Dieter Fröchtenicht analysierte die Situation

Probleme bei der Jugendfeuerwehr: „Die Unfallkasse ist streng“

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Die Jugendfeuerwehr aus Barlissen bei Jühnde in Aktion: Der überwiegende Teil der Aktiven in den Einsatzabteilungen kommt aus dem Jugendbereich. Foto:

Rosdorf. Zahlreiche Freiwillige Feuerwehren in Südniedersachsen haben Nachwuchsprobleme. Mit den Schwierigkeiten beim Übergang von der Jugend- in die aktive Wehr hat sich Dieter Fröchtenicht aus Rosdorf befasst. Er war Jugendreferent bei der Niedersächischen Jugendfeuerwehr.

Warum sind Jugendliche, die aus dem Jugendbereich in die Einsatzabteilung übertreten, so wichtig für die Freiwilligen Feuerwehren?

Dieter Fröchtenicht: Die Freiwilligen Feuerwehren sind eine Pflichtaufgabe der Kommunen. Der überwiegende Teil der Aktiven kommt aus Jugendfeuerwehren. Um die Einsatzfähigkeit der Feuerwehren zu erhalten, ist dieser Nachwuchs unbedingt notwendig. Derzeit tritt in Niedersachsen nur etwa einer von drei Jugendlichen in die aktiven Wehr über. In Hessen ist die Quote ähnlich.

Warum klappt der Übertritt nicht mehr so reibungslos wie noch vor 25 Jahren?

Fröchtenicht: Den Jugendlichen wird auch auf dem Land ein deutlich größeres Spektrum an Freizeitmöglichkeiten geboten. Die Jugendlichen werden durch die Schule deutlich stärker gefordert als früher. Viele besuchen zudem Ganztagsschulen. All das schränkt die Freizeit ein. Zum Zeitpunkt des Übertritts mit 17 oder 18 Jahren müssen viele Entscheidungen für die weitere Zukunft fallen. Da fällt die Feuerwehr manchmal hinten runter.

Welchen Handlungsbedarf sehen Sie bei den Jugendfeuerwehren?

Fröchtenicht: Die Jugendlichen sollten frühzeitig auf den aktiven Dienst vorbereitet werden. Außerdem sollten Patenschaften von aktiven Mitgliedern für Jugendliche übernommen werden. Schon mit 16 Jahren können Jugendliche in den Einsatzabteilungen hospitieren. Es wird mehr Interesse geweckt, wenn die Jugendlichen beispielsweise beim Abstreuen einer Ölspur dabei sein dürfen.

Wie sieht es mit den Hospitationen in der Praxis aus?

Fröchtenicht: Das geschieht äußerst selten. Ein wichtiger Grund dafür ist die Zurückhaltung der Verantwortlichen wegen der Unfallverhütungsvorschriften.

Was heißt denn das ganz konkret?

Fröchtenicht: Die Feuerwehrunfallkasse Niedersachsen und die Brandschutzgesetzgebung des Landes machen sehr strenge Vorgaben, die das Mitwirken bei Einsätzen weitgehend ausschließen. Die Bundesunfallkasse, die für das Technische Hilfswerk (THW) zuständig ist, macht da weniger Probleme.

Welche Unterschiede gibt es zu anderen Hilfsorganisationen, zum Beispiel zum Technischen Hilfswerk (THW)?

Fröchtenicht: Die praktische Ausbildung ist dort viel intensiver. Die Jugendlichen dürfen deutlich mehr machen – zum Beispiel Stege aus Holz bauen oder Lastwagen mit Hilfe eines Hebekissens anheben. Natürlich dürfen beim THW auch die erforderlichen Geräte, zum Beispiel Bohrmaschinen, verwendet werden.

Wie sieht die Zukunft der Jugendfeuerwehren in zehn Jahren aus?

Fröchtenicht: Die Jugendfeuerwehren bleiben für viele Mädchen und Jungen attraktiv. Das vielseitige Freizeitangebot mit Vorbereitung auf die Feuerwehr spricht gerade auf dem Land viele junge Leute an. Aufgrund des demografischen Wandels werden die Mitgliederzahlen weiter sinken.

Wie sieht es mit der ehrenamtlichen Arbeit in den aktiven Feuerwehren aus?

Fröchtenicht: Die Zahl der aktiven Feuerwehrleute wird weiter sinken. Gleichzeitig nehmen die Einsatzzahlen zu. Da die Feuerwehr eine gesetzliche Pflichtaufgabe ist, werden die Kommunen die ehrenamtlichen Mitglieder in den Wehren noch stärker als bisher unterstützen müssen. Denkbar sind Zuschüsse zum Führerschein oder der freie Eintritt in Einrichtungen der Gemeinde, zum Beispiel das Freibad.

Neuerscheinung: Dieter Fröchtenicht, Übergang von der Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung, Verlag Kohlhammer, 82 Seiten, broschiert, 13 Euro, ISBN 978-3-17-0321793.

Zur Person

Dieter Fröchtenicht, Jahrgang 1947, arbeitete 27 Jahre als Jugendbildungsreferent beim Landesfeuerwehrverband. Der gelernte Feinmechaniker und Konstrukteur hat eine abgeschlossene Erzieherausbildung und absolvierte anschließend eine pädagogische Ausbildung. In seiner Freizeit segelt der Familienvater gern und fährt Ski. Seit 25 Jahren ist er Vorsitzender des Fördervereins der Jugendfeuerwehren in der Gemeinde Rosdorf.

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