Dokumentarisches Stück

Premiere am Samstag: Enteignung von Göttinger Juden Thema im Deutschen Theater

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Die Darsteller: (von links) Moritz Schulze, Benedikt Kauff, Benjamin Kempf, Katharina Uhland und Frederik Schmid spielen in „Die Nutznießer – Arisierung in Göttingen“.

Göttingen. Ein dokumentarisches Theaterstück über die Enteignung jüdischer Familien in Göttingen gibt es ab dem 14. Januar am Deutschen Theater zu sehen.

„Die Nutznießer – Arisierung in Göttingen“ feiert am Samstag Uraufführung. Wir haben mit Regisseur Marcus Lobbes und Dramaturgin Sara Örtel gesprochen.

Wer hat das Stück geschrieben und inszeniert?

„Die Nutznießer“ ist ein Auftragswerk, geschrieben von der Berliner Autorin Gesine Schmidt. Inszeniert wird es von Marcus Lobbes, der zuletzt bei „Die lächerliche Finsternis“ in Göttingen Regie führte. Für die Dramaturgie zeichnet Sara Örtel verantwortlich. Für das Stück recherchierte Gesine Schmidt in Stadtarchiv, Stadtmuseum und im Landgericht Hannover.

Worum geht’s?

Das Stück handelt von der Enteignung jüdischer Geschäfte in Göttingen nach der Machtergreifung ‘33. Im Zentrum stehen unter anderem die Familie Hahn aus der Baurat-Gerber-Straße und die Familie Löwenstein, die einen Fleischerbetrieb hatte und in der Goethe-Allee lebte. Das Stück verfolgt ihre Schicksale bis zur Wiedergutmachung in den 50er-Jahren.

Worum geht’s wirklich? 

Im Kern des Stücks stehen Fragen wie: Wie schnell entsteht eine Zustimmungsdiktatur? Und wie leicht ist man selbst verführbar? Regisseur Lobbes führt ein Zitat aus dem Stück als zentral an: „Innerhalb von 24 Stunden ist das alles verflogen. Da gab es überhaupt keinen Widerstand.“

Was erwartet die Zuschauer? 

Geht man nach den Aussagen von Lobbes und Örtel wird der Besuch von „Die Nutznießer“ ein eher ruhiger Theaterabend – ohne Pathos, Rumgeschreie und überzogene Spannungsbögen. Vielmehr ist den Machern an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit diesem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte gelegen, die, laut Örtel, gerade heute wichtig sei. Man wolle, dass die Zuschauer in Dialog träten und im Bestfall die Frage diskutierten: Welche Bedeutung hat die politische Dynamik des dritten Reichs eigentlich heute noch für uns?

Wie sieht die Bühne aus? 

Das gesamte Stück soll mit bis zur Unidentifizierbarkeit chiffrierter Nazi-Propaganda unterlegt sein, die als sonores Störgeräusch aus einer mit unzähligen alten Lautsprechern bestückten Front ins Publikum rauscht. Diese Lautsprecherfront bewegt sich im Laufe des Stücks immer näher auf die Bühnenrampe zu, soll dadurch ein zunehmendes Gefühl der Enge suggerieren.

Wer spielt? 

Zu sehen sein werden die fünf jüngeren Ensemblemitglieder Benedikt Kauff, Benjamin Kempf, Frederik Schmid, Moritz Schulze und Katharina Uhland. Abwechselnd treten sie als Mitglieder der jüdischen Göttinger Familien Löwenstein und Hahn, aber auch als NSDAP-Kreisleiter, Bürgermeister und viele weitere Zeitzeugen in Erscheinung. Dabei geben sie spielend die Texte aus den Protokollen und Zeitzeugenberichten wieder.

Prognose 

„Die Nutznießer“ klingt nach schwerem Dokumentartheater mit politisch aktuellem Anspruch. Die Schauspieler fungieren mehr als Archivare des historischen Stoffs denn als greifbare Charaktere. Wer im Theater gerne lacht, wird hier falsch sein. Wer aber gewillt ist, sich mit sich selbst, seinem kulturellen Erbe sowie der Stadt und der Gesellschaft, in der er lebt, auseinanderzusetzen, den erwartet vermutlich ein eindringlicher Theaterabend, der noch lange nachwirken wird.

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