WAHLKAMPF Robert Habeck in Göttingen

Habeck in Göttingen: Raus aus einer verantwortungslosen Politik

Wahlkampf-Endspurt in Göttingen mit lockerem Habeck: Die Grünen fuhren am Donnerstagnachmittag in Göttingen auf dem Albaniplatz vor etwa 1000 Besuchern Caroline Otte, Jürgen Trittin und Robert Habeck (im Bild) auf.
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Wahlkampf-Endspurt in Göttingen mit lockerem Habeck: Die Grünen fuhren am Donnerstagnachmittag in Göttingen auf dem Albaniplatz vor etwa 1000 Besuchern Caroline Otte, Jürgen Trittin und Robert Habeck auf.

Wahlkampfendspurt der Grünen in Göttingen auf dem Albaniplatz: Viele kamen am Donnerstagnachmittag, auch, um Robert Habeck zu sehen und zu hören.

Göttingen - Was zunächst enttäuschend leer aussieht, ergibt am Ende ein stattliches Bild: Etwa 1.000 Menschen finden sich auf den Albaniplatz zur Mobilmachung der Grünen vor dem Wahlsonntag ein. Und Robert Habeck ist auch dabei. Ja, Habeck kommt nach Göttingen und nicht die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die doch eine familiäre Bande zur Uni-Stadt hat (Sie ist die Schwiegertochter vom Göttinger Grünen-Urgestein Uli Holefleisch).

Habeck jedenfalls ist der „Nicht-Druck“ oder die Lockerheit des „Nicht-Kanzlerkandidaten“ anzumerken. Es ist der alte Habeck, der da auf der nach allen Seiten offenen, runden Bühne am Nordende des Platzes steht: locker, dynamisch, rhetorisch stark und ja, auch gelegentlich frech ist er.

Zunächst freut er sich darüber, dass es hier in Göttingen, der Stadt der Grünen nach dem Sieg bei den Kommunalwahlen, keine dünne Zuhörerschaft, sondern eine große Menge ist, die hören will, was er, Jürgen Trittin, Caroline Otte und Doreen Fragel zu sagen haben. Charmant ruft Habeck der Kandidatin zu: „So sollte eine Oberbürgermeisterin sein!“

Den Wahlkampf bezeichnet Robert Habeck, der in den vergangenen Wochen treu die ins Schlingern geratenen Kanzlerkandidatin Baerbock gestützt hat, als einen „mit Irrungen und Wirrungen“. Um zu sehen, worum es eigentlich geht, steigt Habeck gedanklich in den Klimakiller Helikopter: Es bedarf „des Hubschrauberblickes um zu erkennen, dass eine Ära endet – es ist ein Epochenübergang“.

Weg von Angela Merkel, der Habeck Respekt zollt, dafür, dass sie das Land entgegen den Populismus- und Nationalismustrends in Europa auf Kurs Demokratie gehalten, „die Rechtskurve verhindert hat“.

Plausch: Robert Habeck im Gespräch mit Doreen Fragel, die vor der Oberbürgermeister-Stichwahl am Sonntag einen starken Reden-Auftritt vor viel Publikum hatte.

Das „Aber“ folgte auf dem Fuß: Politik und Regierungen hätten in der Merkel-Ära erst nach Katastrophen reagiert, nicht in Voraussicht agiert. „Politik wurde unpolitisch betrieben. Das Zögern können wir uns aber nicht mehr leisten.“ So ist für Habeck eine „antwortlose Politik“ entstanden. Wie das zur „verantwortungslosen Politik“ führen kann, habe der Umgang mit Afghanistan gezeigt: Keiner wollte mehr von Fehlern und Entscheidungen etwas gewusst haben, sagt Habeck..

In Bezug auf die Klimakrise und den Klimawandel fordert der 52-Jährige mehr Offenheit und Ehrlichkeit ein: Die SPD und CDU zeigten diese nicht. Dabei spüre doch jetzt schon jeder, dass sich etwas ändere, das Klima, aber auch das Denken.

„Wir haben nur noch wenig Zeit“, sagt Habeck und kritisiert, dass die Politik nicht mehr an politische und gesellschaftliche Veränderungen heranreiche. So sei man Konzernen ausgeliefert, deren Algorhythmen sogar das „Verlieben steuern“. Und deren Chefs so „schweinereich geworden sind, dass sie aus Spaß in den Weltraum fliegen“. Beifall. „Und dort oben sehen sie, dass man diese schöne Erde schützen muss. Sollen sie doch unten bleiben und was tun!“ Jubel.

Auf der Erde, in Deutschland, in der Politik, dürfe man die Ziele nicht aus den Augen verliert, wünscht sich der dynamische Robert Habeck, und die Menschen müssen das Gefühl haben, dass es fair und gerecht zugeht. Fair ist für ihn, Klartext zu reden: „Wir wollen Steuern erhöhen. Ja. Aber bei einem Einkommen von 100.000 Euro pro Person zahlt man ab 100.001 Euro drei Prozent mehr Einkommenssteuer. „Bei so viel Geld, was ist da das Scheiß-Problem?“, ruft er – und erntet viel Beifall. Eine gerechte Umverteilung, auch der Lasten, lasse für ihn „die Gesellschaft sogar zusammenrücken“.

Mittendrin gibt Habeck übermütig das aus, was die vielen Grünen-Fans auf dem Platz hören wollen: „Wir gewinnen Sonntag die Wahl. Doreen wird Oberbürgermeisterin. Ich besorge das Geld, und ihr verbaut es hier für klimaneutrale Wohnungen!“ Jubel.

Am Ende, beim Weggehen, sagt eine Frau: „Vielleicht wäre er der bessere Kanzlerkandidat gewesen.“ Vermutlich hätte Robert Habeck weniger Fehler als Annalena Baerbock gemacht. Kämpferisch zeigte er sich jedenfalls in Göttingen auf dem Albaniplatz. Und Robert Habeck strahlte Lockerheit aus, jene Lockerheit des Nicht-Kanzlerkandidaten, die Baerbock zuletzt immer stärker vermissen ließ. (Thomas Kopietz)

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