Pogromnacht: Göttinger denken an jüdischen Fußballer Ludolf Katz

Göttingen. Mit einer Gedenkstunde erinnerten die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Stadt Göttingen am Synagogen-Mahnmal an die Pogromnacht des Jahres 1938.

Sonntagabend, kurz nach 18 Uhr. Dort, wo vor 76 Jahren in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Göttinger Synagoge brannte, haben sich mehrere hundert Menschen versammelt. Es herrscht bedächtiges Schweigen, als Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler die damaligen Gräueltaten der Nationalsozialisten verurteilt, sich auch im Namen der Stadt bei den Opfern entschuldigt und einen Bogen zu aktuellen extremistischen Organisationen wie den Islamischen Staat schlägt, „deren unheilvolles Treiben nicht geduldet werden darf“.

Aktualisiert um 17.02 Uhr

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen dann aber junge Menschen, die man nicht auf Anhieb mit diesem schwierigen Thema in Verbindung bringen würde: Fußballfans des SC Göttingen 05. Mitglieder der „Supporters Crew 05“ hatten sich im Vorfeld in Kooperation mit dem Verein für christlich-jüdische Zusammenarbeit auf die Spurensuche nach jüdischen Fußballern gemacht, die in der Zeit um 1930 ihrem Verein angehörten, und waren dabei neben vier anderen Namen auf Ludolf Katz gestoßen. Unter dem Titel „Ludolf Katz – ein Jude in Schwarz und Gelb“ schilderten sie die Geschichte des Mannes, der ein Kapitel Göttinger Fußballgeschichte mitgestaltet hatte.

Von seinen Leiden, als er am 28. März 1933 unter Schmerzen gekrümmt an seinem Esstisch sitzt, nachdem er zuvor von Angehörigen der SA in den Hinterhof getrieben und verprügelt worden war. Von seinem Rauswurf aus dem Verein, dem er lange angehört hatte. Von seiner Ausreise in die USA kurz vor der Reichspogromnacht 1938. Von der Deportation seiner Eltern in das Warschauer Ghetto im Jahr 1942, von wo sie nie mehr zurückkehrten. Und von seinem Tod am 14. August 1994 in Sarasota. „Jüdische Fußballer in Göttingen waren lange Zeit fast vergessen“, sagte einer der Redner. In den Jubiläumschroniken des SC Göttingen 05 sei das Schicksal der Mitglieder jüdischen Glaubens mit keinem Wort erwähnt.

„Der Verein hat seine Rolle im Dritten Reich nie hinterfragt.“ Erst Fußball-Autor Hardy Grüne habe sich erstmals mit dem Thema befasst. Da der Verein aber 2003 Insolvenz angemeldet habe und das Vereinsarchiv längst aufgelöst sei, hätten sich die Recherchen äußerst schwierig gestaltet, hieß es. Gedenktafel Am Mittwoch, 10. Dezember, wird um 19.05 Uhr eine Gedenktafel für Katz an der Außenwand des 05-FanRaums in der Oberen Maschstraße enthüllt. Zu diesem Anlass wird Fußball-Autor Dietrich Schulze-Marmeling aus seinem Buch „Davidstern und Lederball“ lesen. (per)

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