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Psychodrama im Deutschen Theater in Göttingen: „Am Boden“ kommt der Krieg viel näher

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Von: Ute Lawrenz

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Psychodrama: Jenny Weichert spielt im Stück „Am Boden“ eine Kampfpilotin.
Psychodrama: Jenny Weichert spielt im Stück „Am Boden“ eine Kampfpilotin. © Thomas Müller /DT/nh

Das Psychodrama „Am Boden“ hatte jetzt im Deutschen Theater Premiere – eine überzeugende Inszenierung.

Göttingen – Mehrfach wurde die Premiere „Am Boden“ im Deutschen Theater in Göttingen verschoben. Nun war es so weit, das Warten hat sich gelohnt: Das Kriegsdrama von George Brant in der Inszenierung von Johanna Schwung spielte Jenny Weichert überzeugend.

Sie ist eine begeisterte Kampfpilotin. Sie liebt das Blau des Himmels. Wenn sie den Knall nach einem Abschuss hört, ist sie längst weg. Die Zerstörung, die sie auslöst, ist für sie längst nicht mehr sichtbar. Wie ein Gewitter kommt die Liebe über sie. Sie wird schwanger, darf nicht mehr fliegen, führt drei Jahre lang ein glückliches Familienleben. Irgendwann fühlt sie: Sie muss wieder los. Ihr Mann Eric unterstützt sie.

Doch bei der Arbeit trifft es sie wie ein Schlag. Sie soll nicht mehr zurück in ihr Flugzeug, den „Tiger“. Von nun an soll sie eine Drohne steuern. Sie wird eine von denen, die sie bisher abfällig „Sesselfurzer“ nannte und pendelt zwischen Krieg und Kindergarten. Mit der Drohne kommt sie dem Feind viel näher – und zerbricht an dieser Nähe. Mit dem Tod so dicht vor Augen verwischen die Grenzen zwischen Krieg und Familie.

Jenny Weichert als die Kampfpilotin leistet an diesem Abend Großes. Überzeugend spielt sie die junge Frau, die in ihrem „Tiger“ in das Blau des Himmels eintaucht. Auch beim Sex mit ihrem Traummann vermag sie alles zu vergessen. Eric liebt sie in ihrem Flieger-Overall, hat kein Problem mit ihrem „Männer-Beruf“ und unterstützt sie, als sie nach drei Jahren Kinderpause wieder arbeiten will. Mit ihrer neuen Aufgabe als Drohnenpilotin hat sie eigentlich ein Geschenk bekommen. Jeden Abend kann sie Mann und Tochter sehen.

Doch Jenny Weichert zeigt die Schattenseiten. Bei ihrer Arbeit taucht die Frau nicht mehr in das Blau des Himmels ein. Sie sitzt am Bildschirm in einem grauen Container, beobachtet Verdächtige stundenlang, immer eintöniger wird ihre Stimme, ihr Ausdruck.

Sichtbar wird ihre Veränderung auch auf der Bühne (Bühne und Kostüme: Johannes Frei). Den teils gerafften Vorhang auf der Bühne – in mancher Beleuchtung sieht er aus wie Wolken – reißt die Pilotin Stück für Stück vom „Himmel“, bis die Bühne karg wird wie der Container. Videoeinspielungen auf der gesamten Bühne (Video: Mathis Albrecht) – weiße Streifen, die wie über einen Bildschirm flattern oder die Straßen von Las Vegas – lassen die Welt der Frau unstet erscheinen. „Druckausgleich“ heißt passend die CD, die sie von ihrem Mann bekommt (Musik: Lukas Goldbach). Denn sie kann ihre Welten nicht mehr trennen. Ist das ihre Tochter, die sie zuletzt im Fadenkreuz sieht?

Trotz begeistertem Applaus mit Getrampel und Bravos im vollen dt.2– etwas Straffung hätte dem Abend gutgetan. So mag es sein, dass der Zuschauer sich fühlt, als säße er selbst in dem grauen Container und müsste zu lange auf den Bildschirm starren.

Weitere Vorstellungen am 8.6. und am 15.6. jeweils um 20 Uhr. dt-goettingen.de

Von Ute Lawrenz

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