Preisgeld von jeweils 2,5 Millionen Euro

Riesenerfolg: Zwei Leibniz-Preise gehen nach Göttingen

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Faszinierende Blicke auf Ursprünge des Lebens: Am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen erforscht Dr. Melina Schuh (rechts) Fehler bei der Eizellenteilung, hier mit ihrer Mitarbeiterin Julia Vraji, beim Blick auf eine Eizelle.

Göttingen. Riesenerfolg für eine Göttinger Wissenschaftlerin: Melina Schuh hat den Leibniz-Preis und damit den wichtigsten deutschen Förderpreis gewonnen. Sie forscht zur Entwicklung von menschlichen Eizellen. Ebenfalls ausgezeichnet wurde Prof. Dr. Ayelet Shachar vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften.

Aktualisiert am 7.12. um 16.30 Uhr - Der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis gilt als wichtigster Forschungspreis Deutschlands, er ist mit je 2,5 Millionen Euro hoch dotiert und soll Wissenschaftlern ermöglichen, bis zu sieben Jahre nach ihren eigenen Vorstellungen forschen zu können. 

Genau das möchte die 38-jährige und bereits mehrfach ausgezeichnete Melina Schuh tun: Sie erforscht an menschlichen Eizellen vor allem, warum diese mit zunehmendem Alter der Frau an Qualität verlieren, und Fehler während der Reifeteilung (Meiose) häufiger werden. Die Folgen sind Kinder mit Chromosomen-Anomalien, wie Down-Syndrom, oder gar Fehlgeburten. 

In einer Partnerschaft stellt sich früher oder später die Frage nach dem Kinderwunsch. Immer mehr Paare entscheiden sich jedoch erst spät für Nachwuchs. Doch dieser Aufschub ist nicht frei von Risiken: Denn die Qualität unreifer Eizellen – die bereits von Geburt an bei jeder Frau angelegt sind – nimmt mit deren Alter ab. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten oder ein Kind mit chromosomalen Anomalien wie dem Down-Syndrom. Diesen Fragen ist die Wissenschaftlerin auf der Spur.

Die in Bad Pyrmont geborene Melina Schuh hat mit ihrem jungen, internationalen Team am MPI für biophysikalische Chemie Antworten gefunden, Fehlerquellen entdeckt. Und sie hat diese Gen-Veränderungen am Mikroskop sichtbar machen können.

Die Chromosomentrennung in einer menschlichen Eizelle. Der Spindelapparat (grau) trennt die Chromosomen (magenta). Dabei können Fehler auftreten.

„Unsere Erkenntnisse tragen dazu bei, besser zu verstehen, wie befruchtungsfähige Eizellen entstehen und warum Kinder älterer Frauen häufiger unter Chromosomenanomalien leiden als die jüngerer“, sagt Schuh. Dieses Wissen könnte zukünftig helfen, Frauen in ihren späten 30ern und frühen 40ern ihren Kinderwunsch zu erfüllen, hofft die Leibniz-Preisträgerin.

Die Juroren haben deshalb zurecht gewürdigt, dass Schuhs Arbeiten „zum besseren Verständnis der Chromosomen-Anomalien beitragen.“ In naher Zukunft – und mit dem Forschungspreisgeld im Rücken – möchte die Biologin Schuh vor allem in die Infrastruktur im Labor investieren. „Die Forschung mit Eizellen ist sehr aufwendig. Und wir brauchen dringend eine bessere technische Unterstützung, das wird jetzt leichter zu realisieren sein“, sagte Schuh gegenüber unserer Zeitung. 

Bei der Arbeit im Labor des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie: Dr. Melina Schuh arbeitet leistungsstarken Mikroskopen.

Sie bezeichnet die Auszeichnung „als eine große Ehre“ für sich und ihre Abteilung: „Es war ein wunderbares Nikolausgeschenk.“ Zeit zum Feiern blieb allerdings kaum: Die dreifache Mutter und international angesehene Forscherin muss schon am Samstag nach San Diego fliegen – zu einem Kongress. 

Eine erfolgreiche Frau ist auch die Rechts- und Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Ayelet Shachar (52), die auch in Tel Aviv studiert hat und seit 2015 am kleinsten Göttinger MPI arbeitet, dem zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Shachar war auch an der internationalen Top-Uni in Yale (USA) und beackert thematisch ein riesiges Arbeitsfeld, wovon viele Veröffentlichungen zeugen: Staatsbürgerschaftstheorie, Einwanderungsrecht, Multikulturalität und Frauenrechte, Familienrecht und Religion, hochqualifizierte Migration, Frieden und globale Ungleichheit – allesamt wichtige Fragen und Probleme unserer Zeit. 

Ihre Arbeiten fänden international weltweit Resonanz, würdigten die Juroren der Deutschen Forschungsgemeinschaft Ayelet Shachar.

Seit 2016 Direktorin an Göttinger Max-Planck-Institut

Melina Schuh studierte Biochemie an der Universität Bayreuth und wurde 2008 nach mehrjährigen Arbeiten am European Laboratory of Molecular Biology (EMBL) in Heidelberg von der Universität Heidelberg promoviert. Im Anschluss wechselte sie nach Cambridge (England), wo sie von 2009 bis Ende 2015 als Gruppenleiterin am renommierten MRC Laboratory of Molecular Biology forschte. Seit Januar 2016 ist sie Direktorin am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen und leitet dort die Abteilung Meiose.

Mehrfache Auszeichnungen

Für ihre Arbeiten wurde Melina Schuh mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem John Kendrew Young Scientist Award, dem Biochemical Society Early Career Award, dem Lister Research Prize, dem EMBO Young Investigator Award, dem BINDER Innovationspreis, der Colworth-Medaille und der EMBO Gold Medal.

Prof. Dr. Ayelet Shachar: Arbeiten zum Thema Staatsbürgerschaft

Auszeichnet wurde zudem Prof. Dr. Ayelet Shachar (52), Rechts- und Politikwissenschaften, vom Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften.

Die  Arbeiten von Ayelet Shachar zu Staatsbürgerschaft und rechtlichen Rahmenbedingungen in multikulturellen Gesellschaften haben nach Ansicht der Juroren zu einer der führenden Expertinnen auf diesem Gebiet werden lassen. Bereits mit ihrem ersten, 2001 erschienenen Buch „Multicultural Jurisdictions: Cultural Differences and Women’s Rights“ erzielte Shachar weltweit Resonanz. Darin untersuchte sie den Status von Frauen in religiösen Minderheiten und analysierte die Spannungen zwischen Traditionen, religiöser Diversität und der allgemeinen Norm der Geschlechtergleichheit.

Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen: Prof. Dr. Ayelet Shachar.

In ihrem zweiten Buch „The Birthright Lottery: Citizenship and Global Inequality“ (2009) beschäftigte Shachar sich mit Fragen der Gerechtigkeit, die sich daraus ergeben, dass Staatsbürgerschaft typischerweise nicht aufgrund eigener Verdienste, sondern zufällig erworben wird. Sie forderte, dass diejenigen, die in der „Staatsbürgerlotterie“ größere Gewinne erzielt haben, die Ungleichheiten in der weltweiten Verteilung von Chancen abmildern, etwa in Form transnationaler Verpflichtungen von wohlhabenden gegenüber ärmeren Staaten. In jüngster Zeit widmete Shachar sich dem Phänomen der „shifting borders“, also der Lösung nationalstaatlicher Grenzregimes von einem klar definierten Territorium hin zu flexiblen und variablen Zonen und Orten, in denen intensivere Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen erlaubt sind.

Ayelet Shachar studierte Politik und Rechtswissenschaften an der Universität Tel Aviv. Ihren Doktortitel erwarb sie 1997 an der Yale Law School in den USA, um danach an der Universität Toronto, Kanada, in verschiedenen Positionen ihrer Lehrtätigkeit nachzugehen. 2007 wurde sie von der Universität Toronto auf den Canada Research Chair in Citizenship and Multiculturalism berufen. Seit 2015 ist Shachar Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen.

Kommentar: Beispiel für Forscherinnen-Karrieren

Thomas Kopietz über die Leibniz-Preise für zwei Göttinger Forscherinnen

Der Ruf Göttingens hatte zuletzt Schaden genommen. Grund waren Korruptionsverdachtsfälle an Uni und Uni-Medizin und nur ein Cluster in der Exzellenzinitiative. Dass die Uni-Stadt – wie schon oft in der jüngeren Vergangenheit – bei der Vergabe der Leibniz-Preise abräumt, ist Balsam auf die Seele vieler am Standort. Zwei Preisträgerinnen zeigen aber auch: Um den Göttingen Campus mit seinen vielen Forschungsvernetzungen steht es nicht so schlecht, wie mancher es vermutet. Göttingen ist weiter ein wichtiger, vielleicht der bedeutendste Forschungsplatz in Niedersachsen. Die Preise für die international beachteten Melina Schuh und Ayelet Shachar stehen nämlich auch für eine Göttinger Stärke, die Bandbreite der Forschung und Top-Wissenschaftler vor Ort: Der Preis geht an eine Biologin, die sich mit Fehlern bei der Eizellenteilung beschäftigt und eine Politologin, der es auch um Flucht, Migration und Frauenrechte geht. Schuh und Shachar zeigen auch, dass Frauen in der Wissenschaft sehr wohl Karriere und Familie unter einen Hut bringen und frühzeitig Leitungspositionen übernehmen können. An den Max-Planck-Instituten finden sie dafür hervorragende Bedingungen.

Der Leibniz-Förderpreis 

Der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ist der wichtigste Forschungsförderpreis in Deutschland. Neben dem hohen Renommee ist die Auszeichnung mit einem Preisgeld von bis zu 2,5 Millionen Euro verbunden.

Ziel des 1985 eingerichteten Leibniz-Programms ist es, die Forschungsmöglichkeiten der Preisträgerinnen und Preisträger zu erweitern, sie von administrativem Arbeitsaufwand zu entlasten und ihnen die Beschäftigung besonders qualifizierter junger Wissenschaftler zu erleichtern. Die Förderung wird nur auf Vorschlag Dritter gewährt. Die Entscheidung über die Preisvergabe trifft der Hauptausschuss aufgrund einer Empfehlung des Auswahlausschusses für das Leibniz-Programm.Mit Melina Schuh haben nun 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die am MPI für biophysikalische Chemie forschen oder geforscht haben, den renommierten Forschungspreis erhalten. Einer der bekanntes Göttinger Gewinner des Leibniz-Preises ist der Hörforscher Tobias Moser.

Die weiteren Leibniz-Preisträger

• Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin, Robotik, Technische Universität München

• Prof. Dr. Rupert Huber, Experimentelle Physik, Universität Regensburg

• Prof. Dr. Andreas Reckwitz, Soziologie, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder 

• Prof. Dr. Hans-Reimer Rodewald, Immunologie, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg

• Prof. Dr. Brenda Schulman, Biochemie, Max-Planck-Institut für Biochemie (MPIB), Martinsried 

• Prof. Dr. Michèle Tertilt, Wirtschaftswissenschaften, Universität Mannheim

• Prof. Dr. Wolfgang Wernsdorfer, Experimentelle Festkörperphysik, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

• Prof. Dr.-Ing. Matthias Wessling, Chemische Verfahrenstechnik, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen und Leibniz-Institut für Interaktive Materialien (DWI), Aachen

Weitere Infos gibt es hier.

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