Problem Kulturschock

Psychiaterin für ausländische Studenten in Göttingen: „Lerne viel von ihnen“

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Jetzt auch auf Englisch: Dr. Tracy Erwin-Grabner vor der Psychosozialen Beratungsstelle der Universität Göttingen am Eingang in der Goßlerstraße.

Göttingen. Immer mehr internationale Studenten suchen psychologische Hilfe. Die Universität Göttingen hat nun eine amerikanische Psychiaterin eingestellt. Sie berät auf Englisch. 

Die Psychosoziale Beratungsstelle der Uni Göttingen (PSB) will so die Sprachbarriere umgehen.

Dr. Tracy Erwin-Grabner berät auf Englisch und ist mittlerweile so beliebt, dass es Wartelisten gibt und eine zweite Coaching-Gruppe gestartet wurde. Wir haben mit der Amerikanerin über ihre Arbeit gesprochen.

Mit welchen Anliegen kommen ausländische Studenten zu Ihnen?

Dr. Tracy Erwin-Grabner: Sehr oft kommen sie aus den gleichen Gründen wie andere Studenten auch: Prüfungsangst, Zeitmanagement – sehr typische Anliegen für das akademische Umfeld. Viele von ihnen sind junge Menschen in den 20ern, die herausfinden wollen, wer sie sind, was sie aus ihrer Karriere machen wollen. Und dann gibt es eine zusätzliche Ebene: Sie passen sich einer neuen Kultur an, viele Sachen vermissen sie: Familie, Freunde. Es geht auch um Beziehungsprobleme. Und um die Frage: Wie finde ich Anschluss hier?

Was ist ihre größte Angst?

Erwin-Grabner: Ich weiß nicht, ob es eine Nummer eins der Ängste gibt. Viele haben die Sorge: Vielleicht enttäusche ich meine Familie zu Hause. Sie nimmt viel auf sich, damit ich in ein anderes Land gehen kann, und dann muss ich eine gute Leistung bringen.

Woher kommen diese Probleme? Sind sie neu?

Erwin-Grabner: Nein. Das Einzige, was „neu“ hinzu kommt, ist die Technologie. Sie kann helfen, an Infos zu kommen, aber ich sehe auch viele Studenten, die durch das Internet abgelenkt werden. Ich fühle mich schlecht, also zappe ich jetzt drei oder vier Stunden lang durch Youtube-Videos. Im Zeitmanagement gibt es heute etwas mehr Psycho-Erziehung darüber, wie ich diese Zusatz-Ressourcen ausschalte, was es früher vielleicht nicht so gab.

Was ist bei internationalen Studenten anders, als bei Studenten, die im Heimatland studieren?

Erwin-Grabner: Für manche ist es wirklich ein Kulturschock. Das kann aufregend und stressig sein, jedenfalls ist es eine weitere Ebene. Es sind innere Konflikte zwischen den Erfahrungen und der neuen Welt, in der man ist. Wenn es in meiner Kultur nicht okay ist, einen Freund außerhalb der Ehe zu haben, und hier ist es die Norm, was denkt meine Familie darüber? Und was mache ich, wenn ich an dieser Kultur teilhaben will? All diese Fragen haben eine große Bedeutung für ihre akademische Arbeit. Wenn ich mich wohlfühle, bin ich eher in der Lage, mich in meiner Arbeit wohlzufühlen.

Was macht es aus, dass manche Studenten erst ihre Probleme übersetzen müssen?

Erwin-Grabner: Manche haben Angst, viel zu sprechen, weil sie sagen, ihr Englisch ist nicht so gut. Aber sie können sich alle mitteilen. Ich will es einfach so angenehm und stressfrei wie möglich für sie machen, damit sie merken: Das ist ein anderer Raum, in dem es nicht um Leistung geht. Ich bin keine Grammatikpolizei (lacht). Ich will, dass sie sich besser fühlen, wenn sie aus der Tür heraus gehen.

Welche Rolle spielt allein der Gedanke, im Ausland zu sein?

Erwin-Grabner: Man kann sich nicht auf seine Erfahrungen verlassen, man fängt sozusagen bei Null an. Manche kommen damit sofort klar, andere haben in der gesamten Zeit, in der sie hier sind, ein Gefühl von Unsicherheit. Für manche ist es ein Abenteuer, das sehr aufregend ist. Für andere ist es eine Wahl, die aus Notwenigkeit entstanden ist. Wenn sie mehr Möglichkeiten in ihrem Heimatland gehabt hätten, hätten sie diesen Schritt vielleicht nicht gemacht. Für diejenigen ist es etwas schwieriger, denke ich.

Was sagen Sie den Studenten?

Erwin-Grabner: Ich hoffe, dass in meiner Arbeit herüberkommt, dass selbst wenn du nur ein Jahr hier bist, erlaube dir, nicht nur deine eigene Erfahrung zu teilen, sondern hab auch keine Angst, dich selbst in neue Erfahrungen zu stürzen. Manchmal fühlst du dich fehl am Platz, aber lass dich nicht davon abbringen.

Ich denke, es ist ein Prozess, an dem man wächst, in dem man viel über sich selbst und andere lernt. Es ist eine wundervolle Möglichkeit für alle und diese Studenten haben viel zu bieten.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?

Erwin-Grabner: Es ist eine aufregende, wundervolle Arbeit. Ich höre nicht auf, von den Menschen zu lernen. Sie kommen her und teilen sehr persönliche Erfahrungen. Es ist wirklich eine Ehre, diese Begegnungen zu haben. Für mich ist es wichtig, jedem auch zu sagen: „thank you for coming“, ich weiß, dass es Überwindung gekostet hat und das schätze ich sehr.

Die Antworten von Dr. Tracy Erwin-Grabner wurden aus dem Englischen übersetzt.

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