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Prozess: Ex-Doktorandin erhebt schwere Vorwürfe gegen Professor

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Von: Heidi Niemann

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Der Eingang zum Landgericht Göttingen: Dort wird gegen den Professor verhandelt.
Der Eingang zum Landgericht Göttingen: Dort wird gegen den Professor verhandelt. (Symbolbild) © Hubert Jelinek/dpa

Im Prozess gegen einen wegen zahlreicher körperlicher und sexueller Übergriffe angeklagten Professor der Universität Göttingen hat am Montag eine frühere Doktorandin schwere Vorwürfe gegen den Wissenschaftler erhoben.

Göttingen – Der 57-Jährige habe sie wiederholt bei Besprechungen in seinem Büro geschlagen, um sie für angebliche Fehler zu bestrafen, berichtete die 38-Jährige.

Er habe sie teils mit der flachen Hand, teils mit einem Bambusstock geschlagen. Aus Angst, ihre Promotionsstelle zu verlieren, habe sie längere Zeit niemandem davon erzählt, auch ihrem Ehemann nicht. „Ich schämte mich, darüber zu sprechen, auch wegen meiner Kultur“, sagte die aus Vietnam stammende Wissenschaftlerin. Später habe sie erfahren, dass auch andere Frauen am Institut Übergriffen und teilweise auch Schlägen ihres Doktorvaters ausgesetzt gewesen seien. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 57-Jährigen insgesamt 21 Straftaten vor, unter anderem besonders schwere Fälle der Nötigung, gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung sowie diverse sexuelle Nötigungen und Belästigungen. Außer der 38-Jährigen sollen noch eine weitere Doktorandin und eine technische Angestellte betroffen gewesen sein. Nach Angaben der Zeugin informierten sie 2017 die Gleichstellungsbeauftragte der Universität. Damals sei klar geworden, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte, sondern um ein „System“. Sie habe dann auch noch von weiteren betroffenen Frauen gehört.

Die Universität hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe dienstrechtliche Konsequenzen gezogen. Sie verhängte ein Hausverbot gegen den Professor und verbot ihm die Führung der Dienstgeschäfte. Außerdem leitete sie gegen ihn ein Disziplinarverfahren ein. Dieses ruht derzeit, da zunächst der Ausgang des Strafverfahrens abgewartet wird.

Der 38-jährigen Zeugin fiel es sichtlich schwer, vor Gericht die Vorfälle zu schildern. „Es ist sehr schwer für mich“, sagte sie. Ihren Angaben zufolge begannen die gewalttätigen Übergriffe Mitte Juli 2014.

Damals habe sie ihren Doktorvater informiert, dass sie vergessen hatte, sich für ein Seminar anzumelden. Dieser sei daraufhin wütend geworden und habe sie aufgefordert, sich auszuziehen, damit er sie bestrafen könne.

Zu Beginn der Verhandlung hatte die Anwältin des Angeklagten in einer Verteidigererklärung eine gänzlich andere Version geliefert. Demnach hatte ihr Mandant die Doktorandin motivieren wollen, weil diese bei ihrer Promotion nur langsam vorangekommen sei. Deshalb habe er ihr auf den Oberschenkel geschlagen. Die Doktorandin habe sich dann daran erinnert, dass es in ihrer Schulzeit in Vietnam Stockschläge als Bestrafung gegeben habe und dies eine motivierende Wirkung gehabt habe. Sie habe ihn dann gebeten, sie zu schlagen, um zu testen, ob dies auch bei ihrer Doktorarbeit funktionieren könne. (Heidi Niemann)

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