Neues Stück im Deutschen Theater

Premiere von „Mit dem Moped nach Madrid“: Vom Urlaub machen und anderen Sorgen

Ebbe in den Auftragsbüchern des Reisebüros: „Mit dem moped nach Madrid“ mit: Gaia Vogel (v. links), Daniel Mühe, Nathalie Thiede, und Gaby Dey.
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Ebbe in den Auftragsbüchern des Reisebüros: „Mit dem moped nach Madrid“ mit (von links) Gaia Vogel, Daniel Mühe, Nathalie Thiede, und Gaby Dey.

„Mit dem Moped nach Madrid“ heißt der schräge Bühnenspaß, mit dem das Deutsche Theater in Göttingen am Samstag auf dem Parkdeck hinter dem Haus eine erfolgreiche Open-Air-Uraufführung feierte.

Göttingen – Ziemlich apathisch wirkt die mutlose Belegschaft des Reisebüros Bon Voyage hinter ihren Schreibtischen. Die letzten Buchungen sind storniert, das Telefon ist stumm, die Nerven liegen brach. Pandemie ist angesagt und damit Ebbe in den Auftragsbüchern. Und nun? Frust schieben oder sich was einfallen lassen?

Die Laderampe wurde dabei zur Bühne. 130 Besucher mit ausreichendem Abstand hatten ihren Spaß. „Eine Hommage an das Fernweh“ nennen es Regisseurin Antje Thomas und Komponist, Produzent und Texter Jan-S. Beyer, der für die musikalische Leitung verantwortlich zeichnet. Zusammen mit dem Multiinstrumentalisten Tobias Vethake setzte er auch live die musikalischen Akzente, schaltete sich aber auch in die Spielszenen ein. Zum Beispiel als Anheizer: „ Los, lasst uns jetzt alle Zusammen unser Lied singen.“

Und die Büro-Crew? Die bleibt – zur Freude des Publikums lethargisch, lässt sich weder durch gemeinsame Gymnastik, noch durch Meditation oder neu kreierte Slogans motivieren. Das Stimmungsbarometer sinkt sogar noch weiter. Denn neben dem Frust über die schlechte Geschäftslage schleichen sich auch noch Erinnerungen ein, brechen alte Wunden auf. Zum Beispiel bei Rudi Maria Kron (Paul Wenning glänzend als Spötter und Charakterfigur), der in jungen Jahren Reiseleiter auf einem Luxus-Dampfer war und sich im Büro breit macht, als gehöre er zum Inventar. Ähnlich gestrickt ist auch Frau Möller, die Leiterin (Gaby Dey) – großartig als Dauernörglerin: „Ich brauche keine Ferien, keine Fremden, die mich nicht verstehen.“ Auch bei ihrem Team entladen sich Frust und Enttäuschungen, wird alles, was mit Urlaub zu tun hat – alte Ansichtskarten, Urlaubsorte wie Ibizza, Urlaubsflirts und Liebesschritte am fernen Strand – zum Aufhänger für das eigene Unglück.

Schräg und witzig kommen die Kommentare rüber, schräg und witzig bringen die Darsteller auch die vielen Gassenhauer und Ohrwürmer, die den Dialogen Würze geben. Mit Stimme können zwar nicht alle glänzen, aber bei dieser Hitliste ist das auch gar nicht nötig. Stücke wie „Hotel California“, „Über den Wolken“ ,“ Ich war noch niemals in New York“ oder „Mit dem Taxi nach Paris“ heizen auch als Fragmente ein.

Obwohl viel getan wird, um die Besucher zum Lachen, Mitsingen und Schmunzeln zu bringen, setzt die Inszenierung nicht nur auf Klamauk. Ein guter Schuss Melancholie fehlt ebenso wenig wie Szenen mit menschlicher Tiefe. Ob das Reisebüro und seine liebenswert verrückte Belegschaft aus der Krise wieder herausfindet und was in der mannshohen Kiste steckt, die gegen Ende des Stückes auf die Bühne gehievt wird, sei hier nicht verraten. Wohl aber, dass die spritzige Darstellerriege zu Recht mit viel Applaus verabschiedet wurde. (Steve Kuberczyk-Stein)

Neues Stück: „Mit dem Moped nach Madrid“

Es spielen: Gaby Dey, Daniel Mühe, Katharina Müller, Andrea Strube, Nathalie Thiede, Christoph Türkay, Gaia Vogel, Paul Wenning.

Bühne und Kostüme: Florian Barth, Dramaturgie: Matthias Heid.

Weitere Termine am 15.,20., 22., 24,. 29., 30. Juni, jeweils 20 Uhr, Karten: Tel. 0551 / 49 69-300.

Weitere Infos gibt es hier.

Von Steve Kuberczyk-stein

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