LITERATURHERBST: Lesung und Musik in der Lokhalle

Achim Reichel - der Mann, den „die Stones“ fürchten

Musik und Lesung: In der Lokhalle Göttingen sang Autobiografie-Schreiber und Musiker-Legende Achim Reichel auch Songs wie „Der Spieler“ und „Aloha Heja He“.
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Musik und Lesung: In der Lokhalle Göttingen sang Autobiografie-Schreiber und Musiker-Legende Achim Reichel auch Songs wie „Der Spieler“ und „Aloha Heja He“.

Julia Westlake von NDR-Kultur, kündigt einen „Großen“ an: Achim Reichel.

Göttingen – Die Anmoderation für Reichels Auftritt, der im Literaturherbst in der NDR-Reihe „Der Norden liest“ läuft, ist vortrefflich: „Die Stones haben ihn gefürchtet, die Beatles haben ihn geliebt.“ Fehlt nur der Verweis auf Reichels Draht zu Little Richard.

Diese Lücke bügelt Achim in der mit gut 400 Menschen besetzten, locker bestuhlten und luftigen Lokhalle aus. Mit Rock ‘n’ Roll Heroe Little Richard, tourten 1963 die blutjungen Rattles aus Hamburg durch England – im selben Bus. Und „LR“ lud die Jungs auch zum guten Essen ein, „weil er bemerkt hatte, dass wir allzu oft Fish & Chips zu uns nahmen“. Der Mega-Star mochte die Jungs um Reichel. Das sollte sich 35 Jahre später noch einmal zeigen.

Geschichtenerzähler: Musiker Achim Reichel erzählt Julia Westlake (NDR Kultur) in der Lokhalle Göttingen aus seiner Autobiografie.

Achim Reichel, der Sohn aus einer Seemannsfamilie, jedenfalls hat nach zig musikalischen Kurswechseln wieder an einem neuen Kai festgemacht, der direkt in die Elbphilharmonie zu einer Lesung aus seiner Biografie plus Musik führte und riesig ankam. „Ich kann ganz gut Geschichten erzählen, so im Schnack, aber Schreiben ist eine ganz andere Nummer“, sagt Reichel, eine, die er mit Bravour bewältigt hat, der Autobiografie „Ich hab das Paradies gesehen“. Das ist eine Songzeile aus „Aloha Heja He“, die er gerne auf sein Leben übertragt, in dem sich vieles einfach so gefügt hat.

Geschrieben hat Reichel während einer Frachtschiffreise ab Kamerun-Kai nach Namibia. Auf dem Frachter merkt er, wie Recht Frank Schätzing hatte, als der mal zu ihm sagte: „Zum Schreiben bedarf es der Einsamkeit.“ Bevor Reichel aber aus dem Kapitel „Die Frachterreise“ liest, singt er – worauf viele der Fans in der Lokhalle gewartet haben – wie auf den Song, den er gern zum Konzert-Ende singt und mit einer Botschaft versieht: „Leben Leben“. Eine Zeile darin lautet: „Leben, bin weit mir dir gekommen“. Sie steht fürs Leben des Achim Reichel, der glücklich ist über ein Leben, das es gut ihm meinte – bis heute in sein 77. Lebensjahr.

Unglaubliche 76 ist Reichel, dieser lebhafte und so gar nicht selbstverliebte Mann, der dann liest – über den Elbstrand von Ovelgönne, wo Achim Anfang der 60er der Held ist, dank seines portablen Plattenspielers und ein Rock-‘n’ Roll-Singles. Den Plattenspieler tauscht er gegen eine Gitarre, die als Deko in Winfrieds Partykeller diente. Die Gitarre wird der Türöffner zum Rock ‘n’ Roll und zu einer lebenslangen Leidenschaft: „Wir trieben es bald miteinander, ohne aus dem Rhythmus zu kommen. Sie war meine erste Liebe, aber ich wurde ihr untreu. Zunächst war alles nur Petting, dann wollte ich einstöpseln – eine E-Gitarre musste her.“ Heute zupft er die Gitarre bei „Der Spieler“. Gänsehautatmosphäre in der Lokhalle, wo Tanzen und Mitsingen wegen Corona nicht angesagt sind.

Achim Reichel (rechts) unterstützt von Percussionist Jojo im Doppelformat. Unten live auf der Bühne, oben live im Netz.

Warum aber fürchteten die Stones eigentlich die Rattles und kommen noch heute bei Reichel nicht gut weg? Jagger und Co. waren sich bei der Tournee mit den Rattles für den Tourbus zu schade, reisten bald in Limousinen. Gut für die Rattles: „So hatten wir mehr Platz.“ Die Rattles spielen sich bei den Konzerten nach vorn. Auch das mochten die Stones nicht.

34 Jahre nach der Tour mit Little Richard ist dieser zeitgleich mit Reichel in München. Dort geschieht für Reichel Unbegreifliches: Der Mega-Star bekommt mit, dass Reichel an der Hotelbar sitzt und holt ihn zu sich, begrüßt ihn mit „alter Freund“. „Das hatte ich nicht erwartet.“

In der Lokhalle singt er auch „Aloha Heja He“, die Zeile „Ich hab´das Paradies gesehen“ ruft er und erzählt noch davon, wie ihm im Leben die „Situationen oft serviert wurden“. Für viele ist es schön in Corona-Zeiten, vom glücklichen Leben zu hören – ob gelesen oder gesungen. „Leben trotz alledem und gerade eben, was Besseres wird’s nicht geben als Leben leben“, heißt es im ersten Song des Abends, der zum Abschluss zitiert werden will. Lang anhaltender Beifall.

Von Thomas Kopietz

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