Rauchen für das Seelenheil

Interview mit Göttinger Forscher zum Thema Rauchen und Religion 

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Forschung ganz praktisch: Adolph van der Walt – hier mit einer Pfeife der südafrikanischen Amaxhosa – promoviert an der Universität Göttingen über Religion und Pfeifenrauch.

Göttingen. Rauchen steht in der Gesellschaft in Verruf, spielt in vielen Religionen der Welt aber eine eine zentrale Rolle. Adolph van der Walt von der Universität Göttingen forscht zu diesem Thema.

Herr van der Walt, wie sind Sie auf Ihr Forschungsthema gekommen?

Adolph van der Walt: 2010 studierte ich noch in Südafrika. Mit einem Freund begann ich mit dem Pfeiferauchen. Wir stellten fest, dass es zwei Kirchen unterschiedlich handhaben: Während in einer Kirche Rauchen verpönt war und man sich als Raucher versteckte, war es in der anderen akzeptiert. In Göttingen belegte ich „Intercultural Theology“, ein Seminar über Genussmittel und Religion. Dort ging es auch um Tabak.

Worum geht es? Was sind Ihre Quellen?

Van der Walt: Denkt man an Pfeifenrauch und Religion, so kommt man leicht auf die amerikanischen Ureinwohner und ihre Friedenspfeife. Die sind aber schon zu gut erforscht. Das Thema reicht weiter. Ich konzentriere mich auf das Volk der Amaxhosa in Südafrika. Das sind neun Millionen Menschen mit eigener Sprache und religiösen Ritualen. Dort spielt der Pfeifenrauch eine wichtige Rolle, wie ich bei meinen Feldforschungen vor Ort erfuhr. Weitere Quellen habe ich in Archiven oder der „Global History of Smoking“, der Globalgeschichte des Rauchens, gefunden.

Welche religiöse Bedeutung hat das Pfeiferauchen? Wer waren die ersten religiösen Raucher?

Van der Walt: Das Inhalieren pflanzlicher Substanzen spielt in vielen Religionen eine Rolle, ebenso das Feuer. Archäologen haben nachgewiesen, dass in Peru bereits 5000 vor Christus Pflanzenteile aus religiösen Gründen verbrannt wurden. Der in den Himmel steigende Rauch hat etwas Mystisches, zumal der Tabak in der Pfeife zu verschwinden scheint. Der Rauch kann ein positives oder ein negatives Signal sein: Er soll zum Gebet rufen, er soll aber auch böse Geister vertreiben. Die japanischen Shintos tragen 60 Kilogramm schwere Pfeifen in die Berge, um den Göttern zu danken. Bei den Amaxhosa geht es darum, über den Rauch mit den Ahnen in Kontakt zu treten.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Van der Walt: Bei den Amaxhosa ist Zigarettenrauchen verpönt. Bei den Zeremonien ist nur die Pfeife erlaubt. Als dann jemand mit einer E-Zigarette ankam, gab es rege Diskussionen. Es gibt Schamanen, die Witch Doctors. Das dürfen auch weiße Südafrikaner sein. Mich hat erstaunt, wie viele Weiße das tatsächlich machen.

Wer darf mit dem Rauch umgehen? Gibt es Warnungen vor zu viel Konsum?

Van der Walt: Bei den Ureinwohnern leitet ein Priester die Zeremonie. Bei den Hindus ist Cannabis zwar verboten, wird aber einmal jährlich zur Verehrung der Göttin Shiva toleriert. Das Problem ist, dass die Grenzen zwischen religiöser Zeremonie und privatem Vergnügen fließend sind und Missbrauch nicht ausgeschlossen ist. Die Amaxhosa kennen Altersgrenzen: Frauen dürfen erst nach der Geburt des ersten Kindes rauchen, Männer nach einem Aufnahmeritual. Für die Ureinwohner Nordamerikas gab es die Kampagne „Tobacco is holy“, die vor dem Konsum von Industrietabak warnte.

Warum schreiben Sie Ihre Arbeit in Göttingen? Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Van der Walt: Ich habe mein Studium in Göttingen abgeschlossen. Da lag es nahe, hier zu promovieren, zumal meine Frau ebenfalls hier forscht. Die Wege sind kurz, die Bibliotheken hervorragend. Zudem denke ich, dass die Universität internationaler wird. Man hört viele Sprachen. Das gefällt mir sehr.

Zur Person

Adolph van der Walt (28) stammt aus dem südafrikanischen Johannesburg. In Göttingen promoviert er seit 2014 über das Pfeiferauchen als religiöse Handlung. Der Arbeitstitel seiner Dissertation lautet: „Zur religionsgeschichtlichen Bedeutung des Tabaks unter besonderer Berücksichtigung seines Konsums in Pfeifen“. Zuvor hat er an der Theologischen Fakultät der Universität sein Masterstudium im Studiengang „Intercultural Theology“ abgeschlossen. Mit seiner Frau lebt Adolph van der Walt in Göttingen. 

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