Deutsches Theater

Premiere von "Die Methode" in Göttingen: Kammertheater in der Tiefgarage

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Theatererlebnis im Auto: Rebecca Klingenberg erzählt als Mia über ihre Jugend mit dem rebellischen Bruder Moritz Holl. „Die Methode“ wird in der Tiefgarage des Deutschen Theaters in Göttingen aufgeführt.

Theater in der Corona-Krise: Dieses besondere Erlebnis gelingt dem Deutschen Theater in Göttingen – mit einer Anleihe beim Autokino.

Am Wochenende hatte „Die Methode“ nach Motiven des Romans „Corpus Delicti“ von Juli Zeh Premiere – in der Tiefgarage des Theaters. Die Zuschauer erleben das Stück im eigenen Wagen. Bereits bei der Vorpremiere wurde deutlich, dass mit der Auto-Variante das Pandemie-Problem elegant umgangen wird. Die Besucher erleben dadurch Theater im geschützten Raum.

„Die Methode“ steht dabei für eine Macht, die alle Menschen im Griff hat. Dagegen lehnt sich die Figur Moritz Holl auf: Der junge Wilde sitzt in einem US-Auto und hat eine verbotene Zigarette im Mund, aber gegen die Übermacht hat er keine Chance. Doch das macht ihm nichts aus: „Ich bin krank, aber frei“, so sein Credo.

Wie übermächtig „Die Methode“ ist, erfährt der Zuschauer im 15-Minuten-Takt bei den weiteren Stationen, die er während der Fahrt durch die Tiefgarage kennenlernt. Da ist die „systemrelevante Person“, die in einer Seilbahngondel aus dem Harz sitzt, und deutlich macht, wie sich ein Individuum zu verhalten hat.

Ein paar Meter weiter spricht der Verteidiger des Rebellen Holl. Er ergreift im besten Sinne Partei für Moritz Holl, der für den „Gesunden Menschenverstand“ stehe, und konstatiert, dass „Die Methode“ den Menschen den Garaus gemacht habe.

Trotzdem muss er am Ende einsehen, dass Argumente nichts nützen, und muss verkünden, dass Holl zur Höchststrafe, dem „Einfrieren auf unbestimmte Zeit“ verurteilt wird.

Und dann ist das noch die Schwester des Rebellen. Mia erinnert sich an die gemeinsame Jugend. Doch auch ihre Botschaft ist düster: „Der Schlaf wurde erfunden, damit wir uns Nacht für Nacht an den Tod gewöhnen können.“

Regisseurin Antje Thoms ist mit diesem Stück ein Spagat zwischen Kammertheater, das sich mit der aktuellen Krise auseinandersetzt, und den Corona-Auflagen gelungen. Dazu trägt auch das Bühnenbild von Florian Barth bei, das mit spannenden Details, wie einem Kirmes-Kassenhäuschen an der Einfahrt zur Tiefgarage überrascht.

Wie genau das Theaterstück wird, das weiß zu Beginn keiner: Denn für diese Inszenierung wurde das gesamte DT-Ensemble eingebunden.

Reizvoll wird das Theatererlebnis besonders dadurch, dass sich Schauspieler und Zuschauer direkt begegnen – nur durch die Autoscheibe getrennt, was den Zuschauer zur Interaktion animieren könnte.

Jede Rolle ist fünffach besetzt, damit bis in den Juni hinein jeden Abend vier Stunden lang alle 15 Minuten jeweils ein Auto mit Zuschauern in die Tiefgarage, die damit bereits zum dritten Mal bespielt wird, einfahren kann.

Deshalb ist es unvermeidlich, dass pro Abend nur etwa 16 Fahrzeuge mit Zuschauern Live-Theater erleben können. Dadurch sind die Plätze schnell ausgebucht, aber das sind sie auch beim Autokino. Trotzdem sollten sich Interessenten auf die Warteliste setzen lassen – es gibt immer wieder Chancen, einen der begehrten Einfahrtermine zu ergattern. Dabei gilt: Auf keinen Fall zu spät ins Theater fahren.

Bis 7. Juni, Termine/Karten bzw. Warteliste unter Tel. 0551/4969-300. 

Weitere Infos gibt es hier.

VON BERND SCHLEGEL

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