Umstrittene Thesen

Professor Tibi: "Göttingen sieht aus wie ein Flüchtlingslager"

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Islam-Forscher: Bassam Tibi sieht große Probleme durch Flüchtlinge auf Göttingen zukommen. Das wird aber in der Uni-Stadt ganz anders gesehen.

Göttingen. Nach Ansicht eines Politikwissenschaftlers mit syrischen Wurzeln sieht Göttingen wie ein Flüchtlingslager aus.

Er sieht Sicherheitsprobleme auf die Stadt zukommen. Aus der Uni-Stadt gibt Widerspruch zu den Thesen des 72-Jährigen. Bassam Tibi war einmal ein sehr gefragter Nahost- und Islamexperte. Vor allem in den 1990-er Jahren war der Politikwissenschaftler regelmäßig in den Medien präsent. Seit 1973 lebt er in Göttingen.

Zwiespältiges Verhältnis

Damals bekam er im Alter von 29 Jahren eine Professur für Internationale Beziehungen. 36 Jahre lang war er an der Universität Göttingen tätig, seit 2009 ist er im Ruhestand. Zu Göttingen hat der 72-Jährige ein zwiespältiges Verhältnis. Weder die Universität noch die wissenschaftliche Fachwelt in Deutschland hätten ihm je die Anerkennung gezollt, die ihm zustehe, klagt er seit Jahren immer wieder. Jetzt führt der syrischstämmige Politikwissenschaftler noch einen weiteren Grund an, warum er sich an seinem Wohnort nicht wohl fühlt: Göttingen sehe aus wie ein Flüchtlingslager, erklärte der Forscher in einem Interview der Tageszeitung „Die Welt“.

Wie ein Problembezirk

Folgt man den Ausführungen Bassam Tibis, ist aus Göttingen offenbar ein Problembezirk à la Neukölln geworden. Früher sei Göttingen „sehr authentisch“ gewesen, eine „verträumte, idyllische Stadt“. 20 Prozent seien Ausländer gewesen. Heute könne man sich nicht mehr sicher fühlen: „Da laufen die Gangs, ob afghanisch oder eritreisch, durch die Straßen, und man bekommt es mit der Angst.“

Aus führender Familie

Tibi weist - nicht zum ersten Mal - in dem Interview darauf hin, dass er aus „einer der 17 führenden sunnitischen Familien in Damaskus“ komme. Die Flüchtlinge, die in jüngster Zeit nach Deutschland gekommen sind, seien dagegen „Menschen mit keiner Ausbildung und wenig Geld“. Die meisten kämen „vom Land“. Unter den „mehreren Tausend Syrern“, mit denen er in verschiedenen Städten gesprochen habe, sei „kein einziger Arzt und auch kein Ingenieur“ gewesen. Aus diesen Gruppen, so prophezeit der 72-Jährige, würden sich „Gangs“ entwickeln, die sich das hart erarbeitete Geld der prosperierenden Gesellschaft holen würden. Göttingen werde in einem Jahr „eine Stadt voller Kriminalität“ sein. „Das Göttinger Gemeinwesen ist erschüttert“, will der einstige Erfolgsautor festgestellt haben.

Nicht mehr Kriminalität

Der Göttinger Polizei ist das allerdings noch nicht aufgefallen. Die Kriminalitätsstatistik gibt für derartige Prognosen kaum etwas her. Seit November vergangenen Jahres werden Strafverfahren, in die Flüchtlinge involviert sind, besonders gekennzeichnet. Erste Auswertungen hätten gezeigt, dass sich die ganz überwiegende Zahl der Flüchtlinge in der Region Göttingen gesetzeskonform verhalten habe, sagt eine Polizeisprecherin. „Es gibt im Zusammenhang mit den Flüchtlingen keinen relevanten Anstieg von Straftaten.“ (pid)

Viel Widerspruch aus der Uni-Stadt

Im Göttinger Rathaus wundert man sich über das Schreckensbild, das der Ruheständler von seinem jahrzehntelangen Wohnort zeichnet. Göttingen habe in den vergangenen zwei Jahren 1400 Flüchtlinge in Unterkünften aufgenommen, sagt Verwaltungssprecher Detlef Johannson. Knapp 16 000 der insgesamt 132 000 Einwohner sind Ausländer, dies entspricht einem Anteil von zwölf Prozent. Unter ihnen befinden sich zahlreiche ausländische Studenten und Wissenschaftler sowie internationale Mitarbeiter von Göttinger Unternehmen, bei denen von „ethnischer Armut“ nicht die Rede sein kann. Johannson kann Tibis Angstszenario nicht nachvollziehen: „Ich sehe keine Gangs durch die Stadt laufen.“

Der Göttinger Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin (Grüne) wirft Tibi vor, rassistische Klischees zu bedienen. Mit seinen Horrorgeschichten säe er „Hass gegen Menschen, die bei uns Zuflucht vor Krieg und Zerstörung suchen“. Tibis Äußerungen seien nicht nur unsäglich, sondern auch gefährlich. Sie zeigten, dass die Verrohung des politischen Klimas und das Befördern von Vorurteilen kein Privileg von Benachteiligten sei: „Es sind die gesellschaftlichen Eliten, es sind Professoren wie Bassam Tibi, die solche Bilder hoffähig machen.“

Trittin: Göttinger sind klüger

Tibi habe sich damit „aus der Wertegemeinschaft des Grundgesetzes verabschiedet“. Die meisten Göttinger, so Jürgen Trittin, seien klüger als der Politikwissenschaftler. Mit ihrer Hilfe für Flüchtlinge stärkten sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Stadt.

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