Raumsonde Rosetta: Intimes Bild von Tschuri

Da ist er: Holger Sierks zeigt den Lander Philae als Modell im Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, dort ist Siercks verantwortlich für das Kamerasystem Osiris an Bord der Sonde Rosetta. Foto:  Kopietz

Wenn Holger Sierks morgens in seinem Göttinger Büro im Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) den Computerbildschirm anschaltet, dann blickt er auf Fotos, die kein Mensch je zuvor gesehen hat. Sie kommen aus der Tiefe unseres Sonnensystems vom Kometen „Tschuri“, übermittelt von der ESA-Raumsonde Rosetta.

Rund um die Uhr werden die Daten gesendet, eingefangen von 70-Meter-Satellitenschüsseln, und in die Zentrale nach Darmstadt geschickt. Sie müssen fix von den in verschiedenen Ländern sitzenden Wissenschaftlern verarbeitet werden. Rosetta kennt keinen Urlaub und keine Feiertage.

„Das ist wunderbar für Forscher, faszinierend, immer wieder aufs Neue“, sagt Holger Sierks begeistert, der für das Auge der Sonde, die Kamera Osiris, verantwortlich ist.

Eigentlich hatten die Wissenschaftler einen trägen Kometen, einen Senioren, erwartet, mit wenig Aktivität. „Der Kerl ist hyperaktiv“, lächelt Sierks. Deshalb übertrifft das, was er auf den Monitoren seit der Annäherung von Rosetta und der Landung von Philae gesehen und bewertet hat, alle Erwartungen: „Wir haben ein neues, fantastisches Bild von Tschuri bekommen.“

Raumsonde trifft Kometen: Rosetta wird am Ende der Mission im September 2016 auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko landen. Foto: ESA/nh

6,8 Milliarden Flugkilometer hat Rosetta zurückgelegt, in Schleifen immer wieder Schwung geholt, bis Philae vor einem Jahr zum Touchdown ansetzt. Er soll nördlich des Äquators landen, prallt aber auf der harten Oberfläche ab, die Harpunen, die das kühlschrankgroße Labor im Boden festkrallen sollen, versagen. Philae hüpft wegen der geringen Gravitation weiter gen Süden. Der Landepunkt ist auf 20 Meter bekannt, aber gesehen haben die Forscher Philae noch nicht. „Am Ende der Mission im September 2016 werden wir ihn sehen, dann machen wir wilde Sachen.“ Sierks meint den Anflug von Rosetta und schließlich die Landung der Sonde auf Tschuri, der sie bis zum Ende seines Kometendaseins durchs Sonnensystem tragen wird.

Als der Komet im August 2015 der Sonne immer näher rückt, werden die Aufnahmen, die aus dem Orbiter von zehn bis 200 Kilometer Höhe gemacht werden, immer spektakulärer: Die Wärme dringt tiefer in den Kometenboden ein. Gaskapseln brechen auf, eingeschlossenes Wasser verdampft, Fontänen spritzen.

„Wuff!“ gibt Holger Sierks der Eruption ein Geräusch. Steine und Staub wirbeln auf, werden später den bis zu 200 000 Kilometer langen Schweif bilden, den die Teleskope auf der Erde erspähen. Auch diese Fotos der Amateur-Netzwerker weltweit und Profi-Sternwarten in Südchina, Chile und Hawaii bekommt Sierks auf den Bildschirm. „Wir tun uns aber noch schwer, die Bilder abzugleichen.“

Und es bleiben Rätsel, obwohl alle Experimente funktionieren, Daten und Fotos ein Interpretationspuzzle bilden: Auf Tschuri gibt es, ähnlich den Geysiren auf der Erde, endlos speiende Löcher, befeuert von Wasser. „Wie kommt Wasser wieder in ein leeres Loch?“, fragt Sierks. Die Forscher suchen nach Antworten. Die Sonne muss tiefere Bodenschichten erreichen, Wasserreservoirs erschließen können. Möglich ist das: Die großen Temperaturunterschiede von 10 bis 20 Grad pro Minute und 80 Grad im Tag/Nacht-Rhythmus lassen sogar Felsen platzen.

Holger Sierks ist begeistert über die Mission und die Osiris-Kamera: Robuste, aber auch fortschrittliche Technik wurde verbaut. Erstmals fliegt eine Kamera mit einem extrem lichtempfindlichen 4-Megapixel-CCD-Chip, der auch Überbelichtungen verkraftet, durchs All. 40 000 Fotos hat Osiris gemacht und der so satten Bilderwelt des Menschen Einzigartiges hinzugefügt.

Mehr noch: Wir nähern uns der Frage nach dem Ursprung. Was haben die Kometen, die Wasserschlepper aus der Entstehungszeit des Sonnensystems, mit dem Leben bei uns auf der Erde zu tun? „Sie haben dazu beigetragen, dass wir heute hier sitzen und unseren Kaffee trinken“, sagt ein faszinierter Holger Sierks.

Ganz neues Bild von Tschuri 

Was hat die Rosetta-Mission gebracht? Hier ein Teil der wichtigsten Erkenntnisse:

Anziehungskraft: Tschuri hat kein Magnetfeld. Das überraschte die Experten, die damit die Theorie vergessen konnten, das Tschuri und andere Kometen durch Magnetismus entstanden sind.

Form: Statt einteilig, rund oder elliptisch, sieht Tschuri aus wie eine Quietsche-Ente mit einem kleinen Kopf- und großem Körperteil. Sie entstand aus dem Zusammenprall zweier Kometen. Dafür spricht eine Schichtstruktur.

Alpin: Wild zerklüftet, mit Bergen, riesigen Felsen, glattgeschliffenen Ebenen. Teilweise granit-harte Steinplatten und pulverschnee-weiches 20 Zentimeter tiefes Granulat. Tschuri ist durchzogen von Rissen: Tschuri ist ganz anders als erwartet.

Jahreszeiten: Es gibt Sommer und Winter. Der Sommer ist kurz und findet vor allem im Süden statt, der ist stärker der Sonne ausgesetzt und verliert durch die Erwärmung auf etwa 50 Grad mächtig an Masse. Ein Komentenjahr dauer sechs Erdenjahre.

Stinker: Tschuri riecht streng – nach Schwefel, beißendem Formaldehyd, Blausäure und Methanol.

Innenleben: Tschuri enthält gefrorenes Wasser, das je nach Nähe zur Sonne verdampft und in der Koma, der Wolke, sichtbar wird. Es gibt auch Hohlräume, die bis zu einige hundert Meter groß sind und stetig einstürzen. Auch sind auf den Fotos schacht-ähnliche Vertiefungen zu sehen.

 Atmosphäre:Sensation: In der Atmosphäre kommt reiner Sauerstoff vor, zu 3,8 Prozent, dazu gibt es Wasser, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid.

Organische Moleküle: 16 organische Moleküle wurden gefunden, vier davon zum ersten Mal auf einem solchen Himmelskörper: Methyl-Isocyanat, Aceton, Propionaldehyd, Acetamid. Sie könnten Bausteine des Lebens bilden, wie Zucker und Aminosäuren. Auch gibt es größere Moleküle aus Kohlenstoff und Wasserstoff.

Verlauf der Mission und Arbeit von Philae: 60 Stunden hat Philae Daten gesammelt. Das ist weniger, als sich die Wissenschaftler erhofft hatten. Der Landepunkt von Philae an einer Klippe im Sonnenschatten führte aber zu Solarstromproblemen und Datenübermittlungsschwierikgeiten.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.