Inszenierung im Jungen Theater

Premiere "Panikherz" in Göttingen: Ein Ritter der traurigen Gestalt

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Spielen gleichzeitig den Protagonisten: Jan Reinartz (links) und Andreas Krüger als Benjamin von Stuckrad-Barre. 

Göttingen. Das war eine reife Leistung von Intendant Nico Dietrich und seinem Team vom Jungen Theater Göttingen. Auf zwei Stunden verdichtet haben sie das 500 Seiten starke, autobiographische Werk „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre auf die Bühne gebracht.

Den herausragenden schauspielerischen Leistungen der fünf Darsteller und der rockigen Musik von Fred Kerkmann wurde berechtigt minutenlanger, begeisterter Applaus gespendet.

Das umfangreich aufgenommene Göttinger Lokalkolorit, von Stuckrad-Barre hat als Pastorensohn einige Jahre in Göttingen gelebt, trug noch sein Übriges dazu bei, das Publikum zu fesseln. Man begegnete dem unvergessenen Christoph Reisner wieder, als er noch nicht der große Macher des Literaturherbstes war, und erinnerte sich an das legendäre Konzert der Eschweger Rockband „The Bates“ 1994 zu Stuckrad-Barres Abiturfeier auf dem Schulhof des Max-Planck-Gymnasiums.

In einem rasanten Ablauf wird von Stuckrad-Barres Leben von der Zeit als gegen die Öko-Eltern rebellierender 12-Jähriger in Rothenburg/Wümme erzählt, von seiner prägenden Begegnung mit der Musik Udo Lindenbergs (herrlich parodierend dargestellt von Karsten Zinser), über die Göttinger Jahre als suchender Abiturient bis hin zu seinem kometenhaften Aufstieg als Musikjournalist in Berlin, Hamburg und Köln. In einer auch die kleinsten unappetitlichsten Details seiner Drogen- und Alkoholsucht und seiner Esstörungen wiedergebenden Nabelschau, die man in dieser Form selbst von besten Freunden nicht erfahren möchte, bekommen wir Einblick in das Leben des jetzt 43-Jährigen.

Warum sollte uns das interessieren? Um aus rein voyaristischen Gründen hinter die Fassade dieses ausgeprägten Narzisten blicken zu können? Oder kann er gar als warnendes Beispiel für eine aus dem Ruder geratene, wohl behütet aufgewachsene Jugend der 90er Jahre herhaltenden?

Wahrscheinlich greift beides nicht so recht. Denn der Mensch Stuckrad-Barre bleibt seltsam distanziert in dieser Inszenierung hinter den Schilderungen zurück. Immer wieder tritt er als Erzähler seines Lebens aus einzelnen Szenen heraus, kommentiert teils sarkastisch, teils ironisch und Lacher provozierend die einzelnen Lebensabschnitte und geht auch lapidar über das Scheitern diverser Entzugsversuche hinweg. Das schafft Distanz. Einzig das 12-jährige Kind (herrlich Katharina Brehl als Energiebündel) kommt uns nahe und wir bekommen eine Ahnung davon, wie die Enge des Pastorenhaushalts in der Kleinstadt, die immer politisch korrekten Eltern und schließlich das den Tagesablauf bestimmende, immer wiederkehrende Glockengeläut den Boden für die späteren Panikattacken des hochsensiblen, bewegungsfreudigen und phantasiebegabten Kindes bereitet haben mögen.

Alle fünf Schauspieler (neben Brehl und Zinser noch Agnes Giese, Jan Reinartz und Andreas Krüger) stellen wechselnd oder auch gleichzeitig den Protagonisten in allen Facetten und Lebenslagen dar. Die Vielschichtigkeit des Charakters von Stuckrad-Barre kommt hier intensiv zum Ausdruck, zeigt ihn als den ewig die gesellschaftlichen Grenzen Überschreitenden, der den eigenen Anspruch mit der Wirklichkeit nicht überein bringt.

Zurück bleibt der Eindruck eines Ritters der traurigen Gestalt, der zwar nicht gegen Windmühlen, aber auf der verzweifelten Suche nach Leben, selbstzerstörerisch gegen das eigene Leben vorgeht.

Insgesamt zwar eine unterhaltsame Aufführung, die jedoch hier und da bezogen auf die Ernsthaftigkeit des Stoffes an Tiefe vermissen lässt.

Weitere Aufführungen: 20., 28.3.; 13., 28.4.; 22.5. und 9.6.

Karten: 0551/495015, kasse@junges-theater.de

Von Carmen Barann

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