Theater im OP

Premiere von "Taschenspieler": Begegnung mit der Tasche des Lebens

+
Szenenbild aus Taschenspieler: (von links) Anja Kramer tritt als Dia auf, Anja Kütemeyer als Ida und Martin Liebethruth als Adi.

Göttingen. „Taschenspieler“ – sein sechstes Stück hat der Göttinger Jürgen Stenzel im Theater in OP (ThOP) auf die Bühne gebracht. In den Sommerferien hat der Philosophielehrer die absurd-komische Menage-à-trois geschrieben.

Bei der Premiere sind die Zuschauer gut amüsiert, aber auch nachdenklich aus dem gut gefüllten Universitätstheater nach Hause gegangen.

Unerwartet trifft Ida (Anja Kütemeyer) den Mann Adi (Martin Liebetruth). Der tritt einfach ungefragt in ihr Leben. „Ich war zuerst da, sie müssen gehen“, versucht sie, sich seiner Existenz zu erwehren. Doch nicht nur er kommt. Die Dritte ist Dia (Anja Kramer), die sich noch nie ernstgenommen fühlte.

Doch was fehlt, ist Idas Tasche. „Ohne sie bin ich nichts“, sagt sie verzweifelt. Mit einem lauten Knall fällt die Tasche vom Himmel. Sie ist sorgfältig mit Ketten und Schlössern gesichert. Die Zusammengeworfenen stellen fest: Jeder hat einen Schlüssel zu der Tasche. Nur das letzte Schloss muss Adi mit dem Bolzenschneider knacken.

Tasche ist leer

Und Ida stellt fest: Die Tasche ist leer. „Ich war mir sicher, dass sie das Wichtigste enthält. […] Mein Leben hat keinen Sinn mehr“, lamentiert sie. Die Tasche, mit Ketten und Schlössern gesichert, wird zum Zeichen für das Gepäck des Lebens. Was ist das Leben? – das ist eine der Fragen, die sich wie ein Gummiband durch das Stück ziehen. Was ist das Leben? Wie will ich leben? Was ist es, was mein Leben wirklich ausmacht?

Die Wege der drei Taschenspieler treffen völlig unvermittelt aufeinander. Die so Verbundenen verstehen einander nicht, dennoch können sie sich nicht wieder trennen. Schon im Bühnenraum wird das deutlich: Die drei in den Raum geworfenen Figuren sind in einem Netz von Bändern eingeschlossen.

Sie verbringen eine gemeinsame Nacht, entschließen sich, gemeinsam weiterzumachen. Sie erzählen von traumatischen Erlebnissen, die ihr Leben in entscheidender Weise bestimmten. Wie Abdrücke im Sand hinterlassen sie Spuren. Sind es diese Spuren, die ihr Leben ausmachen?

Mehrere Komponenten

Noch tiefergehend ist die Frage, ob die drei Figuren auf der Bühne tatsächlich drei Menschen darstellen sollen. Auffällig sind schon ihre Namen: Ida, Adi und Dia. Drei Buchstaben, geschüttelt. Verbergen sich hinter diesen drei Namen nicht vielmehr Facetten einer Person: die nachdenkliche, die ewig unzufriedene, die spielerische Komponente?

Wie bei „Warten auf Godot“ gibt der Autor keine Lösung. Den Figuren bleibt nichts als weiterzumachen, sich in die ungeklärte Situation ihres Lebens schlichtweg einzufügen. Die Darsteller Anja Kütemeyer, Anja Kramer und Martin Liebetruth bringen das Gedankenspiel über fast anderthalb Stunden mit eindringlicher Präsenz auf die Bühne.

Weitere Vorstellungen von „Taschenspieler“ am 13., 14. 20., 21., 23., 24., 27. und 28.2., jeweils um 20.15 Uhr. Karten per E-Mail unter theaterkarten@gmail.com.

Weitere Infos gibt es im Internet.

Von Ute Lawrenz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.