Interview mit Vorstandssprecher der Göttinger Uni-Klinik

Professor Heyo Kroemer über Ärztemangel auf dem Land und die Medizinerausbildung 

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Heyo K. Kroemer ist Vorstandssprecher der Universitätsmedizin Göttingen 

Landarztmangel, Facharztschwund: Was ist zu tun in der Medizinerausbildung? Wir sprachen darüber mit dem Vorstandssprecher der Universitätsmedizin, Prof. Dr. Heyo K. Kroemer.

Die Medizinerausbildung steht vor einem Wandel. Was muss geschehen?

Zunächst einmal: Wir bilden in Deutschland pro Jahr 10 500 Ärzte aus, das ist in Relation zu anderen Ländern, sehr, sehr viel. Dazukommen noch einmal 4000 Ärzte, die aus dem Ausland zu uns kommen. Es gibt also Nachwuchs.

Warum fehlen sie in Fachrichtungen und Bereichen?

Das ist von strukturellen Problemen abhängig und von Versorgungsfragen. Kurzum: Die Politik muss erkennen, dass die Versorgung der ländlichen Räume medizinisch nur bedingt gewährleistet ist. Der Mangel resultiert aus internen Faktoren: 65 Prozent der Medizinstudierenden sind Frauen. Grund: Sie erfüllen im Schnitt öfter als junge Männer die hohen Numerus-Clausus-Anforderungen. Das Ergebnis sieht am Ende so aus: Als Ärztinnen arbeiten sie später oft nicht zu 100 Prozent.

Warum wollen junge Mediziner nicht aufs Land?

Auch da liegt ein Grund im System: Im Studium trimmen wir die Leute drauf, zusammenzuarbeiten, im Team und interdisziplinär mit Kollegen aus anderen Fachbereichen. Nun sollen sie am Ende des Studiums plötzlich allein kämpfender Arzt in einer Praxis auf dem Land sein.

Aber die Arbeit bietet auch Dinge wie Nähe zu Patienten, Unabhängigkeit...

Nun, die meisten wollen heute ein geregeltes Einkommen haben, mit festen Arbeits- und Urlaubszeiten, nebenbei vielleicht noch forschen und lehren. Viele scheuen auch das wirtschaftliche Risiko als alleiniger Praxisinhaber.

Wie bekommen wir mehr Mediziner in Landarztpraxen?

Vorbildlich kann ein System mit interdisziplinären Versorgungszentren sein. Dabei arbeiten drei bis vier Ärzte aus verschiedenen Disziplinen unter einem Dach zusammen und sind bei einer zentralen Institution angestellt. Das würden sich heute viele junge Mediziner wünschen, sie hätten einen Austausch, könnten Kosten teilen und hätten ein breites Wissensspektrum bei der Behandlung von Patienten. Diese Poli-Klinik wären dort, wo sie gebraucht würden und nicht dort, wo eine Kassenärztliche Vereinigung denkt, dass sie gebraucht werden könnten. Die Poli-Klinik macht auch Sinn, weil auf dem Land viele alte Menschen leben, die nicht nur eine Krankheit haben.

Politiker hatten die Idee, mit Geld Druck auszuüben, um mehr Landärzte zu gewinnen.

Wenn wir keine Mediziner fürs Land finden, zwingen wir sie mit Geld. Beispiel: Da verpflichtet sich ein Student früh zur Landarztkarriere, entdeckt später im Studium aber ein spannenderes Feld, eventuell sogar sein Talent in der Forschung, für sich, muss für ein Umentscheiden aber 160 000 Euro Strafe zahlen. Das ist ungerecht.

Wie kann der Ärztebedarf ermittelt werden?

Es bedarf einer klaren Analyse des Ist-Zustandes und einer Prognose. In Südniedersachsen wissen wir genau, wie viele Menschen hier leben und leben werden. Wir kennen die Krankheitsbilder und Häufigkeiten sehr genau. Wir kennen den ärztlichen Bedarf. Dann legen wir fest: Wen brauchen wir wo für die stationäre und fachärztliche Versorgung. Das ist möglich, der Staat muss aber dafür die Führung übernehmen – denn es ist eine Daseinsvorsorge-Aufgabe. Aktuell aber wird es dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Hier in der Göttinger Uni-Klinik müssten nicht alle versorgt werden, das könnte auch in kleineren Häusern geschehen.

Zur Person

Prof. Dr. Heyo K. Kroemer (59), machte in Aurich sein Abitur, studierte Pharmazie in Braunschweig, promovierte in Stuttgart, war Lehrstuhlinhaber für Pharmakologie in Greifswald. Seit 2012 ist er Vorstandssprecher der Göttinger Uni-Klinik, wechselt aber im September als Vorstandschef an die Berliner Charité.

Als Student in der Hausarztpraxis arbeiten

Vincent Lubbe zieht es aufs Land: Er ist angehender Arzt und hat sich verpflichtet, später als „Landarzt“ zu arbeiten. Auch er ist Resultat des Bemühens der Landesregierung, die Lücke im System der Hausärzte auf dem Land zu schließen. Für Vincent Lubbe ist die Arbeit dort ein Traumjob: „In der Landarztpraxis kommt man mit allen in Kontakt.“ 

Dem 24-jährigen Medizinstudenten aus Hannover winken – wie seinen Kommilitonen – viele freie Stellen, auch, weil viele Praktizierende ausscheiden: Bis 2030 gehen etwa 2000 Hausärzte in den Ruhestand, schätzt die Kassenärztliche Vereinigung (KVN). Schon jetzt seien mehr als 350 Hausarztsitze unbesetzt – besonders um Bremerhaven, Buchholz (Nordheide), Leer, Meppen und Nordhorn. 

Mit einem Stipendium macht die Landesregierung seit 2016 angehenden Medizinern eine Offerte. Studierende erhalten für maximal vier Jahre 400 Euro im Monat für die Arbeit. Gleichzeitig verpflichten sie sich, ihren Facharzt in Allgemeinmedizin in Niedersachsen zu machen. Danach arbeiten die Stipendiaten so lange als Hausarzt in einer ländlichen Region – außerhalb von Städten mit 100 000 Einwohnern – wie sie Geld erhalten haben. 

Engagement als Tutor 

Vincent Lubbe möchte später als Hausarzt im Raum Hannover praktizieren. Deshalb bewarb er sich für das 2016 gestartete Förderprogramm. Das Landes hatte das Geld von 96 000 auf 340 000 Euro pro Jahr angehoben. Das reiche laut Gesundheitsministerium für 60 Stipendiaten, bislang werden 36 Studierende gefördert. Damit Vincent Lubbe nicht unvorbereitet in die Hausarzt-Praxis geht, nutzt er die Vorbereitung auf den Praxisalltag in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), wo seit 2012 Studierende das „Skills Lab“ nutzen können. Dort engagiert sich Lubbe als Tutor, wie beim Kommunikationstraining. 

Im Praktikum in einer Hausarztpraxis habe er gemerkt, wie wichtig das Gespräch für Arzt und Patienten sei. Der Student, der sich selbst als kommunikativ beschreibt, möchte, dass sich seine Patienten später bei ihm aufgehoben fühlen. Ein Grund mehr für ihn, sich auf dem Land niederzulassen. Dort behandele ein Arzt Menschen oft über einen langen Zeitraum. Bis Lubbe in den Alltag einer Hausarztpraxis eintauchen wird, dauert es noch: Nach dem Abschluss 2020 beginnt er – wie es das Stipendium vorsieht – eine fünf- bis sechsjährige Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. 

Die Förderung über das Stipendium hält Lubbe für eine „tolle Unterstützung“, für die, die klar ist, dass sie Landarzt werden wollen. Generell aber sollten Medizinstudenten die Wahl der Fachrichtung nicht von finanziellen Anreizen abhängig machen. (mit dpa)

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