Präsidentschaft auf Zeit ist beendet

Professor Jahn: Die Uni Göttingen muss sich dynamisch erneuern

Prof. Dr. Reinhard Jahn
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Kam als Moderator und Lenker in schwierigen Zeiten an die Uni Göttingen: Prof. Dr. Reinhard Jahn war für gut ein Jahr lang Interimspräsident.

Reinhard Jahn (70) hat für gut ein Jahr seine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie gegen die Arbeit als Präsident der Uni Göttingen getauscht.

Göttingen – Zum Abschied sprachen wir mit ihm über den Weg der zuvor krisengeschüttelten Uni.

Herr Jahn, es gibt noch keinen neuen Präsidenten, warum gehen Sie schon?
Ich habe meine Amtszeit von vorneherein auf etwa ein Jahr begrenzt, um meine Forschungsgruppe nicht zulange allein zu lassen. Die Suche nach einem neuen Präsidenten oder einer neuen Präsidentin ist auf einem guten Weg – wenn alles nach Plan verläuft, wird mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin bereits im Januar gewählt.
Was waren die Herausforderungen für Sie als Chef dieser großen Universität?
Am Anfang war es am wichtigsten, nach den Zerwürfnissen 2019 Ruhe in die Uni zu bringen und dabei mitzuhelfen, dass man wieder miteinander redet und dass gegenseitiges Vertrauen entsteht. Dann hat uns die Corona-Krise kalt erwischt. Diese Krise zu managen kostet nach wie vor viel Zeit. Wenig erfreulich war auch der Willkommensgruß des Landes zu meinem Amtsantritt: Etatkürzungen in Millionenhöhe, deren Umsetzung die dringende strategische Weiterentwicklung der Universität nachhaltig behindern wird.
Was hat die Corona-Krise negativ bewirkt?
Sie hat meine Amtszeit wesentlich geprägt, und andere Projekte, die ich angehen wollte, sind auf der Strecke geblieben, darunter neue Konzepte für die weitere Entwicklung der Fakultäten oder eine Reform unserer Berufungsverfahren. Auch ist es viel schwerer, Konflikte aufzuarbeiten, wenn man sich nur im digitalen Mäusekino statt bei einem gemütlichen Glas Wein treffen kann – das habe ich als ein großes Handicap empfunden.
Was haben Sie erreicht?
Die Stimmung ist deutlich besser als vor einem Jahr, auch wenn nicht alle Konflikte aufgearbeitet sind. Meine Kolleginnen und Kollegen waren wieder sehr erfolgreich beim Einwerben von Drittmitteln. Auch bei den Vorbereitungen auf den nächsten Exzellenzwettbewerb sind wir ein gutes Stück weitergekommen. Die Erfolgschancen sehe ich durchaus optimistisch.
Wie steht die Uni Göttingen da? Sie sprachen bei ihrem Abschied von einer starken Universität...
Trotz des erlittenen Reputationsschadens zuvor ist die Uni in allen Rankings nach wie vor eine der leistungsstärksten Universitäten in Deutschland und die unangefochtene Nummer eins unter den niedersächsischen Hochschulen. Dazu kommen die außeruniversitären Spitzeninstitute des Göttingen Campus, die wesentlich zur internationalen Reputation unseres Forschungsstandortes beitragen.
Vor welchen großen Problemen steht die Georgia Augusta?
Wir benötigen eine gute Strategie, um die Universität für die Zukunft in einer sich rasch verändernden Welt aufzustellen. Sie muss uns in die Lage versetzen, uns kontinuierlich und dynamisch zu erneuern. Wir müssen agiler werden und schneller auf Veränderungen reagieren, ohne dabei die Verankerung in unseren Stärken aufzugeben.
Protestierende Menschen sagen: Für das Forum wird viel Geld verblasen, es wäre wichtiger, dieses in die Lehre und Forschung zu investieren...
Das Forum Wissen ist ein in Deutschland einzigartiges Leuchtturm-Projekt mit außerordentlichem Potenzial. Gerade in Zeiten, in denen das Vertrauen in die Wissenschaft sinkt und die Grenzlinien zwischen wissensbasierten Fakten und Fake News immer mehr verwischen, wollen wir das Forum nutzen, um einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu ermöglichen und die Gesellschaft an der Entstehung von Wissen teilhaben zu lassen.
War der Plan eine Nummer zu groß für die Uni?
Die Uni hatte sich mit dem Projekt finanziell übernommen. Wie häufig bei der Sanierung denkmalgeschützter Gebäude waren die Baukosten wesentlich höher als zu Anfang avisiert. Noch vor wenigen Monaten war die Perspektive ziemlich finster: Wir wussten nicht, wie wir die noch fehlenden Millionen hätten stemmen können. Glücklicherweise stellten kürzlich Bund und Land großzügige weitere Finanzhilfen in Aussicht, die es uns hoffentlich erlauben werden, das Projekt nicht nur fertigzustellen, sondern auch zu betreiben. Das wäre ohne die Unterstützung durch den Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann, der sich bis zu seinem Tod unermüdlich für das Projekt eingesetzt hatte, nicht möglich gewesen. Zu seinen Ehren werden wir das eingebundene Kulturforum nach ihm benennen.
Wenn Sie diese Uni betrachten: Ist auf Dauer dieses Riesenangebot zu erhalten, oder muss sie konzentriert werden?
Gerade in der heutigen Zeit, mit immer schnelleren Veränderungen, halte ich das Konzept einer universellen Forschungs- und Bildungsinstitution für richtig. Das schließt nicht aus, dass man in Bereichen Schwerpunkte bildet. Diese werden aber von den Forscherpersönlichkeiten gestaltet und nicht ‘von oben‘ verordnet, und sie können und sollen sich über die Zeit verändern. Nur so behalten wir die Flexibilität, auf die noch unbekannten Anforderungen der Zukunft angemessen reagieren zu können.
Ist die Organisations- und Verwaltungsstruktur der Uni noch zeitgemäß – was muss sich ändern?
In den vergangenen Jahren ist die Göttinger Uni auf dem Weg zu mehr Dienstleistung, Effizienz und „Kunden-freundlichkeit“ gut vorangekommen. Ich sehe durchaus noch Potenzial für Verbesserungen der Prozesse und Abläufe, so durch effizientere Projektsteuerungen, die nicht selten durch die klassischen Verwaltungshierarchien behindert werden. Leider macht uns die ständige, typisch deutsche Erhöhung der Regelungsdichte und die zunehmende Flut von Berichtspflichten das Leben schwerer – sie ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Verwaltungen personell schneller wachsen als die Lehr- und Forschungsbetriebe.
Wie fällt Ihr Fazit aus – positiv wie negativ?
Es war eine Ehre, für ein Jahr diese hervorragende Universität leiten zu dürfen. Sie ist trotz ihrer Misserfolge in der Exzellenzstrategie sehr leistungsstark. Auch wenn der Corporate Spirit immer noch nicht ganz zum alten Glanz zurückgefunden hat, kann die Uni mit mehr Stolz und Gelassenheit in die Zukunft schauen – „zum Wohle aller“, wie das Leitmotiv der Georgia Augusta so treffend sagt. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Prof. Dr. Reinhard Jahn

Prof. Dr. Reinhard Jahn (70) wurde in Leverkusen geboren. Der heutige Zell- und Neurobiologe war lange Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, der Nobelpreisträgerschmiede in Göttingen, wo er noch heute eine Arbeitsgruppe führt. Von Dezember 2019 bis Ende 2020 leitete er übergangsweise als Präsident die Georg-August-Universität Göttingen. Reinhard Jahn studierte Biologie und Chemie, wurde 1981 in Göttingen promoviert. Er forschte und arbeitete auch an der Yale- und an der Rockefeller University (USA), an einem MPI in München. Im Team brachte er die neurobiologische Zellforschung voran. Jahn erhielt zahlreiche renommierte Preise, so den Leibniz-Preis und den Ernst-Jung-Preis für Medizin. Jahn gilt als überzeugter Förderer des Nachwuchses. Er lebt in Göttingen. (tko)

Prof. Jahn: Corona gab Schub für digitale Lehrformate

Die Entwicklung neuer digitaler Lehrformate hat an der Uni Göttingen in der Corona-Krise und dem teilweise brachliegenden Präsenzstudium „ohne Zweifel einen gewaltigen Schub bekommen“, wie der scheidende Uni-Präsident Reinhard Jahn. Der Druck war groß, denn „die Lehre musste komplett umgestellt und der Uni-Betrieb an die Pandemiebedingungen angepasst werden“, wie Jahn sagt. „Unsere wichtigste Aufgabe war und ist, dafür zu sorgen, dass unsere Studierenden auch unter diesen schwierigen Bedingungen ihre Ausbildungsziele erreichen können und nicht zu stark unter sozialer Isolierung leiden.“

Von den neuen digitalen Lehr- und Lernstrukturen würden „künftig alle profitieren, wenn die Corona-Krise überwunden ist“, sagt Jahn. „Wir haben zudem alle gelernt, dass manche Meetings digital auch gut funktionieren und man nicht immer reisen muss. Außerdem ist es große Klasse, wie unkompliziert wir in Göttingen in der Krise zusammengearbeitet haben – so Uni, Forschungsinstitute und Uni-Medizin. (tko)

Kommentar von Thomas Kopietz: Feuerwehrmann und Klimaschützer

Reinhard Jahn hat seine Amtszeit als Interimspräsident der Universität Göttingen beendet – man könnte sie als kurz und hochintensiv beschreiben. Denn Jahn kam in unruhigen Zeiten. Er, der trotz seines fortgeschrittenen Alters der Leidenschaft Forschung am MPI für biophysikalische Chemie nachgehen wollte, stellte sich in den Dienst der Institution Universität. Die hatte nach dem erneuten Scheitern in der Exzellenzinitiative, dem vorzeitigen Ausscheiden der Präsidentin Ulrike Beisiegel und der grandios versemmelten Suche eines Nachfolgers die Hilfe bitter nötig.

Gesucht wurde ein Feuerwehrmann und Klimaschützer, der mit Bedacht und klarem Vorgehen die Brandherde und Glutnester innerhalb der Uni und ihren Gremien löschen konnte. Der Rauch war weit hinaus gezogen in die deutsche Wissenschafts- und Medienlandschaft, hatte das Image der weltweit geschätzten Georgia Augusta beschädigt.

Jahn erfüllte mit seiner besonnenen, offenen und klaren Art nicht nur das Anforderungsprofil, sondern er schaffte es, vor allem die Atmosphäre zu verbessern, die Gesprächsbereitschaft zu fördern und die Integrität wieder herzustellen. Dass er als Präsident dabei nicht in die Öffentlichkeit drängte, sondern intern agierte, war seiner Persönlichkeit, aber auch der Situation geschuldet. Öffentliches Brimborium hätte nicht in das Jahr 2020 gepasst, das weitere ungeahnte Herausforderungen mit sich brachte, wie die Corona-Krise mit ihren immensen Anforderungen. So musste die digitale Lehre, das Online-Studium im Handumdrehen möglich gemacht werden. Das gelang überwiegend ordentlich, die Uni hat diesbezüglich schnell vorher durchaus vorhandene Defizite aufarbeiten können. Hinzu kamen Zuschusskürzungen des Landes und generell gravierende Finanzprobleme der Uni, die sich zudem mit dem Forum Wissen verhoben hatte. Dabei kam Hilfe mit Geld von Bund und Land: ein Glücksfall, auch für Reinhard Jahn. Der jedenfalls hat der Universität in ihrer Krise gutgetan.

Jetzt gilt es, nicht wieder in alte Muster zu verfallen, zügig einen Nachfolgerzu präsentieren, zu agieren, statt vor allem zu reagieren. Es gilt aber auch, die Stimmung in der Mitarbeiterschaft in Zeiten des Einsparens zu verbessern. Klar ist: Auch Jahns Nachfolger wird es nicht leicht haben. tko@hna.de

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