Reiner Meutsch im Interview: „Ekel habe ich abtrainiert“

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Umringt von Schulkindern in Ruanda: Diesen Moment nennt Reiner Meutsch einen der schönsten seiner Reise. Das Glück in den Augen derer, die nichts haben, fasziniert ihn noch heute.

Göttingen. Reiner Meutsch hat alle Kontinente der Erde bereist und eine Stiftung gegründet, mit der er Schulen baut, wo Menschen Not leiden. Wir sprachen mit ihm über die schönen und gefährlichen Momente seiner Weltreise und seine Motivation zu helfen.

Was hat Sie zu Ihrer Weltumrundung bewegt?

Reiner Meutsch: Vor dreißig Jahren sagte mein Vater: „Wenn ich Rentner bin, werde ich reisen. Dann sehe ich mir die Sidney-Oper und New York an.“ Er ist mit 58 Jahren gestorben und nie gereist. Nachdem ich mein Touristikunternehmen Berge und Meer zum Marktführer aufgebaut hatte, fiel mir mit 50 Jahren der Satz wieder ein.

Was haben Sie dann gemacht?

Meutsch: Ich habe das Unternehmen verkauft, mich zum Piloten ausbilden lassen, die Stiftung Fly and Help gegründet um während der Reise Gutes zu tun. Während der Reise hat sich bei mir die Lust am Helfen entfesselt, so sind 60 Schulen für 31.000 Kinder entstanden.

Hatten Sie auch gefährliche Momente?

Meutsch: Ja. Auf dem Weg von Kamtschatka nach Russland kamen wir in schwerste Unwetter, der Sprit ging zu Ende und in letzter Minute kamen wir auf einem Landeplatz an, das hätten wir sonst nicht überlebt.

Haben Sie noch ein Beispiel?

Meutsch: Oder als wir in den Anden durch Schluchten flogen, fielen GPS und Funk aus und wir verloren die Orientierung, weil es in den Tälern neblig war. Wir konnten nicht höher fliegen, die Berge sind 7000 Meter hoch. Wir hatten wirklich Angst, aber auch schöne Momente. Das Great Barrier Reef, die großen Wüsten unserer Erde, Himalaya, Karibik und die Nordlichter Grönlands.

Was war das schönste Erlebnis für Sie?

Meutsch: Die erste Schuleröffnung in Ruanda, als 1300 Kinder mit zerfetzter Kleidung im strömenden Regen vor mir standen. So etwas Emotionales habe ich vorher nur bei der Geburt meiner Töchter erlebt. Ich kannte touristische Gegenden. Dominikanische Republik und schöne Hotels. Das war die Welt, die ich produziert hatte. Ich war aber nicht in Schwellenländern bei Naturvölkern, die glücklich sind, ohne etwas zu haben. Ich hatte Glück aus Kapital definiert. Aber diese Menschen waren froh über Mond, Sonne und Wasser.

Glauben Sie, dass wir unglücklich werden, wenn wir Besitz anhäufen?

Meutsch: Manche sind glücklich, wenn sie viel anhäufen. Manche, wenn sie halten, was sie erschaffen haben. Es gibt auch bei uns Menschen, die glücklich sind und nichts haben.

Welche Charaktereigenschaft braucht man für eine Weltreise?

Meutsch: Neugier und Gelassenheit. Durch Einreiseregelungen in 77 Länder muss man stressresistent und feinfühlig sein und auch ein gewisses Durchsetzungsvermögen mitbringen.

Wie haben Sie sich verpflegt? 

Meutsch: Rüdiger Nehberg hat mich vorbereitet und ich musste Insekten essen, weil wir nicht wussten, ob unsere Maschine stehen bleibt. Diesen Ekel habe ich abtrainiert. Vorher habe ich keinen Reis gegessen. Aber den gab es auf allen Kontinenten. Für mich wurde er zum Lieblingsgericht.

Was war das merkwürdigste und was das beste Gericht?

Meutsch: Geröstete Heuschrecken in Mauretanien, dazu musste ich mich überwinden. Es gab dort eine Plage und in einem Restaurant, in dem ich war, hatten sie nichts mehr, nicht einmal Reis. Das Essen, was ich am meisten genossen habe, war auf den Aleuten. Dort gab es einen Hotelier, der King-Crab-Fischer war. Der hat Krabben gefangen, mit einem Meter Durchmesser und sie für uns mit unterschiedlichsten Saucen zubereitet. Solche Geschmacksrichtungen hatte ich noch nie erlebt.

Wie kamen Sie mit dem Fernweh-Festival in Kontakt? 

Meutsch: Mit Veranstalter Matthias Hanke hatte ich mal eine Radiosendung. Jahre später war ich in Kanada und dann kommt ein Kanu um die Ecke. Ich hatte ihn vor zehn Jahren als Gast im Radio. Der schipperte zehn Wochen über den Yukon, um darüber zu berichten. Danach sagte er: „Komm doch mit deiner Show nach Göttingen.“

Warum sollten Menschen sich das Festival ansehen?

Meutsch: Weil sie mit allen Sinnen in die Welt gebracht werden. Dort erzählen Menschen, was sie erlebt haben. Manches kann man nachvollziehen, manches ist für normale Menschen unerreichbar.

www.fly-and-help.de

Zur Person

Reiner Meutsch (59) ist leidenschaftlicher Pilot. Er ist geschieden und hat zwei Töchter. Gearbeitet hat er in der Touristik und als Radiomoderator. Mit einem Freund hat er seine Firma Berge und Meer aufgebaut. Heute kümmert er sich um seine Stiftung, sammelt Geld, die für Schulbauten verwendet werden. Mit seinem Namen stehe er dafür, „dass das Geld ohne Abzug eingesetzt wird“. Er möchte über 100 Schulen bauen. Jetzt sind es 60.

Meutsch zu Gast beim Fernwehfestival 

Reiner Meutsch ist an diesem Wochenende Gast beim Göttinger Fernwehfestival im Zentralen Hörsaalgebäude. Der Vortrag „Abenteuer Weltumrundung“ beginnt am Samstag, 24. Januar, um 20 Uhr.

Karten kann man bei allen Vorverkaufsstellen erwerben, die an das System Reservix angeschlossen sind. Außerdem ist die Tageskasse am Samstag ab 13 Uhr sowie am Sonntag ab 10 Uhr geöffnet.

Eintrittskarten ohne Vorverkaufsgebühren kann man bei der Bergwelt und der Buchhandlung Vaternahm bekommen.

Ausführliche Beschreibungen der Vorträge und der Referenten des Göttinger Fernwehfestivals gibt es im Internet.

www.fernwehfestival.de

Von Jürgen von Polier

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