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Pralle Schauspielkunst im Stück „Jeeps“

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Silke (Tara Helena Weiß, von links), Gabor (Roman Majewski), Armin (Gerd Zinck) und Maude (Rebecca Klingenberg) auf der Bühne des DT in Göttingen beim Stück „Jeeps“.
Nichts ist, wie es scheint: Silke (Tara Helena Weiß, von links), Gabor (Roman Majewski), Armin (Gerd Zinck) und Maude (Rebecca Klingenberg). © Isabel Winarsch

Zum Spielzeitsstart zeigt das DT in Göttingen Nora Abdel-Maksouds Klassismus-Stück „Jeeps“.

Göttingen – „Die Verteilung von Eigentum ist offensichtlich nicht gerecht“, sagt Maude, die ewige Hartz-4-Empfängerin. Nicht ganz neu, die Erkenntnis. Äußert sie ein Sozialexperte, nicken alle – und keiner weiß, wie man es ändern soll.

Wenn das ernste Thema auf der Theaterbühne behandelt wird, amüsiert man sich, aber vielleicht bleibt ein klitzekleiner Stachel zurück. Das mag sich Nora Abdel-Maksoud beim Verfassen ihres noch nicht einmal ein Jahr alten Stücks gedacht haben, das am Samstag im Deutschen Theater in Göttingen Premiere hatte. Meera Theunert führte Regie und ließ alle Register praller Schauspielkunst ziehen.

Premiere im DT Göttingen: „Jeeps“

Was wäre, wenn Erbschaften verlost würden, wenn also jeder die Chance hätte, ohne Bezug zur eigenen Herkunft reich zu werden?

Und was, wenn das Jobcenter die Vergabe der Lose organisierte? Darum geht es in „Jeeps“, das sich allen Genrebeschränkungen entzieht: ein wenig Brecht’sches Theater, ein wenig Drama, viel Satire und Klamotte nicht zu knapp. Trotz des Wechsels zwischen rasanten Szenen, Rückblicken, Thesen ist es keine Schwierigkeit, dem Kammerspiel zu folgen, für das die Göttinger Bühne fast schon zu groß ist. Eine Sitzecke in der Wartehalle des Jobcenters, ein Schreibtisch mit Sitzball für den Sachbearbeiter, das reicht (Bühne: Laura Robert, Kostüme Gianna-Sophia Weise).

Vier Personen sind während der pausenlosen anderthalb Stunden fast ununterbrochen auf der Bühne. Da ist Maude, die alle Kniffe im Umgang mit der Behörde kennt.

Deutsches Theater: Neues Stück ist schnell, satirisch und zynisch

„Sie spricht fließend Amt“, wie Silke bewundernd sagt. Sie ist eine durch das neue Gesetz geprellte Erbin, die ihr Start-up „LIITA“ (Love Is In The Air) schon am Ende sieht. Airbags für Laptops ist ihre Geschäftsidee. Und da sind die beiden Herren vom Amt, Gabor und Armin: „Wir üben Herrschaft aus“.

Die Antagonismen also sind klar. Doch nichts ist, wie es scheint. Warum verbünden sich Maude und Silke, die gleichwohl nicht bereit wäre, etwas abzugeben? Ist Gabor wirklich „Der Unbestechliche“? Welche Rolle spielt Armin, der scheinbar so nette Kollege, der mehr im Kopf hat als nur Formulare und Vorschriften?

Das Stück nimmt Fahrt auf, wird schnell, satirisch, zynisch und endet unerwartet fatal. Gabors Jeep, sein Ein und Alles, jedenfalls hat nicht überlebt.

Premiere in Göttingen: Kraftakt für die Schauspieler

Für die zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler ist das Stück ein Kraftakt, und sie bestehen ihn mit Bravour. Rebecca Klingenberg spielt Maude mit allen Facetten ihres Könnens.

Für den „Jobcenter-Blues“ gab es Szenenbeifall. Tara Helena Weiß als Silke füllt die Rolle der Erbin zwischen Standesbewusstsein und Weinerlichkeit ebenso gut aus. Brillant auch Roman Majewski als der Hosenträger-Gabor, die Persiflage eines Beamten, der auch die Brechungen des wohlfeilen Klischees gut rüberbringt. Und Gerd Zinck als Armin spielt den Strippenzieher und Überblickbewahrer ruhig und überzeugend aus.

Wird der Stachel also ins „richtige Leben“ wirken? Man darf daran zweifeln, auch wenn der Beifall, darunter sicher vieler künftiger Erblasser, üppig ausfiel. (Johannes Mundry)

Wieder am 14., 18., 21., 26.10., Karten: Tel. 0551/49 69 30 0, dt-goettingen.de

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