Fingierte Unfälle vor Gericht

Prozess in Göttingen um Betrugsserie: Versicherungen zahlten 360 000 Euro

Landgericht Göttingen
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Bei einem Unfall kann manchmal auch Versicherungsbetrug im Spiel sein. Es gibt Alarm Anzeichen, die dafür sprechen können.

Dem Landgericht Göttingen steht ein neuer Mammutprozess bevor. Ab dem 22. Juni muss sich dort ein 66-jähriger Mann aus dem Eichsfeld wegen gewerbsmäßigen Betruges in 15 Fällen verantworten.

Der Angeklagte soll der Drahtzieher einer großangelegten Betrugsserie sein und mit Hilfe diverser Mittäter Kfz-Versicherungen um mehrere hunderttausend Euro betrogen haben. Der Prozess wird sich nach der derzeitigen Planung bis in den November hinziehen. 

Der 66-Jährige ist bereits mehrfach vorbestraft und hat auch schon wegen Bandendiebstählen und Drogenhandels mehrere Jahre in Haft gesessen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, in den Jahren 2010 bis 2013 vorsätzlich zahlreiche Verkehrsunfälle organisiert und unter Einschaltung von Rechtsanwälten die beteiligten Versicherungen zu seinem finanziellen Vorteil zur Schadensregulierung veranlasst zu haben. 

Fingierte Unfälle vor Gericht: Auch Werkstätten und Abschleppdienste beteiligt

Um nicht selbst in Erscheinung zu treten, habe er andere Personen als „Scheinhalter“ von Kraftfahrzeugen eingesetzt, die dann ihre angeblichen Schadensersatzansprüche geltend gemacht hätten. Insgesamt hätten die Versicherungen 360 000 Euro gezahlt. Auch Abschleppunternehmen und Kfz-Werkstätten sollen an dem „Geschäftsmodell“ beteiligt gewesen sein. 

In den vergangenen vier Jahren hat es bereits zahlreiche weitere Prozesse gegen mutmaßliche Mitbeteiligte gegeben. Die Staatsanwaltschaft hatte die betreffenden Unfallfahrer beziehungsweise Fahrzeughalter jeweils gesondert angeklagt. Inzwischen seien 16 Angeklagte aus dem Tatkomplex rechtskräftig verurteilt worden, teilte ein Göttinger Justizsprecher auf Anfrage mit. 

Fingierte Unfälle vor Gericht: Verdacht der Geldwäsche

In den bereits abgeschlossenen Verfahren, die vor dem Amts- und dem Landgericht Göttingen stattfanden, hatten die federführenden Ermittler der Polizei in ihren Zeugenvernehmungen geschildert, wie sie der Betrugsserie auf die Spur gekommen waren. Anlass der Ermittlungen war eine Anzeige wegen des Verdachts der Geldwäsche gewesen. 

Als die Fahnder der Polizei daraufhin ein Bankschließfach des heute 66 Jahre alten Angeklagten durchsuchten, stießen sie dabei auf zahlreiche Fahrzeugbriefe, Autoschlüssel und 200 000 Euro Bargeld. Bei der Auswertung der Fahrzeugdokumente stellten sie dann fest, dass zahlreiche Autos in Unfälle verwickelt gewesen waren.

Fingierte Unfälle vor Gericht: Milliarden-Schaden durch Betrugsfälle

Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) weist etwa jeder siebte Schadenfall der Kfz-Haftpflichtversicherung Anzeichen einer Manipulation auf. „Oftmals wird das Ausmaß von tatsächlichen Schadenfällen nachträglich vergrößert oder bereits vorhandene Schäden werden erneut abgerechnet“, so Pressesprecherin Kathrin Jarosch. Der jährliche Schaden durch Betrug in der Schadens- und Unfallversicherung liegt bei vier bis fünf Milliarden Euro.

Fingierte Unfälle vor Gericht: Gutachter können helfen

Immer wieder kommt es bei Unfällen zu Ungereimtheiten. In Kürze wird über eine Betrugsserie aus Südniedersachsen in Göttingen verhandelt. Für Ermittler ist es aber nicht einfach, einen fingierten Vorfall zu beweisen. Dabei können Gutachter helfen.

Laut einem Portal des Versicherers Allianz können nur Gutachter beweisen, dass der Unfall manipuliert war. Die Vorgehensweise beim Versicherungsbetrug ist oft dieselbe: Kommt es zu einem „Crash“, legt der Betrüger der Versicherung des Unfallgegners ein Gutachten vor, das die Reparaturkosten beziffert. Der Beitrag wird kassiert, der Schaden aber nur provisorisch repariert.

Dann geht es weiter: Schnell wird der nächste Unfall provoziert, wieder kassiert – und immer die Schuld dem anderen Autofahrer zugeschoben. Da unterschiedliche Kfz-Versicherer betroffen sind, fallen die Täter oft jahrelang nicht auf. 

Fingierte Unfälle vor Gericht: Tipps der Stiftung Warentest

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft und die Stiftung Warentest haben die Tricks der Betrüger zusammengestellt, die auf einen fingierten Unfall hindeuten können:

. Rechts vor links: Der Unfall findet an einer Stelle mit Rechts-vor-links-Regelung statt. Besonders beliebt: Einmündung von parallelen Fahrstreifen, Kreisel, große Parkplätze und Kreuzungen, deren Vorfahrtsregel vor Kurzem geändert wurde.

. Gas geben: Ob Ausparken, Spurwechsel oder Linksabbiegen – oft fährt der Betrüger zunächst bewusst langsam. Im letzten Moment gibt er voll Gas, das Unfallopfer kann nicht mehr ausweichen.

. Handzeichen: Der Betrüger gibt ein Handzeichen, um Vorfahrt zu signalisieren, dann beschleunigt er unerwartet. Später wird er seine Handbewegung bestreiten oder umdeuten.

. Versteck: Auch hinter dem Häuschen für Einkaufswägen lauern Täter gerne, um urplötzlich hervorzuschießen, – bei klassischer Rechts-vor-links-Regelung.

. Ampel-/Zebrastreifen-Trick: Die Ampel springt auf Gelb, der Täter legt eine abrupte Vollbremsung hin und provoziert so einen Auffahrunfall. Das Gleiche am Zebrastreifen, wo plötzlich ein Passant (oft Komplize) die Straße überquert.

. Teures Auto: Der Unfallverursacher fährt ein Auto der Oberklasse, das meist schon diverse Dellen aufweist. Der Gutachter attestiert hohe Reparaturkosten.

. Alleinfahrer: Im Visier der Täter stehen Fahrer, die allein unterwegs sind. Besonders beliebt: Junge unerfahrene, ältere und ortsfremde Autolenker, die leichter zu verunsichern sind.

. Routiniertes Auftreten: Der Gegner wirkt nach dem Crash ungewöhnlich ruhig und routiniert, als wäre ein Unfall etwas ganz Alltägliches.

. Plötzliche Zeugen: Wie aus dem Nichts tauchen Personen auf, die den Unfallhergang bezeugen können oder sogar noch psychologischen Druck ausüben.

. Spuren entfernen: Der Unfallgegner drängt, das Auto sofort von der Straße zu bekommen, und beginnt unverzüglich Unfallspuren wie Glasscherben, Lacksplitter zu entfernen (Begründung: „Damit andere Autofahrer nicht zu Schaden kommen“). Möglicherweise will er aber nur Beweismittel verschwinden lassen.

Fingierte Unfälle vor Gericht: So sollte man sich im Falle eines Unfalls verhalten

Jeder kann dazu beitragen, den Zusammenstoß aufzuklären, um nicht am Ende Opfer eines Versicherungsbetruges zu sein. Hier einige Tipps der Versicherer: 

. Rufen Sie die Polizei, wann immer Sie Zweifel bekommen – selbst wenn diese bei Blechschaden nicht ausrücken müsste. Wichtig für die Polizei sind Angaben zum Unfallhergang: Hätte der Unfallbeteiligte bremsen oder ausweichen können? Hatte er stattdessen beschleunigt? 

. Sichern Sie Beweise! Unverzichtbar sind Fotos (zum Beispiel mit dem Smartphone) von beiden Unfallfahrzeugen aus allen Perspektiven, bevor die Fahrzeuge wegbewegt werden. Nehmen Sie auch Bremsspuren und abgebrochene Teile auf, die auf der Fahrbahn liegen. Erstellen Sie – wenn möglich – eine Unfallskizze. 

. Räumen Sie danach schnellstmöglich die Straße. 

. Notieren Sie Kennzeichen, Name und Adresse des Unfallgegners. Am besten auch Ausweis zeigen lassen, sofern dieser nicht schon von der Polizei geprüft wurde. 

. Unterschreiben Sie kein Schuldanerkenntnis und lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Ihre Rechtsschutzversicherung hilft Ihnen bei der Geltendmachung Ihrer Ansprüche. 

. Benachrichtigen Sie auch Ihre Kfz-Versicherung, wenn Sie den Verdacht haben, dass bei Ihrem Unfall nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Jetzt ist der Prozess gestartet: Vor dem Landgericht Göttingen beginnt der Mammutprozess um einen großangelegten Versicherungsbetrug. Durch fingierte Unfälle erschlich sich der Mann hunderttausende Euro.

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