Interview

Göttinger Forscher Frank Albe spricht über über Corona, Tourismus und Wünsche

Warteschlangen waren einmal: Während der Herbstferien war die Zahl der Fluggäste auch am Flughafen Hannover in Langenhagen überschaubar.
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Warteschlangen waren einmal: Während der Herbstferien war die Zahl der Fluggäste auch am Flughafen Hannover in Langenhagen überschaubar.

Die Corona-Krise mit Reisewarnungen und -verboten trifft die Tourismuswirtschaft mit einer nie da gewesenen Wucht.

Göttingen – Wir sprachen mit dem Professor für Betriebswirtschaft und Branchenkenner an der Privaten Fachhochschule (PFH) Göttingen, Prof. Dr. Frank Albe über die Krise und die Zukunft der Reisebranche.

Herr Albe, lange ging es im Tourismus stetig bergauf. Was aber macht die Corona-Krise mit der Branche?

Nach rund zehn Rekordjahren in Folge trifft die Krise die Tourismuswirtschaft besonders hart, auch weltweit. Der Tourismus ist der drittgrößte Wirtschaftszweig der Welt, 2,92 Millionen Erwerbstätige sind in Deutschland direkt in der Tourismuswirtschaft beschäftigt. Die touristische Nachfrage sorgt für eine direkte Bruttowertschöpfung von 105,3 Milliarden Euro. Nun liegt in manchen Ländern, die extrem abhängig vom Tourismus sind, fast die gesamte Wirtschaft lahm. Zudem wissen wir nicht, wie lange, wie oft es noch Einschränkungen geben wird.

Wie lange würde ein Wiederhochfahren der Branche dauern?

Generell erholt sich die Branche schnell. Auch, weil wir Menschen schnell vergessen. Das haben die Erfahrungen nach 9/11, dem Tsunami in Thailand und der Finanzkrise 2008 gezeigt. Die Branche hat sich danach jeweils zügig aufgerappelt. Corona aber dauert länger. Die latente Gefahr zu erkranken bleibt bei uns im Kopf. Zudem sind ältere Menschen stärker bedroht und ängstlicher. Sie aber sind für die Branche eine extrem wichtige Zielgruppe. Also wird nicht alles so schnell wieder hochzufahren sein. Zudem wurde ja Personal abgebaut, Anlagen sind geschlossen. Wie sich die Lage in einzelnen, starken Tourismus-Ländern entwickeln wird, das ist ungewiss.

Hat man bei den Touristik-Riesen wie Tui solche Szenarien je bedacht?

An eine solche dauerhafte Krise und Bedrohung durch einen Virus hat man nicht gedacht. Das hat unsere Vorstellungskraft überstiegen.

Nun boomen Individualreisen.

Ja, wie die Camping- und Caravan-Reisen. Sie ermöglichen momentan eine Freiheit, Unabhängigkeit. Man bleibt im eigenen Wagen, muss nicht in Flieger, Busse oder auf Schiffe. Davon profitiert der lokale, regionale und innerdeutsche Tourismus – mit Reisezielen, die plötzlich wieder interessant geworden sind. Dass wir die Ostsee, den Harz, Edersee und das Sauerland wieder entdecken, interessant finden, ist positiv. Auch die scheinbar nun dauerhaft wärmeren Sommer tragen dazu bei.

Wie steht es um die Reiselust? Wir Deutschen spielen ja in der Champions League der Reiselustigen.

Die Lust am Reisen und das Fernweh sind nicht verschwunden. Corona wird aber die Art, wie Menschen über das Reisen denken und wie sie ihre Entscheidungen treffen, verändern. Das ist bereits erkennbar. Auch zeigt sich, dass nun stärker über Auswüchse des Tourismus nachgedacht wird, ich meine Flugreisen für 19 Euro nach Barcelona. Das muss nicht sein. Kurzum: Das Reisen hat sich durch Covid-19 verändert – und das Denken über das Reisen ebenfalls. Wir sehen in der Nähe, dem Einfachen öfter wieder das Gute. Es muss nicht immer – wie es für viele fast schon normal war – die Fernreise oder der Billigflug sein. Das Nachdenken darüber ist gut.

Gedanken, die auch viele junge Menschen umtreibt, vor allem Klimaaktivisten.

Klimaaktivisten um die Fridays-for-Future-Bewegung haben dazu starke Impulse gesetzt. Jetzt muss eine ganze Branche umdenken und neue Strategien und Konzepte für das Reisen entwickeln.

Können das die tun, die sich den Massentourismus ausgedacht haben? Fehlen nicht Andersdenkende?

Dafür brauchen wir vor allem gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte, die um die Ecke denken können und alle Management-Disziplinen beherrschen – von der Strategie über die Produktentwicklung, das Marketing bis hin zum Controlling. Auch wir an der PFH werden das berücksichtigen.

Touristik und Gastronomie fehlen Fachkräfte, sie sind nicht schnell verfügbar.

Richtig, die Fachkräftesicherung war schon vor der Corona-Krise ein sehr relevantes Thema der Branche und ist nun wichtiger denn je. Jetzt geht es darum, sich aus- und weiterzubilden für die Zeit nach der Krise.

Für die Tourismus-Konzerne ist die hohe Auslastung wichtigstes Kriterium, muss man sich davon verabschieden?

In gewisser Weise ja – die Veranstalter und Fluggesellschaften gehen von einer Auslastung von 80 bis 85 Prozent aus – in den Maschinen und in den Hotels und Ressorts ebenfalls. Das wird für bestimmte Ziele nicht zu erreichen sein. Also wird es zu Schließungen kommen. Hotels in anderen Regionen und Städten kalkulieren mit weniger Auslastung – aber auch dort wird es Entlassungen geben. Die Folgen für die Menschen sind noch nicht genau absehbar. Sie werden mancherorts dramatisch sein.

Zur Person

Prof. Frank Albe, geboren 1964 in Braunschweig, studierte Wirtschaftswissenschaften und Politik an der TU Braunschweig und der Uni Göttingen, promovierte am Institut für Produktions- und Investitionsforschung. Für die Tui in Hannover arbeitete er fünf Jahre im Controlling, lehrte zeitgleich in Göttingen an der Privaten Fachhochschule (PFH) und der Uni. Seit 2000 ist er Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftlehre, Tourismusmanagement und Controlling an der PFH, seit 2014 deren Präsident.

Von Thomas Kopietz

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