gesellig und bereit für eine gemeinsame gute Zeit mit uns Musikern. Ich weiß nicht viel über Göttingen, aber wir sehnen uns schon dem Besuch in Deutschland entgegen.

In Deutschland sprechen und diskutieren wir oft über den Brexit – viele Deutsche können diese verrückte Entscheidung nicht nachvollziehen. Sie kommen viel umher und haben einen offenen Geist – was denken Sie eigentlich darüber?

Ja. In England wird über nichts anderes gesprochen. Es war bisher sehr spaltend und erschütternd für alle. Ich liebe die Vielfalt.

Zur Person: Paul Carrack stammt aus Sheffield

Paul Carrack (68), in Sheffield (England) geboren, gründete 1970 seine erste Band. Später ging er zur Band Ace, schrieb und komponierte den Hit „How Long“. 1981 spielte er sein erstes Solo-Album ein. Als Studiomusiker wirkte er bei zwei Alben von Roxy Music mit. Mike Rutherford holte ihn 1985 als Keyboarder und Sänger zu Mike & The Mechanics („Silent Running“, „All I Need is a Miracle“). Mit Paul Young bildete Carrack das Gesangsduo der Mechanics. Carrack ist heute solo mit eigener Band unterwegs. Er hat ein eigenes Plattenlabel.

30. Auflage des Open Air im Kaiser-Wilhelm-Park 

Zum 30. Mal wird in diesem Jahr beim Open Air im Kaiser-Wilhelm-Park (KWP) im Stadtwald gefeiert. Das Programm soll am Freitag und Samstag, 16. und 17. August, junge und jung gebliebene Musikfans locken.

Mit Joris ist es den Veranstaltern vom Kulturamt gelungen, einen Star für den Festival-Freitag zu gewinnen. Mit Paul Carrack tritt am Samstag eine der wichtigsten Stimmen der vergangenen Jahrzehnte auf. Mit der Band „Tom Schreibers Blume“ und „On Air Reloaded – Das Boat People Projekt“ sind auch mittlerweile überregional bekannte Künstler und Gruppen aus Göttingen vertreten. Außerdem werden auch wieder die Gewinner der beiden Band-Wettbewerbe „Local Heroes Göttingen“ und „Rock am Kauf-Park“ auftreten.

Die Stadt hat sich auch in diesem Jahr für einen kostenlosen Bus-Shuttle-Dienst entschieden. Die Busse starten zwischen 18.45 und 2 Uhr im 15-Minuten-Takt und fahren an der Weender-Straße West, am Markt, am Kornmarkt, an der Jüdenstraße, an der Friedrichstraße und am Albaniplatz ab. Die Zufahrt zum KWP ist deshalb an beiden Festivaltagen für Privatfahrzeuge gesperrt.

Tageskarten kosten im Vorverkauf 25 Euro zuzüglich Gebühren und 30 Euro an der Abendkasse. Die Kombi-Karte ist für 40 Euro zuzüglich Gebühren im Vorverkauf und 50 Euro an der Abendkasse zu haben. Karten gibt es bei Tourist-Info, der Sparda-Bank und im Internet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.