75 Jahre Niedersachsen

Podiumsdiskussion zum Thema Forschung: Unis brauchen mehr Grundfinanzierung

Hörten UMG-Vorstandssprecher Wolfgang Brück aufmerksam zu: (von links) Joachim Kreuzburg (Sartorius), Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, Stefan Hell, Viola Priesemann und Claudia Wiesemann.
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Hörten UMG-Vorstandssprecher Wolfgang Brück aufmerksam zu: (von links) Joachim Kreuzburg (Sartorius), Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, Stefan Hell, Viola Priesemann und Claudia Wiesemann.

So spontan können Promis sein: Die Universität hatte zur Podiumsdiskussion zum 75. Landesgeburtstages geladen, und alle Eingeplanten kamen in die Uni-Aula.

Göttingen – Darunter waren Ministerpräsident Stephan Weil, Nobelpreisträger Stefan Hell und Sartorius-Vorstandschef Joachim Kreuzburg. Thema der Diskussion vor 130 Gästen: „Forschung in Niedersachsen, Forschung für Niedersachsen“.

Welche Herausforderungen stellen sich Forschenden, Lehrenden, der Uni, den Studierenden und dem Land? Wie können junge Firmen als Ausgründungen aus der Uni erfolgreich sein? Bevor es an die Suche nach Antworten auf diese Fragen in der von Benjamin Bühring geleiteten Diskussion gehen konnte, hielt Viola Priesemann den Einführungsvortrag. Die Physikerin am MPI für Dynamik und Selbstorganisation ging auch auf das Problem der falschen Berichterstattung über wissenschaftliche Erkenntnisse ein. Sie hat als Forscherin und zudem als oft gerufene TV-Expertin bittere Erfahrungen damit und mit heftigen Reaktionen in sozialen Medien gemacht. Die Medizinethikerin Claudia Wiesemann weist diesbezüglich darauf hin, dass es in Deutschland durchaus guten Journalismus gibt. Sie sagt auch: „Wir brauchen diese Mediatoren.“ Ganz wichtig sei zu erfahren: „Wie kümmert sich die Wissenschaft um die Bedürfnisse der Menschen.“ Das zu vermitteln gelänge in Deutschland noch ganz gut, in anderen Ländern nicht.

Die Diskutierenden sind sich weitgehend darüber einig, dass die Finanzierung der Hochschulen verändert werden muss: Eine höhere Grundfinanzierung schaffe auch für die Forschung bessere Bedingungen, fordert ein Mann, der weitgehend auf diese solide Basis setzen kann: Stefan Hell, Spitzenforscher am MPI für biophysikalische Chemie. Eine langfristige Basisfinanzierung mache mutige Forschung, die nicht erwartbaren Ergebnissen nachgehe, erst möglich. Hell spricht von Risiko-Forschung im positiven Sinne. „Die Lösung kommt oft aus einer Ecke, aus der man sie nicht erwartet.“

Unerwartet kam auch die Corona-Pandemie. Wie schnell außer- und inneruniversitäre Forscher reagieren können, dafür nennt Viola Priesemann ein Beispiel: „Der damalige Uni-Präsident hat schnell Leute aus verschiedenen Bereichen zusammengebracht, wir alle haben die unterschiedlichen Wissensbrocken zusammengetragen und waren eine der ersten Gruppen weltweit, die ein Paper zur Pandemieentwicklung publiziert hat.“ Glück sei gewesen, dass sie und ihr Team bereits Berechnungen im Computer hatten und fix auf die Corona-Virus-Ausbreitung anwenden konnten. Auch Priesemann wirbt für eine stärkere Grundfinanzierung der Unis. Nur dann könne man – auch in Krisenzeiten – so arbeiten, dass andere anderes zurückbliebe, Sei man von Drittmitteln abhängig, ginge das nicht.

Diskutierten über Forschung: Ministerpräsident Stephan Weil und Uni-Präsident Metin Tolan.

Apropos Finanzierung: Die AStA-Vorsitzend Pippa Schneider monierte die Etatkürzungen für die Unis durch das Land. So seien gar Studiengänge in Gefahr, die Bedingungen verschlechterten sich. „Wenn Wissenschaftlerinnen von Befristung zu Befristung rennen, dann kann das keine gute Forschung sein.“ Politiker Weil sagt in diesem Moment das, was ein Politiker sagen muss: „Die Ressourcen sind endlich.“ Lösungsvorschläge für eine bessere Uni- und Studienfinanzierung aber macht er nicht.

Metin Tolan geht darauf nicht ein. Während der Uni-Präsident vor Wochen die Kürzungen, die er mit dem Senat über unpopuläre und schmerzhafte Entscheidungen umsetzen muss, kritisierte, hält er sich nun gegenüber „Stargast“ Stephan Weil zurück. Er formuliert als Herausforderung, „die besten Köpfe nach Göttingen holen zu wollen“. Dazu brauche es ein attraktives Göttingen. Ihm persönlich gefalle es hier außerordentlich gut.

Kritischer ist Sartorius-CEO Joachim Kreuzburg. Die Stadt müsse attraktiv sein. „Unsere Perspektive ist eine andere als die der Forschungseinrichtungen. Ich höre oft: Wir kommen gerne zu Sartorius, trotz Göttingen.“ Für Kreuzburg und Hell ist besonders wichtig, die Ergebnisse aus der Forschung in der Stadt zu halten, neue Unternehmen zu gründen, Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze zu schaffen. Auch dabei zeigt Kreuzburg Defizite auf: „An den Unis findet Ausgründen jeder super – aber die Unis laufen eigentlich davor weg.“ Ein Blick ins Ausland, auch nach Israel, könne hilfreich sein. Immerhin: Hell und Kreuzburg, aber auch Stephan Weil, sehen in der Life-Science-Branche viel Potzenzial – für Göttingen, die Uni, die Region und das Land.

Vortragende: Viola Priesemann.

Eine der Herausforderungen, so das Podium, ist der Klimawandel. In der Aula ist er Thema aber nicht Schwerpunkt – dafür draußen vor dem Eingang, wo sich „Extinction Rebellion“ die Uni in die Verantwortung zwingt, sich massiver der Klimakrise zu widmen. Die Gäste der Diskussion müssen vorbei an den „Klimatoten“ am Eingang. Auch das bleibt haften.

Wie sagte doch der Ministerpräsident so treffend? „Der Klimawandel wird nur beherrschbar sein mit der Hilfe aller Erkenntnisse.“ (Thomas Kopietz)

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