Roadmap einer Straßendirne: Viel Beifall bei Uraufführung

Viele Fragen: Nach der Uraufführung ihres Films beantwortete Petra Dombrowski gerne Fragen aus dem Publikum. Neben ihr Wilfried Arnold, Geschäftsführer im Programmkino Lumière. Foto: Eriksen

Göttingen. Weltpremiere eines Stücks Göttinger Familiengeschichte: Petra Dombrowski präsentierte ihren Film „„Roadmap einer Göttinger Straßendirne“.

„Ich war sofort bereit, ihren Film zu zeigen, als Petra Dombrowski mir letztes Jahr erzählte, was sie vorhat“, sagte Wilfried Arnold, Geschäftsführer des Göttinger Programmkinos Lumière. „Ich habe den Film noch gar nicht sehen können, denn er ist erst seit wenigen Tagen fertig.“

Nach der einstündigen Vorstellung war Dombrowski sichtlich glücklich. Wilfried Arnold und die Premierenbesucher waren von der Geschichte bewegt und von der Machart des Films fasziniert.

Erzählt wurde der Göttinger Teil der Lebensgeschichte von Petra Dombrowskis Urgroßmutter, die als Minna L. in Wolbrechtshausen aufwuchs und nach unterbezahlten Anstellungen als Dienstmädchen ihr Brot als Prostituierte verdiente. Nachdem ihr Vater auf Nimmerwiedersehen nach Amerika ausgewandert und ihre Mutter verstorben war, musste sie von ihrem kargen Verdienst auch ihre kleinen Geschwister unterstützen.

Film aus einfachen Mitteln

Nachdem Minna von der Polizei beim Anschaffen erwischt wurde, wurde sie eine sogenannte Kontrolldirne. Es gab strenge Auflagen, zu welchen Tageszeiten sie sich wo in Göttingen aufhalten durfte und wo nicht. So wurde sie ein Opfer der gängigen Doppelmoral. Prostitution wurde geduldet - Übergriffe durch Dienstherren auch, aber nur im Dunkeln. Auch Petra Dombrowskis Vater schwieg eisern zu diesem Teil der Familiengeschichte, die seine Tochter seit sechs Jahren aufarbeitet.

Zwei Töchter 

Minna bekam zwei uneheliche Töchter. Die erste starb als Kleinkind, die zweite war Emmi, Petra Dombrowskis Großmutter. Als das Anschaffen in Göttingen zu schwierig wurde, ging Minna ins Ruhrgebiet und heiratete, arbeitete aber weiter als Prostituierte.

Der Film ist mit relativ einfachen Mitteln erstellt. Die einzigen wirklich bewegten Bilder zeigen Petra Dombrowski bei ihren Recherchen. Ansonsten gibt es Fotos und Stadtpläne aus Wolbrechtshausen und Göttingen um 1900.

Schauspieler in zeitgenössischen Kostümen wurden fotografiert und leicht verfremdet vor diese Ansichten gestellt. Manchmal wurden sie auch davor verschoben, so dass eine Art Bewegung entstand. Der Clou sind die Gespräche, die zu diesen Bildern eingespielt werden: Tratsch zwischen zwei Bäuerinnen in Wolbrechtshausen auf Plattdeutsch, freundlicherweise mit Untertiteln in Hochdeutsch, und Unterhaltungen von Minna und ihrer Dienstherrin, ihrem Onkel, der Tante, der Polizei, natürlich auch zwischen Minna und ihren Kolleginnen.

Hintergrund: Filmemacherin Dombrowski will weiter recherchieren

Die uneheliche Emmi, die Großmutter von Filmemacherin Petra Dombrowski, wuchs nicht bei ihrer verheirateten Mutter, sondern im Erziehungsheim auf und hatte dort eine dicke Akte, die die Künstlerin aufarbeiten will.

Auch hat Dombrowski Emmis leiblichen Vater ausfindig gemacht, einen Selbständigen in Göttingen, und will hier weiter recherchieren. Sie möchte demnächst wieder Stadtführungen zum Thema Straßendirne in Göttingen anbieten und plant, ihren Film als DVD herauszugeben.

Weitere Filmvorführungen sind im Gespräch. Die vorläufig letzte im Lumière beginnt am Dienstag, 14. Juli, um 18 Uhr.

Die Darsteller kamen aus dem Theater im OP und von der Laienspielgruppe Hevensen, einem Nachbarort zu Wolbrechtshausen. Es spielten Kerstin Börst, Monika Giro, Lena Aust, Maren Sartorius, Sebastian Braatz, Heiko Teigelkötter, Andreas Müller, Anneli Westphal, Hermann Miotke, Christia Becker, Gudrun Stutz, Maria und Wilfried Töpperwein und Heike Weiß. Als Kameraleute fungierten Jürgen Jenauer sowie Thomas Klawunn. Off-Sprecher war Jan Reinartz.

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