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Sie wollen keine Helden sein: Bombenentschärfer setzen ihr Leben aufs Spiel

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Von: Thomas Kopietz

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Die Experten vom Kampfmittelräumdienst haben einen heiklen Job. Sie entschärfen und sprengen Bomben und Granaten und leben mit der ständigen Gefahr.

Göttingen – Fünf verdächtige, möglicherweise hoch explosive Gegenstände in zehn Stunden freilegen, untersuchen und zu sichern – vor einer gemeinsamen Sprengung der fünf amerikanischen Fliegerbomben mit gefährlichen Langzeitzündern: Das ist drei Sprengmeistern plus erfahrenen Helfern aus dem Team des Kampfmittelräumdienstes Niedersachsen am Samstag in Göttingen gelungen. Eine großartige Leistung unter höchster Anspannung.

Hatte Thorsten Lüdeke am 8. Oktober 2021 bei dem Zufallsbombenfund im Alten Botanischen Garten noch alleine den Detonator, der die Hauptzündung auslöst, mittels gezielter Sprengung entschärft, so waren diesmal zwei erfahrene Kollegen dabei. Zu dritt arbeiteten sie zügig die fünf Verdachtspunkte ab, die sich allesamt als Weltkriegsbomben-Blindgänger herausstellten – mit Langzeitzündern, die nicht manuell zu entschärfen sind.

Bombenentschärfer setzen ihr Leben aufs Spiel – und bleiben dabei bescheiden

Sprengmeister Thorsten Lüdeke unterhielt sich mit seinen „Fans“ Bettina Köhler-Heine (rechts) und Sabine Niekamp.
Gespräch über den Zaun: Sprengmeister Thorsten Lüdeke unterhielt sich mit seinen „Fans“ Bettina Köhler-Heine (rechts) und Sabine Niekamp. © Stefan Rampfel

Um 21.35 Uhr dann die Zündung – zuerst drei Bomben gleichzeitig, dann mit jeweils einsekündiger Verzögerung je eine weitere. Ein spannender Moment auch für die routinierten, ja coolen Männer aus dem Team des Kampfmittelräumdienstes Niedersachsen: Hat alles wie geplant funktioniert? Sind alle Bomben detoniert? Können wir bald ins Bett, die Bewohner zurück in ihre Wohnungen und Häuser? Können Bahnstrecken und Straßen wieder frei gegeben werden?

Die Antwort auf all diese Fragen hängt an jenem Dreifach-Knall vom Samstagabend und den Folgen. Denn: Wie Oberbürgermeisterin Petra Broistedt kurz vor der Sprengung sagt, müssen zunächst auch alle Schäden an Häusern angeschaut und bewertet werden. „Wir können niemanden in ein einsturzgefährdetes Haus zurücklassen.“

Bomben-Unglück von 2010 in Göttingen hinterließ bei Lüdeke tiefe Spuren

Jede Detonation – besonders in Göttingen – aber lässt die Bomben-Experten vom Kampfmittelräumdienst auch ein wenig zusammenzucken. Den da ist diese „Sache“ von 2010 wie Thorsten Lüdeke sagt. Bei einem Einsatz – genauer der Vorbereitung – fast an gleicher Stelle auf dem Schützenplatz in Göttingen kamen drei Kollegen ums Leben, eine Bombe explodierte unerwartet.

Bei Lüdeke hat das Unglück tiefe Spuren hinterlassen, keine körperlichen, aber „vom Kopf her“, wie er in einem Interview sagte. Denn sein „bester Kumpel“ kam ums Leben. Die beiden wurden die „Zwillinge“ genannt. Weil sie auch am Wochenende fast nur zusammen etwas unternommen hatten.

Sie gehörten zu den Hauptakteuren bei der Bombenentschärfung am vergangenen Wochenende in Göttingen: Die beiden Sprengmeister Thorsten Lüdeke (links) und sein Kollege Marcus Rausch sind beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen beschäftigt.
Sie gehörten zu den Hauptakteuren bei der Bombenentschärfung am vergangenen Wochenende in Göttingen: Die beiden Sprengmeister Thorsten Lüdeke (links) und sein Kollege Marcus Rausch sind beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen beschäftigt. © Stefan Rampfel

Heikler Beruf: Bombenentschärfer leben mit der ständigen Gefahr

Lüdeke sagte auch: „Die Bilder verkraftet man nicht einfach so.“ Der robuste junge Mann brauchte Hilfe, um alles verarbeiten zu können: „Ich bin dann mal lieber ins Krankenhaus gegangen.“ Aus einem kurzen Aufenthalt wurden 16 Wochen. Das Verarbeiten gelang – teilweise. Heute sagt er nüchtern zur Katastrophe von 2010: „Die Bombe hat das gemacht, was sie machen sollte, bloß halt 70 Jahre später“.

Thorsten Lüdeke arbeitet weiter in seinem gefährlichen Beruf, hat seitdem zig Granaten und Bomben unschädlich gemacht. Ist er bei der Arbeit, dann hochkonzentriert. Es sei dann keine Zeit für andere Gedanken. Vorher und hinterher aber denkt er schon ab und zu nach. So auch bevor er im Oktober vergangenen Jahres nach Göttingen fuhr, um mit drei Kollegen die von einem Bagger auf einem Lastwagen abgeladen Bombe im Alten Botanischen Garten zu entschärfen. Damals habe es sich bewusster als sonst von zu Hause verabschiedet, weil er wusste, dass es eine knifflige war.

Grundsätzlich schützen die hochspezialisierten Bombenentschärfer ihre Erfahrung, Routine, die Wachsamkeit und das ständige Lernen. Man versuche sich, ständig weiter zu entwickeln und neue Entschärfungsmethoden einzuführen. Der Faktor Mensch sei aber nur bedingt zu verändern. Grundsätzlich müsse man zum Einsatz bereit, voll konzentriert bei der Sache sein. „Damit wir alle am Ende des Tages heile wieder nach Hause gehen.“

Eine Frage der Motivation: Bombenentschärfer wird man nicht wegen der Bezahlung

So war es auch am Montag in Göttingen. Die Männer vom Kampfmittelräumdienst haben ihren „so schön abwechslungsreichen“ Job gemacht, aber ohne viel Aufhebens - so wie oftmals zuvor. Gefeiert werden wollen sie dafür nicht. Das Vorab-Lob von zwei Frauen nahm Lüdeke am Freitag gerne, aber doch ein wenig verschüchtert entgegen. Gefreut hat er sich mit seinem Kollegen Rausch dennoch.

Als „Held“, wie eine Frau ihn betitelte, sieht er sich aber nicht. Freuen wird sich das Team dennoch über die Worte der Oberbürgermeisterin Petra Broistedt und Dezernent Christian Schmetz. Denn Lob ist wichtig, auch und gerade für Männer wie Thorsten Lüdeke, die ihren Beruf nicht zuallererst aufgrund der Bezahlung machen.

Man muss sicherlich ein bisschen bescheuert sein, damit man auf so etwas steht.

Sprengmeister Thorsten Lüdeke

Denn im Vergleich zu Verantwortung und Risiko – sie werfen ihr Leben in die Waagschale -, aber zu dem Wert für die Gesellschaft, ist die Arbeit hochgradig unterbezahlt. Wie sagte Thorsten Lüdeke einmal: „Man muss sicherlich ein bisschen bescheuert sein, damit man auf so etwas steht.“ Positiv bekloppt, würde man im Ruhrgebiet sagen. Hinter dem Ohr trägt Lüdeke nun auch ein Tattoo: Es ist eine kleine Bombe. (Thomas Kopietz, mit lni)

Ein Standpunkt von HNA-Redaktionsleiter Thomas Kopietz zu den erfolgreichen Bombenentschärfungen Ende Juli 2022 in Göttingen.

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