Ängste abbauen

"Perspektive Wiedereinstieg Göttingen" wird weitere drei Jahre gefördert

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Kümmern sich um die Belange der Wiedereinsteigerinnen: Bärbel Okatz (rechts) und Susanne Berdelmann.

Im Landkreis Göttingen gibt es eine große Dunkelziffer: Viele Frauen könnten arbeiten, bleiben aber Zuhause, auch, weil sie nicht um die Hilfe beim Wiedereinstieg in den Beruf wissen.

Seit dreieinhalb Jahren gibt es die Beratungsstelle „Perspektive Wiedereinstieg Göttingen“ der Volkshochschule Göttingen-Osterode, die sich um Frauen kümmert, die auch nach der Familienphase den beruflichen Neustart planen. 

„In vielen Familien gibt es noch das traditionelle Modell. Der Mann ist Hauptverdiener, die Frau bleibt daheim, kümmert sich um Kinder, Haushalt und Pflege von Angehörigen und verdient manchmal etwas hinzu“, sagen Bärbel Okatz und Susanne Berdelmann, die sich um Betroffene kümmern. 

Bei ihnen bekommen die Frauen professionelle Unterstützung bei der Neuorientierung für den ersten Arbeitsmarkt. Die Erfahrungen der ersten Beratungsjahre sind positiv: Mehr als 500 Frauen aus Stadt und Landkreis Göttingen haben die konkreten Hilfen in Anspruch genommen. 

340 Betroffene bekamen so ein intensives Coaching. Noch wichtiger: Etwa die Hälfte dieser Frauen hat seither einen festen Job oder haben den Weg in die Selbstständigkeit gefunden. Etwa jede zehnte Frau nutzte eine weitere Möglichkeit, entschied sich danach für ein Studium oder eine Ausbildung. 

Schon jetzt ist klar: Das Projekt, das vom Bundesfamilienministerium und der Europäischen Union gefördert wird, kann weitere drei Jahre laufen. Eine Besonderheit hat die Geldgeber überzeugt: Als einziger niedersächsischer Standort bietet die Beratungsstelle Göttingen achtmonatige Kurse in Teilzeit an, die bisher von 190 Teilnehmerinnen absolviert wurden.

Oft müssen Ängste abgebaut werden

Ein großes Problem für viele Frauen ist bei der Jobsuche der erste Schritt. Bärbel Okatz und Susanne Berdelmann vom Projekt „Perspektive Wiedereinstieg Göttingen“ machen den Betroffenen Mut, diese schwierige Phase zu überwinden.

„Viele verlieren durch die lange Zeit Zuhause ihr Selbstbewusstsein. Deshalb versuchen wir, Ängste abzubauen“, sagt Okatz. So drehen sich manche Frauen angesichts der vielen Herausforderungen bei einem beruflichen Wiedereinstieg im Kreis. „Deshalb ist es wichtig, sich professionelle Unterstützung zu holen.“ Verzichten sie darauf, kann es Enttäuschungen geben. 

Das Problem: Viele Frauen wissen gar nichts von dem Göttinger Beratungs- und Unterstützungsangebot.

Und das ist oft ganz praktischer Art: So gibt es Tipps und Hilfe bei der Stellensuche, beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen und für das Bewerbungsverfahren. Außerdem wird zu Beginn mit den Betroffenen eine „Kompetenzbilanz“ erarbeitet und die persönlichen Ziele werden ebenfalls abgesteckt.

Auch Qualifikationen, die über privates Engagement gesammelt werden, könnten später genutzt werden. Ein Beispiel wäre die Organisation von Schulfesten. Die Erfahrungen könnten in einen Beruf im Veranstaltungsmanagement einfließen.

Ein spezieller Kurs, der jetzt zum fünften Mal läuft, ist auf hoch qualifizierte Frauen zugeschnitten. Dabei können die sie ihre Kenntnisse aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik auffrischen. Die Vermittlungsquote ist hoch: Nach Kurs vier lag sie bei 88 Prozent. Diese Fortbildung wird mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) angeboten. Meist sind die Hilfen für die betroffenen Frauen kostenlos, werden von der Agentur für Arbeit oder das Jobcenter über einen Bildungsgutschein gefördert.

Möglich sind auch Zuschüsse zu den Fahrtkosten sowie zur Kinderbetreuung. Über ein Modellprojekt kann auch für ein halbes Jahr ein Zuschuss für eine Haushaltshilfe gezahlt werden. Dabei sind zehn Euro pro Stunde möglich.

Die Erstberatung findet im VHS-Gebäude an der Bahnhofsallee in Göttingen statt. Termine für Interessierte gibt es innerhalb weniger Tage.   

Kontakt: Volkshochschule Göttingen-Osterode, Perspektive Wiedereinstieg Göttingen, Bahnhofsallee 7, 37081 Göttingen, Tel. 05 51/49 52 16.

vhs-wiedereinstieg.de

Kommentar von Thomas Kopietz

Wer lange aus dem Job ist, den plagen bei der Suche und vor beim Wiedereinstieg große Zweifel. Vor allem Frauen, die lange den Haushalt geschmissen und die Kinder über viele Jahre zu selbständigen Jugendlichen gemacht haben, stellen sich – völlig verständlich – Fragen: Schaffe ich die Arbeit überhaupt? Wie komme ich mit Kollegen und im Team klar? Hat sich in der Zeit der Pause der gelernte Beruf total verändert, kann ich das noch? Bin ich zu alt für den Wiedereinstieg? 

Deshalb ist Hilfe und Unterstützung wie im Projekt „Perspektive Wiedereinstieg Göttingen“ auch so notwendig wie wertvoll. Dass es nun drei Jahre weiterläuft, ist ein Segen. Nun gilt es für die Macherinnen, ihr Projekt noch bekannter und unentbehrlich zu machen. Dann werden sich Unterstützer finden. 

Wichtig sind auch die Frauen, die sich helfen lassen und die professionelle Orientierung und Job-Vorbereitung suchen, so ihre Zweifel an der eigenen Berufsfähigkeit vertreiben lassen wollen.

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