Retter für den kleinen Notfall

Pilot-Projekt in Niedersachsen soll Notfall-Sanitäter entlasten

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Entlastung: Gemeinde-Notfallsanitäter Alexander aus Vechta packt seinen Einsatz-Rucksack ein.

Oldenburg/Göttingen. Die Einsatzzahlen der Rettungsdienste steigen stetig. Doch nicht jeder Notruf ist ein Notfall. Damit die Rettungswagen nicht unnötig losfahren, sollen in Niedersachsen bald Gemeindenotfallsanitäter zum Einsatz kommen.

„Frau bewusstlos, Verdacht auf Kreislaufkollaps“. Nach diesem Notruf rückt sofort ein Rettungswagen aus. Mit Blaulicht und Sirene eilen Notarzt André Gottschalk und Kollegen zum Einsatzort, wo sie ihren vermeintlichen Notfall auf dem Sofa antreffen – mit Magenproblemen, aber ansonsten wohlauf.

Abhilfe für Notfallrettung

„Da stellt man sich schon die Frage: Was sollen wir eigentlich hier?“, sagt Gottschalk. Immer häufiger wird er zu Einsätzen gerufen, die keine Notfallrettung erfordern. Laut Stefan Thate, Einsatzleiter der Berufsfeuerwehr Oldenburg, sind das bis zu 30 Prozent der Einsätze. Sie kosten wertvolle Zeit, die möglicherweise für richtige Notfälle fehlt. Abhilfe schaffen sollen künftig sogenannte Gemeindenotfallsanitäter.

Die neuen Fachkräfte sollen zum Einsatz kommen, wenn der Patient nicht in Lebensgefahr ist, aber trotzdem medizinische Hilfe nötig ist. „Kollegen in der Leitstelle haben in diesen Fällen momentan keine andere Möglichkeit, als den Rettungswagen zu schicken“, sagt der Leiter des Malteser Rettungsdienstes in Oldenburg, Frank Flake. Er ist einer der Initiatoren des Pilotprojekts in Oldenburg und den Landkreisen Cloppenburg, Ammerland und Vechta.

Die ausgebildeten Sanitäter durchlaufen vom 1. September an eine dreimonatige Fortbildung, bevor sie 2019 ihren Dienst antreten.

Medizinische Alternative

Grund für das Projekt ist die steigende Zahl der Rettungseinsätze. Wenn jemand am Samstagabend die 112 wählt, weil sein Blasenkatheter gewechselt werden muss, könne man schlecht sagen, „beißen sie mal bis Montagmorgen die Zähne zusammen“, sagt Thate. Entweder wird dann ein Rettungswagen geschickt oder die Leitstelle entscheidet sich dagegen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht.

Den Patienten soll bei dem Pilotprojekt kein Nachteil entstehen. Die Einsätze werden zentral über die Leitstelle gesteuert, bei klassischen Notfällen kommt weiterhin der Rettungsdienst. Außerdem handelt es sich bei den Gemeindenotfallsanitätern um Rettungskräfte, die mindestens fünf Jahre Erfahrung im Dienst haben und bis zu ihrem Einsatz eine spezielle Weiterbildung erhalten. Nach vier Wochen theoretischer Ausbildung folgen acht Wochen Praxistraining. „Da werden verschiedene Szenarien trainiert und die Gemeindenotfallsanitäter über Schnittstellen und Abläufe informiert“, sagt Flake.

Weniger Kosten

Die Finanzierung übernehmen die Krankenkassen. Wie die Rettungsdienste hoffen auch sie, dass sich die Zahl der Einsätze reduziert. Denn die sind auch ein Kostenfaktor. Flake: „Mehr Einsätze bedeuten mehr Fahrzeuge und Personal, das benötigt wird.“ Allein ein neuer Krankenwagen koste bereits um die 200 000 Euro. Ein Gemeindenotfallsanitäter könne, anders als Rettungskräfte im Einsatzwagen, auch allein in einem kleineren Fahrzeug losfahren.

Wissenschaftlich begleitet

Initiatoren des Projektes sind die Berufsfeuerwehr der Stadt Oldenburg, der Rettungsdienst Ammerland, das Deutsche Rote Kreuz Cloppenburg sowie die Malteser aus Oldenburg und Vechta. Es wird vom Klinikum Oldenburg und den Unis Oldenburg und Maastricht wissenschaftlich begleitet. (dpa/ana)

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