Radikale Tendenzen in Ostdeutschland

Rechtsextremismus-Studie: Göttinger Forscher weisen Kritik zurück

Heimstätte für das Institut für Demokratieforschung: Die einst nach einem, den Nazis nahe stehenden, Göttinger Mediziner benannte „Villa Stich“ in der Nähe Uni Campus. Das Institut sorgte wiederholt für Aufsehen, zuletzt mit einer Studie zu den Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland in Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder, Iris Gleicke. Archivfoto: Kopietz

Göttingen. Erhebliche Probleme mit dem Rechtsextremismus bescheinigen Göttinger Politikwissenschaftler in einer Studie drei Gemeinden in Ostdeutschland. 

Die Wissenschaftler vom Institut für Demokratieforschung ernteten für ihre Studie aber auch harsche Kritik.

In der Zeitung „Die Welt“ wurde den Forschern vom „Institut für Demokratieforschung“ vorgehalten, Darstellungen verfälscht und Experten „erfunden“ zu haben. Im Welt-Beitrag wurde die Studie als „haarstäubend“ bewertet.

Die Wissenschaftler, die mit ihrem Institut an die Uni Göttingen angekoppelt sind, widersprechen: „Natürlich ist nichts von diesen Unterstellungen richtig“, heißt es in einer Mitteilung. Alle Interview-Passagen stammten von tatsächlichen Akteuren vor Ort, seien von den Autoren der Studie geführt, verschriftlicht und analysiert worden. Es seien keine Gesprächspartner „erfunden“ worden.

Zum Schutz der Befragten seien diese aber meistens anonymisiert bzw. verfremdet“. Das sei eine in der Wissenschaft und im Journalismus „ganz und gar übliche und unverzichtbare Methode, Quellen zu schützen“, so die Wissenschaftler, die aber formale Fehler bei der Kennzeichnung der Interviewpartner in der Studie einräumten. In einer geplanten Buchveröffentlichung würden solche Fehler nicht mehr vorkommen, sagte der Mitautor Danny Michelsen dem „Tagesspiegel“.

Auch die Aufftraggeberin der Studie, Iris Gleicke, Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, weist die Kritik am Göttinger Institut zurück, das „genieße einen hervorragenden Ruf“.

Für die Untersuchung mit dem Titel „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland – Ursachen, Hintergründe, regionale Kontextfaktoren“ hatten die Wissenschaftler von Mai bis Dezember 2016 die sächsischen Städte Freital und Heidenau sowie den Erfurter Stadtteil Herrenberg untersucht und 40 Einzelinterviews mit Menschen vor Ort geführt, Demonstrationen und Bürgerversammlungen besucht.

Die Autoren stellten rechtsextreme Tendenzen im Denken und im Handeln in den genannten Orten fest, insgesamt auch eine historisch gewachsene Neigung zu Fremdenfeindlichkeit. Dafür verantwortlich seien viele Faktoren, auch eine spezielle Erinnerungskultur sowie ein starkes Bedürfnis nach einer „kollektiven Identifikation mit einer möglichst positiven, moralisch sauberen Idendität“, das auch zur Ausblendung von Realitäten führe. Folge: Gruppen, die am Jahrestag der Ausschreitungen von Heidenau daran erinnern, selbst von Politikern als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet würden.

Fazit: Die Politik sei mitverantwortlich für den Rechtsextremismus. Man vermisse auch klare Worte seitens der Politiker. Auch gäbe es Defizite in der politischen Bildung. Zugleich sei Rechtsextremismus nicht nur ein Ost-West-, sondern auch ein Zentrum-Peripherie-Problem. Er werde aber befördert durch „Faktoren, die in Ostdeutschland stärker ausgeprägt sind“. (epd/tko) 

Hier finden Sie die Studie

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.